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Hoch gelegen, noch innerhalb der alten Mauern, die Assisi, die "città serafica" (die friedfertige Stadt) umgeben, beten im Garten der Franziskanischen Schwestern fünfzehn aus Japan angereisten Shintoisten. Sie folgen mit vielen anderen zwei Tage lang einer alten Tradition, die den Dialog zwischen den Gegensätzen, die Verständigung der unterschiedlichen Kulturen fördern möchte. Das ist das Erbe von Franziskus, der zu Zeiten der Kreuzzüge nicht als Eroberer, sondern als Besucher des Sultans ins Heilige Land gekommen war. In die Stadt dieses friedensbewegten Heiligen hatte Johannes Paul II. 1986 zum ersten Mal die Vertreter vieler Religionen zum Gebet für den Frieden eingeladen.
Zwanzig Jahre später sind mehr als zweihundert geistliche Würdenträger gekommen. Der schönste Moment: An verschiedenen Plätzen haben sie nach den Regeln ihrer Religion gebetet, sind danach oben in der Stadt auf dem Platz zwischen Rathaus und dem antiken Minerva-Tempel zusammengekommen, um in gemeinsamer Prozession durch die enge Altstadt hinunter zur Piazza San Francesco zu ziehen. Heftig beklatscht von Einheimischen, Pilgern und Touristen. Alle folgen dem Geist des Heiligen, aber auch dem Wort Johannes Pauls II. Der Theologe Mohammed Amine Smaili, Professor im marokkanischen Rabat würdigte Wojtyla: "Das Konzept dieses außergewöhnlichen Mannes war die Globalisierung der Solidarität." Er habe gewusst, dass die Arbeit für den Dialog sich auf festen Prinzipien gründe, dass man dabei sehr gut die eigene Identität bekräftigen und gleichzeitig etwas für die Zukunft der Menschheit tun könne.
Zwischen Wojtyla und Ratzinger
Auf diesem feinen Grat zwischen Betonung von Gemeinsamkeit und Bekräftigung der Unterschiede lässt Wojtylas Nachfolger Ratzinger seine alte Sorge um Vermischung, Verwirrung und vor allem weniger Vertrauen in den Dialog durchblicken. In der Ablehnung von Gewaltlösungen aber unterscheidet den Papst nichts von seinem Vorgänger. Nach dem 11. September 2001 war der Dialog von vielen bereits totgesagt worden, ein Irrtum. "Wir sind nicht enttäuscht", sagt Andrea Riccardi, der charismatische Gründer der Comunità Sant' Egidio, einer Laienbewegung, die am Dialog der Religionen arbeitet. "Wir sind nicht einmal müde der ständigen Wiederholung unseres Treffens", meint Riccardi und fügt stolz hinzu: "Es ist ja nicht wenig, dass sich inzwischen der Rektor der Al-Azhar-Universität von Kairo und der oberste Rabbiner Israels an einen Tisch setzen können." Oberrabbiner Yona Metzger hat dabei den Austausch der Gefangenen in Nahost vorgeschlagen, die Mohammed-Karikaturen verurteilt und gleichzeitig die islamische Seite aufgefordert, Holocaust-Karikaturen zu unterlassen.
"Die Religionen rechtfertigen niemals Hass und Gewalt. Wer den Namen Gottes gebraucht, um den anderen zu zerstören, entfernt sich von der reinen Religion", heißt es in der Abschlusserklärung des Treffens, die aber auch gleich ein Defizit offenbart. "Wir haben gezeigt, dass das Gebet nicht trennt, sondern eint. Wir haben gebetet, einer neben dem anderen, wir werden niemals gegeneinander beten." Warum dann nicht gleich zusammen?
Im Licht des frühen Sommerabends nach einem strahlenden Tag bekommt der helle Stein der Basilika eine warme Färbung, als sich die Religionsführer in ihren bunten Ornaten auf dem Podium der Piazza San Francesco niederlassen. Sie alle treten vor und entzünden Friedenskerzen. Zuletzt kommt ein Laie von unten, entzündet ebenfalls eine Kerze und unterschreibt den Appell: Italiens Staatschef Giorgio Napolitano. Der Ehrengast hatte zuvor nicht nur auf den Frieden der Religionen untereinander, sondern auf die heimischen Probleme mit Immigranten aus verschiedenen Kulturen hingewiesen.
In der feierlichen Abendstunde war der italienische Alltag nicht ausgeblendet. Den schönen Friedens-Appell hat Zeinad Ahmed Dolal vorgelesen, eine junge Frau aus Somalia, die dem Islam-Rat beim Innenministerium angehört. Dieses Beratungsgremium aus Moslems aller Richtungen wird derzeit von inneren Problemen geschüttelt, weil der Vertreter einer großen islamischen Vereinigung den Libanon-Krieg mit dem Holocaust verglichen hatte.
Neben diesen großen Dingen gab es aber auch die kleinen, bei denen man leichter zusammenkommt. Die betenden Shintoisten unter den Ölbäumen der Franziskanerinnen fühlten sich durch parkende Autos in ihrer Versenkung gestört. Die wurden flugs umgeparkt, um den Blick auf die weite Ebene Umbriens nicht zu stören.
Roman Arens
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