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„Menschen zu Jesus bringen“ - Josef Clemens


 
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Predigt

„Menschen zu Jesus bringen“


Hl Messe für die Gemeinschaft Sant´Egidio
Dom St. Kilian zu Würzburg
7. Sonntag im Jahreskreis (B)
19. Februar 2006, 17.30 Uhr
(Mk 2,1-12)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,
liebe Freunde der Gemeinschaft von Sant´Egidio,
liebe Schwestern und Brüder!

1. Wir können das heutige Evangelium von der Heilung des Gelähmten in Kafarnaum (Mk 2,1-12) von verschiedenen Seiten her meditieren und auslegen. Immer muss jedoch Jesus selbst im Mittelpunkt unseres Nachdenkens stehen, Er, der die Kraft und Gewalt hat, Sündern zu vergeben und Krankheiten zu heilen. Der zentrale Gedanke unserer Perikope ist diese Vollmacht Jesu, die die himmlische (Sündenvergebung) und die irdische Wirklichkeit (Krankenheilung) umfasst. Damit handelt es sich um ein christologisches Lehrstück über diese umfassende Vollmacht Jesu. (1) Im Mittelpunkt der Kontroverse mit den Schriftgelehrten steht die Frage der Sündenvergebung, näherhin der Streit um die Kompetenz zur Sündenvergebung, die im jüdischen Verständnis allein Gott vorgehalten war. (2)

Ein möglicher Zugang zu dieser inneren Mitte des heutigen Evangeliums kann von der großen Zahl von Menschen gefunden werden, die „das Wort“ Jesu gerade in Kafarnaum, der Stadt des großen Unglaubens hören wollen (3). Oder wir können uns nach den Motiven der Ihm kritisch bis feindlich gesonnenen Schriftgelehrten fragen. Ein weiterer Weg nimmt die vier hilfsbereiten Männer in den Blick, die den Gelähmten zu Jesus bringen. Diese Helfer des Gelähmten sollen unsere heutige Betrachtung leiten.

Die Erwähnung dieser Vier, bei Lukas sind es „einige“ Männer (4), gibt unserem heutigen Bericht unter allen Heilungsberichten ein besonders sympathisches und bildhaftes Gepräge. Wenn wir an die flach gedeckten Häuser des Orients denken, können wir uns den anschaulichen Vorgang des Hinunterlassens des auf seiner Bahre liegenden Gelähmten sehr gut vorstellen.

Bei unserem „Einstieg“ soll uns ein in seiner Art einzigartiges frühchristliches Mosaik (5./6. Jh.) der Basilika Sant’Appolinare Nuovo in Ravenna behilflich sein. Der französische geistliche Schriftsteller Andrè Frossard spricht sehr treffend vom „Evangelium nach Ravenna“ (5). In dieser erstmals so konzipierten Darstellung sieht man auf dem Dach eines fein gemauerten Hauses zwei Männer in knielangen römischen Tuniken, leicht nach vorn gebückt, die aufmerksam und vorsichtig den Gelähmten in seiner auf vier Stützen stehenden Bahre (6) langsam an vier Seilen vom Dach in das Haus hinunter lassen. Der Gelähmte hat Jesus bereits erblickt, er scheint sich leicht zu erheben, die Beine anzuziehen und er streckt ihm seine Hände Hilfe suchend entgegen. Er befindet sich trotz seiner Lähmung in einer starken inneren Bewegung, die auch körperlich sichtbar wird. Jetzt ist der Augenblick seines Lebens gekommen, auf den er all seine Hoffnung gesetzt hat.

Die Szene ist in der Mitte geteilt und in ihrem linken Teil schreitet ihm ein jugendlicher Jesus, ruhig und hoheitsvoll, mit einer mit Goldstreifen gezierten purpurnen Toga und Sandalen bekleidet entgegen. Die linke Hand bleibt unter seinem Gewand verhüllt und die rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben. Zeige- und Mittelfinger formen ein Chi (X), die drei übrigen Finger ein Rho (P), die Abkürzung für Christus, den mit dem Hl. Geist Gesalbten. (7).

Dieser kraftvolle Gestus deutet bereits an, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Jesus erkennt die innere Disposition des Gelähmten, d.h. seinen Glauben an Ihn und erteilt ihm seinen Segen der Vergebung und der Heilung. Sein Haupt ist mit einem Kreuznimbus geschmückt. Die vier Männer haben Christus erwartungsvoll im Blick, der ihre außergewöhnliche Aktion wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Christus wird von einem in eine weiße Toga gekleideten „Apostel“ begleitet, der auf Ihn hinweist. Dieser Begleiter wird auch als eine Personifikation der Kirche gedeutet. Ein Gedanke, der zur ersten Enzyklika Papst Benedikts XVI. führt, in der das karitative Handeln als Wesenszug der Kirche bezeichnet wird (8). Die „Kirche“ begleitet den Herrn von Anfang an bei seinem Tun der Liebe, lernt von ihm selbst dieses Tun.

Die vier Träger sind offenbar Freunde des Kranken, die keine Anstrengung scheuten, um ihrem Gefährten zu helfen. Ein Ausleger (9) sieht in den vier Trägern die vier erstberufenen Jünger Jesu, die Brüderpaare Simon und Andreas, Jakobus und Johannes (10), eine These, die sich in der Exegese nicht durchgesetzt hat. Auf jeden Fall handelt es sich um Leute mit Phantasie und praktischem Realitätssinn. Die vier Männer lassen sich durch die Menschenmenge vor der Tür des Hauses nicht abschrecken. Sie wissen, der Gelähmte kommt ohne sie aus seiner Lebenssituation nicht heraus, er braucht Hilfe, um Jesus zu treffen, der allein helfen kann. Von dieser Überzeugung ist all ihr Tun getragen, da sich nur so ihre Mühen erklären lassen. Lukas fasst in der Parallelstelle synthetisch ihre Absichten zusammen, wenn er sagt: „Sie wollten ihn ins Haus bringen und vor Jesus hinlegen.“ (11)

Unsere Perikope beschreibt mit verschiedenen Verben ausführlich ihre Anstrengungen: Sie „kommen“, sie „bringen“, sie „tragen“, sie „decken ab“, sie „öffnen“, sie „lassen hinab“. Schon diese Ausführlichkeit verweist auf eine Situation voller Schwierigkeiten, die Ideenreichtum und vielfältige Kunstgriffe erfordert. So wählen sie die ungewöhnlichste aller Zugangsmöglichkeiten, indem sie einfach einen Teil des Daches abdecken. Die vielen Helfer müssen konzentriert und konzertiert ihr Werk vollbringen, da der Gelähmte ansonsten noch größeren Schaden nehmen kann.

Dieses Ziel gerichtete Mühen bezeugt ihren Glauben an Jesus, sie hoffen mit dem Gelähmten ganz und gar auf Ihn, und vertrauen seiner einzigartigen „exousia“! Dem entspricht die Haltung Jesu. Er sieht ihren Glauben, d.h. er sieht den Glauben des Gelähmten, er sieht aber auch den Glauben der Träger! Diesen Glauben „im Plural“ heben alle drei synoptischen Evangelien hervor (12). Da ihr Glaube dem Wunder vorausgeht, dürfen wir davon ausgehen, dass es sich nicht nur um einen „Glauben“ im Sinne der Magie handelt, sondern dass sie an die Anwesenheit und Wirkmächtigkeit Gottes in Jesus glaubten.

War doch Jahwe im Glauben Israels der „Arzt“ seines Volkes, von dem alle Heilung ausging (14). So heißt es in Psalm 41,4, der sich deutlich mit unserer Begebenheit berührt: „Auf dem Bett seines Siechtums bringt Jahwe ihm Hilfe, sein Krankenlager wandelt er völlig um“. Der folgende Vers 5 stellt zudem eine Verbindung zur Vergebung der Schuld her: „Ich rufe: Jahwe, erbarme dich meiner; heile mich, denn ich habe gesündigt vor dir“. So suchte bereits im Alten Bund der Kranke durch Schuldbekenntnis und Buße, durch Gebet, Opfer und Fasten von Jahwe die Heilung zu erlangen. (15)

Auf einer ersten Ebene betrachtet wollen die vier Träger ihrem Freund helfen, damit er Heilung findet. Zugleich aber ermöglichen sie durch ihre Hilfe eine sehr tiefe und seine Person und sein Leben ganz und gar verwandelnde Begegnung mit Jesus als dem Messias Gottes. Sie tragen zu einer ganzheitlichen Heilung von der Wurzel her bei. Ihre Tat der Nächstenliebe bildet die notwendige Voraussetzung einer Begegnung mit ihm, die in eine ungeahnte Tiefe, ins Zentrum der Person des Gelähmten hinabreicht.

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freunde der Gemeinschaft Sant’Egidio!
2. Nachdem ich ihre Gemeinschaft in Rom seid mehr als dreißig Jahren kenne, zuerst von einzelnen Besuchen her (z.B. mit meinem damaligen Paderborner Erzbischof Degenhardt (16)), und heute von zahlreichen Kontakten und von einer guten Nachbarschaft bestimmt, möchte ich sagen, dass ich in den vier Trägern von Kafarnaum in einem gewissen Sinn, „Vorläufer“ im Sinne der Phantasie, der Arbeitsweise und der Ziele ihrer Gemeinschaft entdecke.

Ist es nicht auch Ihr Leitbild, Menschen und vor allem Notleidende zu Christus zu bringen, zugleich aber ihre konkrete Not nicht zu übersehen? Oder umgekehrt gesagt: Sie helfen den Notleidenden in den verschiedensten Bereichen, und bringen sie dadurch mit der Gemeinschaft der an Christus Glaubenden in Berührung und führen sie damit letztlich zu Ihm selbst. Durch Ihr Tun zeugen sie vom Geist Jesu, der ansteckend weiterwirkt. Sie bereiten damit dem Herrn selbst einen inneren Weg, da der wahrhaft selbstlosen Tat eine innere Kraft der Evangelisierung innewohnt, die sich von selbst ihren Weg zu Christus bahnt.

Durch ihre Hilfe für den Nächsten führen Sie das zweite („Das Evangelium weitergeben“ und das dritte „Werk“ Ihrer Spiritualität („Die Freundschaft mit den Armen“) zu einer Synthese zusammen. Die Weitergabe der Frohen Botschaft geschieht in der Freundschaft mit den Notleidenden und umgekehrt bahnt die Nähe zu ihnen der Frohen Botschaft den Weg. Beides wird nicht kunstvoll am Reisbrett entworfen und in gezielter Absicht geleitet, sondern aus einer als „natürlich“ und „selbstverständlich“ empfundenen Notwendigkeit zur Hilfeleistung („amour désintéressé“) und als einer unverzichtbaren Folge des Glaubens getan.

Diese Haltung einer „natürlichen“ Hilfsbereitschaft führt zu einer wahren und tiefen Freude der Helfenden und mündet ein in das Lob Gottes, das sie als erstes „Werk“ in Ihrer Gemeinschaft täglich pflegen. Welche Freude mag die Träger erfüllt haben, als sie sahen, dass der Geheilte aufstand, seine Bahre nahm und vor den Augen aller hinaus ging? Sie ergriff sicherlich eine selbstlose und reine Mitfreude an der Freude des Geheilten! Der Gelähmte konnte sich mit ihrer Hilfe und aufgrund der alles entscheidenden Vollmacht Jesu aus der Tiefe der Sünde und von seiner Bahre erheben. Heißt es doch im heutigen Evangelium: „Alle gerieten (vor Staunen) außer sich, priesen Gott und sagten: Noch nie haben wir solches gesehen.“ (17)

In seinem Buch „Gott hat keine Angst“ (18) wünscht Andrea Riccardi, dass unsere Gemeinden zu einem „Haus in Kafarnaum“ werden, zu dem alle die Menschen strömen, um Rettung und Heil zu finden. (19) In diesem Sinne sind die Kirche von Santa Maria in Trastevere und das Zentrum von Sant’Egidio in Rom und an vielen anderen Orten der Welt zu einem „Haus in Kafarnaum“ geworden.

Die byzantinische Exegese entdeckt im Tun der vier Träger noch einen weiteren Aspekt. Sie tragen den Gelähmten nicht nur, sondern sie decken auch das Dach ab. So heißt es bei einem Autor des 12. Jahrhunderts: „Doch wie soll ich zu Christus gelangen, wenn nicht das Dach abgedeckt wird? Das „Dach“ ist nämlich der Geist des Menschen, der über allem steht, was in uns ist. Dieses „Dach“ hat viel Erde bei sich, die Wände sind aus Lehm, ich meine damit: der Geist trägt viele irdische Dinge mit sich. Wenn diese Kraft der Seele „in die Höhe gehoben“ wird, wird der Geist bzw. die Erkenntniskraft befreit von Lasten. Danach wird der Kranke auf den Boden „hinab gelassen“, das heißt: er wird demütig. Denn es ist keineswegs angebracht, dass der Geist aufgrund seiner Befreiung hochmütig wird, vielmehr dass er demütig wird“. (20)

Dieses „Abdecken“, diese Reinigung und Befreiung unseres Geistes, diese Demut und „Bodenhaftung“ benötigen wir alle, um unseren Dienst für den Nächsten und für das Evangelium selbstlos und in reiner Gesinnung zu vollbringen.

Bitten wir daher den Herrn, dass wir zu solchen Trägern unserer Not leidenden Mitmenschen werden. Bitten wir ebenso, dass er uns selbst „Träger“ sende, die uns helfen, aus einer reinen Gesinnung heraus, anderen immer wieder den Weg zu Christus zu bahnen. Danken wir immer wieder Ihm, der alle Schuld und Sünde der Menschen auf sich genommen und am Kreuz getragen hat.

Seien uns die vier Träger von Kafarnaum Ansporn, die Not der Bedürftigen zu entdecken, spontan und phantasievoll darauf antworten, damit wir gemeinsam mit ihnen sein „Wort“ im Haus von Kafarnaum hören, seine umfassende Vergebung und Heilung erlangen, um aus ganzem Herzen und voll innerer Freude Gott für seine Wohltaten zu danken und Ihn zu preisen! Amen.

Gründungsatge der Gemeinschaft Sant'Egidio


Il 38° anniversario della Comunità di Sant'Egidio

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