Comunità di S.Egidio


 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

20/03/2004


Ist sie denn immer noch nicht tot
Ihre Nachbarn hätten die HIV-infizierte Ana Maria Muhai schon aufgegeben - jetzt engagiert sie sich gegen Aids

 

Ana, Maria Muhais Mann Domingo glaubt wahrscheinlich, daß seine Frau schon tot ist. Ob er noch lebt, interessiert sie heute nicht mehr. Als Dorningo Muhai seine Frau im Frühjahr 2002 verließ, wog sie nur noch 29 Kilogramm. Damals wußte die Mutter von acht zum Teil schon erwachsenen und, allesamt gesunden Kindern bereits, daß sie an Aids erkrankt war. Als ihr Mann das, erfuhr, verschwand er. Moçambiquanische Männer nehmen wie selbstverständlich an, daß sie kein Aids haben. Einen Test halten sie meist für überflüssig. Woher das Virus stammt, interessiert sie nicht. Moçambiquanische Frauen hingegen beginnen, zu ahnen, daß ihre Männer sie und oft auch ihre Kinder angesteckt haben. Gesellschaftlich stiginatisiert werden aber weiterhin nur die Frauen und nicht etwa die HIV-Überträger, die wie Domingo Muhai zu Zehntausenden in Bergwerken des Nachbarlandes Südafrika arbeiten und sich dort meist bei Prostituierten anstecken.

Ana Maria Muhai hatte keine Schmerzen. Sie litt nur unter einem starken Husten und einem rapiden Gewichtsverlust. Als sie vor zwei Jahren in das Zentrum der Gemeinschaft Sant'Egidio in Machava gebracht wurde, waren ihre Nachbarn froh. Zuletzt hatte keiner mehr die von Ana Maria Muhai gezüchteten Tomaten haben wollen. Die Kinder der Schwerkranken wurden gemieden und verjagt. Nun endlich waren sie von dem Übel befreit. "Ist sie denn immer noch nicht tot?" fragten die Nachbarn die Helfer von Sant'Egidio, die versuchten, das Leben der Einundvierzigjährigen zu retten.

Ana Maria Muhai gehörte zu den ersten Patienten, die mit der Dreifach-Therapie "Highly Active Antiretroviral Therapy" (HAART) behandelt wurden. Die Kosten der generisch in Indien von der Firma Cipla, erzeugten Medikamente belaufen sich auf 330 Dollar im Jahr. Insgesamt zahlt Sant'Egidio 700 Dollar für die Behandlung eines Aids-Kranken in Moçambique (in Europa und Amerika kostet die Therapie zwischen 14 000 und 34 000 Dollar - je nachdem, in welchem Stadium sich der Patient befindet). Nach nur wenigen Monaten wog Ana Maria Muhai wieder 73 Kilogramm. Als sie das erste Mal aus ihrer Schilfhütte im Township von Machava trat, seien die Nachbarn starr vor Entsetzen gewesen. "Sie glaubten ' ich sei ein. Geist, erzählt die mittlerweile 43 Jahre alte Frau. "Und weil man in Afrika Geister vertreibt, indem man ihnen einen Klaps auf den Po gibt, versuchten meine Nachbarn wochenlang, mich auf diese Weise zu verjagen.“

Ana Maria Muhai ist eine stolze Frau. Heute meidet sie jene Nachbarn, die ihr damals aus dem Weg gegangen sind. Direkt neben ihre alte Hütte hat sie sich ein kleines Haus aus Stein gebaut. Auf dem Boden liegen Strohmatten, in der Ecke steht der so wichtige Wasserfilter aus Ton, den sie von Sant'Egidio geschenkt bekommen hat. Ihre wenigen Habseligkeiten bewahrt sie in, einem zweiten Zimmer auf, in dem auch ihr kleines Bett steht.

Ana Maria Muhai ist zur Aids-Aktivistin im DREAM-Projekt geworden. Sie unterstützt Aids-Kranke, die sich alleine nicht zu helfen wissen, und arbeitet in der Prävention, unterrichtet zum Beispiel regelmäßig Frauen und Kinder. Dabei trifft sie immer wieder auf eine Schwierigkeit: Viele Betroffene wollen ihr nicht glauben, daß auch sie unter Ailds leidet. Darum hat Ana Maria Muhai stets drei Fotos von sich in ihrem Portemonnaie, die sie zeigen, als sie nur noch Haut und Knochen war.

Peter-Phillip Schmitt