Comunità di S.Egidio


Chiesa di Sant'Egidio - Roma




















 

von
Francesca Zuccari

 

Das Fehlen der Familie

In den vergangenen Jahren hat sich das Universum der Obdachlosen sehr verändert. Die sogenannten Penner sind nur ein kleiner Teil. Man trifft nämlich immer häufiger Menschen, die anscheinend eine normale Vergangenheit hatten, aber dann aufgrund dramatischer aber nicht außergewöhnlicher Ereignisse auf der Straße gelandet sind. Alte Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, Erwachsene, die sich nach einer Scheidung von der Familie getrennt haben und keine Alternative gefunden haben, Jugendliche, die ihre Arbeit verloren haben, Ausländer, die aus Entwicklungsländern kommen. Daraus folgt, dass sich die Gestalt dieses Phänomens in den letzten Jahren sehr verändert hat. Auch das Durchschnittsalter ist niedriger geworden, besonders weil immer mehr Jugendliche unter den Obdachlosen sind.

Bei vielen Menschen beginnt die Krise mit dem Fehlen der Familie, und das ist meistens auch die Ursache dafür; manche haben nie eine Familie gehabt, bei allen aber ist sie nicht mehr intakt. Besonders die Verschlechterung der Familienbeziehungen drängt viele Menschen auf die Straße. Das ist zweifelsfrei mit Abstand der Hauptgrund, den die Obdachlosen angeben, warum sie auf der Straße gelandet und dort geblieben sind. Die Familie ist wie ein Knotenpunkt, wenn auch nicht der einzige, um das Rätsel von vielen Geschichten zu lösen.

Geschichten von Missverständnissen und zerbrochenen Beziehungen hinterlassen im Leben von allen spürbare Zeichen, umso mehr bei Obdachlosen, für die die Erinnerung an die Familie eine Erinnerung an ein mehr oder weniger stabiles und geordnetes Leben ist. In den Erzählungen spürt man die schmerzende Wunde von verlorener Zuneigung und auch von einem minimalen Wohlstand, der nicht mehr vorhanden ist.

Ein familiäres Umfeld kann große soziale Probleme wie Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, psychische Krankheit und Arbeitslosigkeit mehr oder weniger aushalten; es ist eine Gradwanderung, bei der tragische Geschichten von Unverständnis, Enttäuschungen, Spannungen, Ängsten und manchmal wahre Dramen entstehen und sich verstricken. Meistens werden schwierige Spannungen damit gelöst, dass sich ein Mitglied der Familie freiwillig oder gezwungen von der Familie trennt. Welche Alternativen gibt es? Das ist meistens der Anfang eines Weges ohne Rückkehr.

Frauen auf der Straße
Es ist hart und gefährlich, auf der Straße zu leben. Deshalb begegnet man mehr Männern als Frauen. Trotzdem ist die Zahl der Frauen nicht gering, wenn man berücksichtigt, welche Entbehrungen Obdachlosigkeit mit sich bringt. Die Gleichberechtigung auf der Straße ist keine Errungenschaft, sondern ein Gesetz, das vom Zwang zum Überleben auferlegt wird. Man muss leben und sich verteidigen können wie ein Mann, aber der Kampf ist oft ungleich und die Frauen sind in der Tat doppelt benachteiligt. Die Einsamkeit ist nicht nur eine Last, sondern auch ein Risiko.