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12 September 2011 09:00 | Neues Rathaus, Großer Sitzungssaal

Zum Zusammenleben bestimmt!, Jean-Arnold de Clermont



Jean-Arnold de Clermont


Pastor, Reformierte Kirche von Frankreich

Thema und Titel dieses Runden Tisches wurden lange vor dem Drama von Oslo festgelegt, doch wir haben es alle vor Augen. Wie sollte man nicht daran erinnern müssen als Hintergrundbild für unsere Aussprachen hier, denn der paranoide Protest des Mörders von Oslo bestand ja genau in der Ablehnung dessen, was heute in allen unseren Ländern uns dazu bestimmt, zusammenzuleben, als Autochtone wie als Hinzukommende, als alteingesessene Bürger ebenso wie als erst kürzlich dazu gestoßene. Das ist nach meiner Auffassung das Ziel dieses Runden Tisches, und auch das klar zu benennen, was den Motor ausmacht, oder, was – wenn Sie so wollen – das Herz unseres Zusammenlebens ist.

Die Welt, so wie sie ist
Allem voran müssen wir die Welt so anschauen, wie sie ist, zumindest was den Aspekt der Emigration betrifft. Es ist eine Welt, die mehr als 200 Mio Migranten zählt, das entspricht der Bevölkerung Brasiliens, oder 3% der Weltbevölkerung, davon sind 50% Frauen, und nicht mehr als ein  Drittel aus dem Süden nach Norden. Wir kennen die Ursachen: die politischen und klimatischen Unruhen, die Kriege und der Hunger, der Wunsch, besser zu leben oder einfach überhaupt zu leben, das Verlangen nach Bildung und Kultur. Weiter gefasst: die Suche nach einer besseren Zukunft für sich oder die eigene Familie.

In jedem Fall sind Migrationsbewegungen wie wir sie in Europa wahrzunehmen begonnen haben, der Welt gleichsam in die Wiege gelegt. Ein Fundament unseres „Zusammenlebens“ in Europa liegt in der Freiheit, dass Personen und Güter zirkulieren können. Hier zeichnet sich eine gewisse Vision einer europäischen Welt ab, einer Welt, die offen ist für den wirtschaftlichen Austausch und die Begnung von Kulturen. Hauptsächlich aber ist es eine Welt, die auf das Vertrauen in jedes Land und jede Kultur gegründet ist, den anderen ohne die Angst, die eigene Identität zu verlieren, begegnen zu können. Hierher rührt auch meine erste Frage: Wünschen wir uns nicht das, was wir für Europa erreichen wollen, für die ganze Welt?

Eine Welt, die noch aufzubauen ist
Doch es bleibt noch vieles aufzubauen, in Europa wie in der Welt, um den Anforderungen an solidarisches Verhalten gerecht zu werden. Priorität kommt der Entwicklung des Herkunftslandes zu, sodass Notlagen bedingte Migrationsbewegungen vermieden werden könnten. Dies verlangt nach einer anderen Politik der Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Nordens und des Südens, nach politischen Beziehungen, die anders aussehen als zum gegenwärtigen Zeitpunkt, zB. Zwischen Frankreich und seinen vormaligen Kolonien, und auch nach einem internationalen Willen, auf die Herausforderungen des wirtschaftlichen Ungleichgewichtes in der Welt zu antworten ... Dies sind die Vorbedingungen ohne deren Einhaltung man unsere Migrationspolitik nicht wird ernst nehmen können.
Parallel dazu wird eine wahrhaftige und ernst gemeinte Aufnahmepolitik umzusetzen sein, die den Zuzug von Migranten als Entwicklungsfaktor sowohl für die Ursprungsländer als auch für die Gastländer zu bewerten versteht. Wir haben uns also zu wahrhaften und je eigenen Teilhabevereinbarungen mit den Hauptherkunftsländern der Migranten hinzuorientieren. Denn, wie wir wissen, spielen die Aus-bzw. Einwanderer eine wichtige Rolle für die Entwicklung in ihrem Kampf gegen die Armut in ihrem Herkunftsland. Ebenso tragen sie aber auch zum Prosperieren ihrer Gastländer bei. Man muss sich dessen bewusst sein, es bekannt machen und daraus eine wahrhaftige und eigenständige Migrationspolitik hervorbringen. Wenn wir das tun, werden wir zweifellos das Gewicht der sog. „irregulären“ Einwanderer verringern.
Im Herzen dieser neuen Aufnahmepolitik muss der Respekt für die Menschenrechte liegen. Kein Motiv, auch nicht die Verteidigung der eigenen nationalen Interessen, kann den Verzicht auf diesen elementaren Respekt rechtfertigen. Das Recht auf Bildung, Gesundheit, Gerechtigkeit... Wenn diese Rechte verhöhnt werden, müssen wir „nein“ dazu sagen. Das Nichtrespektieren dieser Rechte bedeutet die eigentliche, wirklich große Bedrohung für den sozialen Frieden und die Sicherheit. Wir wissen, dass zahllose Popolationen in rechtlosen Zonen zu isolieren einen offensichtlichen Auslöser für soziale Explosionen und das Anwachsen von Unsicherheit bilden. Das sind die Situationen, in denen keine anderen Existenzmöglichkeiten mehr bestehen als der Rückgriff auf die Illegalität, auf Gewalt und Drogen.
Und so komme ich zu meiner zweiten Frage: Welche Anstrengungen sind wir bereit zu übernehmen, damit die Migrantenpolitik unserer Länder nicht dem Grunde nach Sicherheitspolitik ist?
    
Eine von Gott gewollte Welt...
Es gibt eine Überlegung, die für mich, über allen anderen steht, wenn ich von unserer Bestimmung zum Zusammenleben spreche, und das ist der Horizont, den mir das Wort Gottes enthüllt. Er hat uns alle dazu bestimmt, Abraham zum Vater zu haben, um nach ihm von jeder Sklaverei befreit und mit jedem Segen gesegnet zu sein. In Christus sind wir dazu gerufen, uns gegenseitig als Schwestern und Brüder einer Menschheitsfamilie anzuerkennen und die Welt und die Nationen zu verstehen etwas, das zu Rettung und Heil ins Dasein gerufen ist. Bei dem Propheten Jesaja heißt es: „Das Volk, das in der Dunkelheit lebte, sieht ein großes Licht, über, die in dunklem Land lebten und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen. So begann Jesus zu rufen: Ändert euch radikal, das Reich Gottes ist nahe!“ (wörtl. Übers. Aus d. Ital., die die reformierte Übersetzung zur Grundlage hatte).
 Diese radikale Veränderung, zu der uns Christus ausruft, liegt in der Aneignung dieser Verheißung des Propheten, die sich in seiner Person verwirklicht, keine Angst vor der Zukunft zu haben, sondern in der Gewissheit zu leben, dass die neue, von Jesus eröffnete Welt unserer aktiven Anteilnahme bedarf. So erhalte ich von ihm eine brüderliche und solidarische Welt, von der Tag für Tag Zeichen zu geben ich von ihm berufen bin. Zeichen, die dafür sprechen, dass unsere Bestimmung, die von ihm grundgelegt ist, im Zusammenleben liegt.
Hieraus folgt meine dritte Frage: Welche Vision von einer solidarischen Welt sind wir bereit vorzuschlagen und in unseren Ländern zu verteidigen, die von der Rückkehr des  Nationalismus gezeichnet sind?


München  2011

Botschaft
von Papst
Benedikt XVI


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