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03/12/2016
Vorabend des Sonntags

Das tägliche Gebet


 
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12 September 2011 14:00 | Residenz, Herkulessaal

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Friedenstreffen 2011



Angela Merkel


Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,
Sehr geehrter Herr Prof. Riccardi, Prof. Impagliazzo, Exzellenzen, Eminenzen,
Liebe Gäste dieses Treffens hier!

Ich bin sehr gerne hierher gekommen und freue mich, dass ich bei diesem Treffen, dem Friedenstreffen von Sant´Egidio im Erzbistum München-Freising, zum 2. Mal in Deutschland, heute hier bei Ihnen sein kann. Ich begrüße auch alle, die uns außerhalb dieses Raumes sehen. Und möchte noch einmal daran erinnern, dass die Tradition – wie es eben auch gesagt wurde - dieser Treffen ja schon 25 Jahre zurückreicht. Und wenn wir uns die Welt im Jahre 1986 noch einmal in Erinnerung rufen, dann sah sie doch beträchtlich anders aus als die Welt von heute. Terroranschläge zum Beispiel wie wir sie am 11. September des Jahres 2001, und wir haben gestern ja des 10. Jahrestages gedacht, erlebt haben, hatten damals unsere Vorstellungskraft überstiegen, aber wir hatten damals die Ordnung des kalten Krieges, eine scheinbar unüberwindliche Trennung zwischen Ost und West. Die ganze Welt hatte sich dem unterzuordnen. Zwei große Machtsphären. Und die Fronten dieses Kalten Krieges verliefen quer durch Deutschland, quer durch Europa. Und allein die Tatsache, dass ich hier als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland stehe, aufgewachsen in dem östlichen Teil Deutschlands, zeigt, was sich verändert hat. Und wer hat mehr profitiert, wer hat mehr gewonnen als gerade wir Deutschen, die wir jetzt wieder vereint in einem einigen Europa unsere Freiheit und Demokratie leben können.

1986 ist der Ursprung des Gebetstages für den Frieden in Assisi. Das war ein Zeichen der Hoffnung. Vertreter unterschiedlicher Glaubensrichtungen waren auf Einladung von Papst Johannes Paul II. aus aller Herren Länder in die Stadt des Hl. Franziskus gekommen, und sie wollten den Nationen der Welt eine Botschaft der Versöhnung senden. Und dieses Wollen ist in eine Tradition übergegangen. Dieses ist eine dauerhafte Botschaft der Versöhnung geworden.

Die Laienbewegung Sant´Egidio knüpfte nämlich daran an, und noch immer tragen ihre Treffen den Geist von Assisi in die Welt. Eine Botschaft, dieser Geist heißt, immer wieder um das gedeihliche Miteinander von Menschen unterschiedlichen Glaubens zu ringen. Und dass wir uns heute mitten im geeinten Europa treffen, das zeigt, dass dieser Geist schon beträchtliche Früchte hat, auch wenn wir auf dieser Welt noch viel zu tun haben.

Seit 1989 mit dem Fall des eisernen Vorhangs hat sich gezeigt, Ausdauer, Mut und Hoffnung können Teilungen und Spaltungen überwinden. Das ist die Botschaft, die wir Europäer für andere Teile der Welt haben, in denen das noch nicht gelungen ist. Es gibt Hoffnung!

Und was ist die Ursache dafür, dass die Hoffnung sich immer wieder Bahn brechen kann.

Das sind gemeinsame Grundüberzeugungen, gemeinsame Vorstellungen von Gerechtigkeit und Teilhabe, viele Kontakte, die allen Hürden zum Trotz aufrecht erhalten geblieben sind. Und die Kirchen, die Kirchen hatten an der Überwindung solcher Hürden immer einen großen Anteil.

Nicht nur dass ihre Lehren eine wichtige Basis unserer gemeinsamen Werte in Europa sind.

Wir dürfen das in Europa nicht vergessen. Als wir über einen Verfassungsvertrag diskutiert haben, dann hätten wir es – zumindest in der Partei, der ich angehöre - sehr gerne gehabt, wenn wir den Gottesbezug – ähnlich wie in unserem Grundgesetz – auch in den europäischen Verträgen gehabt hätten. Denn wir sollten uns immer wieder unserer Wurzeln besinnen. Die Menschen leben von Religion. Die Menschen leben aus dem Verständnis, dass wir Menschen Schöpfung Gottes sind und dass wir als solche unser Leben auf Erden gestalten.

Deshalb glaube ich auch, dass das sehr, sehr wichtig ist, und wir freuen uns in Deutschland auf den Besuch des Papstes, Benedikt XVI. in wenigen Tagen, der immer wieder darauf hingewiesen hat: Die Säkularisierung in Europa, auch die Trennung von Kirche und Staat, darf niemals uns vergessen lassen, dass wir ohne den Glauben - und hier sind Vertreter vieler Religionsgemeinschaften - aber ohne den Glauben an Gott als Menschen schnell überheblich werden und vergessen, wozu unser Leben bestimmt ist. Und deshalb sollten wir das immer in unseren Worten berücksichtigen, auch in der Tagespolitik.

Meine Damen und Herren, Politik kann Zusammenhalte fördern, aber sie kann nicht verordnen. Wir leben von Dingen, die wir selber nicht schaffen können. Und die Basis für ein Gemeinschaftsgefühl bildet sich im vorpolitischen Raum, und dort spielen die Kirchen eine zentrale Rolle. Ihre Offenheit für andere, ihr Anspruch der Nächstenliebe, die Akzeptanz, dass Menschen auch Fehler begehen, dass Menschen aufgehoben sind,

Auf denen Politik aufbauen kann, die Politik selber aber nicht schaffen kann.

An solche Grundhaltungen und ethische Überzeugungen müssen politische Entscheidungen dann anknüpfen, sonst laufen sie ins Leere. Deshalb sind Treffen wie das Ihre hier in München so wunderbar, so wichtig, so inspirierend. Daraus entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine stabile Gemeinschaft, und so gelingt auch die Gemeinschaft der Staaten nur, wenn sie anknüpfen kann an ein gemeinsames Verständnis von Menschen.

 

Wir als Europäerinnen und Europäer empfinden diese Gemeinschaft. Wir haben zum 50. Jahrestag der römischen Verträge, die wir in Berlin gefeiert haben, zur zeit der deutschen Präsidentschaft gesagt: Wir Europäer, wir sind zu unserem Glück vereint. Wir haben ein gemeinsames Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in einer immer enger vernetzten Welt, und wir wissen um unseren Auftrag.

Wir wissen aber auch, unser Kontinent hat über viele Jahrhunderte und unter Mühen vor allem eins lernen müssen: Unterschiede lassen sich friedlich miteinander vereinbaren, wenn sie ein gemeinsames Verständnis von Menschenwürde und Freiheit und Verantwortung trägt. Nur dann gelingt es auch, friedlich miteinander zu leben.

Diese Erkenntnis ist es auch, auf der das Haus Europas gebaut ist. Es beherbergt unter seinem Dach heute eine halbe Milliarde Menschen, die die wesentlichen Grundüberzeugungen gemeinsam teilen, in Frieden und Wohlstand leben, die die Unteilbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen akzeptieren, und sie glauben und zeigen, dass wir in Respekt und in Toleranz – auch zwischen den Religionen in Europa – unser Leben gestalten.

Dieses Haus Europa ist nicht über Nacht entstanden. Es ist unter jahrhundertelangen Mühen von Unfrieden und Krieg, von schrecklichen Tagen, entstanden. Und wer wüsste das besser als wir Deutsche. Aber ich glaube, das Haus Europa ist heute solide. Es ist eine wirkliche Gemeinschaft. Den Gründervätern der Europäischen Einigung gelang das Wunder, die Gräben der Unterschiede zu überbrücken. Wenn ich allein daran denke, dass wir das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich als Erbfeindschaft oder Erzfeindschaft bezeichnet haben, so haben wir das heute glücklicherweise überwunden. Und es gelang den Gründervätern der europäischen Einigung im Bewusstsein der Vergangenheit, als auch des in Deutschland vorausgegangen Zivilisationsbruchs der Shoah und des Krieges, die Zukunft zu gestalten. Wir haben die Teilung des Kontinents überwunden, und wir haben die Weichen für die Erweiterung der Europäischen Union gestellt, und heute ist es unsere Aufgabe, die Aufgabe der heute politisch Aktiven, unser politisches Haus Europa wettbewerbsstark, krisenfest und international handlungsfähig zu machen. Das ist auch eine große Herausforderung, aber gemessen an dem, was Europa schon überwunden hat, eine gestaltbare Herausforderung. Wir haben in diesen Tagen die Schuldenkrise im Euroraum zu überwinden, eine Krise, die mit vielen technischen Begriffen immer wieder erklärt wird, die aber in Wahrheit uns zwingt, anders zu leben, nämlich nachhaltig zu leben, nicht unentwegt auf Kosten zukünftiger Generationen Werte zu verbrauchen, sondern nachhaltig auch an zukünftige Generationen zu denken.

Dieses muss auch und wird auch – ich bin überzeugt davon – unser gemeinsames Verständnis werden, und ich bitte Sie, uns auch mit Ihrem Gebet zu helfen und mit Ihren Veranstaltung dabei zu helfen, einfach deutlich zu machen, Europa ist ein reicher Kontinent, und es sollte uns gelingen nicht auch noch den Reichtum zukünftiger Generationen zu verbrauchen.

Nur so werden wir auch den Frieden und die Demokratie bei uns erhalten. Aber trotz aller Schwierigkeiten, unser Europäisches Modell von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit, gepaart mit den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft ist wahrlich wert immer wieder gestärkt zu werden. Wir wissen doch, viele Menschen in anderen Regionen der Welt schauen auf uns Europäer, denn die Vision eines friedlichen Zusammenlebens, die Vision der Bewahrung der Menschenrechte ist bei uns Wirklichkeit und in vielen Regionen der Welt wird genau darum noch gerungen.

Aber wir erleben in diesen Tagen und Monaten auch hoffnungsvolle Entwicklungen. Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, als sich die aufgestaute Sehnsucht vieler Menschen nach Freiheit in Nordafrika Bahn gebrochen hat. Tausende Menschen gingen – zunächst v.a. in Tunesien und Ägypten - auf die Straße, und nach und nach ergriff und ergreift diese Bewegung immer mehr Länder im arabischen Raum. Aktuell stehen wir natürlich vor gravierenden Problemen in Libyen und Syrien. Aber immer wieder ist es das eine, worum wir kämpfen sollten: Die Würde jedes einzelnen Menschen ist unteilbar, untastbar. Das muss das Prinzip sein nach dem Schritt für Schritt alle Politik auf der Welt arbeitet und sich engagiert. Männer und Frauen sind immer wieder bereit gewesen, ihr Leben für eine bessere Zukunft, für mehr Demokratie, für mehr Rechtsstaatlichkeit einzusetzen. Und gerade junge Menschen in der arabischen Welt fordern für sich eine Perspektive ein, und wer wollte das nicht besser verstehen als wir in Europa, die diese Perspektive bereits haben. Auch sie streben nach wirtschaftlicher und politischer Teilhabe. Sie wollen sich nicht mit Armut und staatlicher Willkür abfinden, und dafür haben sie unsere Unterstützung.

Und umso wichtiger– das wissen wir - ist es, dass jetzt nicht die vielen Hoffnungen in Enttäuschungen umschlagen. Aus der Stärke Europas wächst für uns Verantwortung. Verantwortung für ganz konkrete Hilfen und Unterstützungen, gerade auch für die Jugend in diesen Ländern. Und so begrüße ich es zum Beispiel, dass die deutschen Unternehmen und Auslandshandelskammern eine Initiative ergriffen haben, für einen Pakt für Beschäftigung, damit zum Beispiel in Ägypten 5000 Jugendlichen betriebliche Ausbildungs- und Arbeitspläte vor Ort angeboten werden. Wir brauchen viele solcher konkreten Initiativen, denn das Leben eines jeden einzelnen Menschen ist sehr konkret und er fragt nach seinen Möglichkeiten.

Die Veränderungen in der arabischen Welt bewegen viele Menschen auch in Europa. Stabilität in unserer Nachbarschaft - und der nordafrikanische Raum, wir sind verbunden durch das Mittelmeer, ist unser Nachbarschaft – liegt auch in unserem ureigensten Interesse. Das gilt auch und erst recht für Israel. Dort mischt sich die Beobachtung des Wandels im arabischen Raum auch mit Skepsis und der Sorge um die eigene Sicherheit – das ist nur zu verständlich. Die jüngsten Vorfälle an der Grenze zu Ägypten und mehr noch die Stürmung der israelischen Botschaft in Kairo in der Nacht von Freitag und Samstag zeigen, wie angespannt die Situation ist. Die ägyptische Regierung muss dafür Sorge tragen, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Und gerade jetzt in dieser Phase – und Deutschland setzt sich dafür sehr ein - kommt es darauf an, dass wir trotz scheinbar sehr, sehr schwieriger Bedingungen im Nahost-Friedensprozess vorankommen. Wir wollen eine Zweistaatenlösung mit Israel als jüdischem und demokratischem Staat in anerkennten Grenzen und einem lebensfähigen palästinensischen Staat. Anders ist ein dauerhafter Friede in der Region nicht erreichbar. Und wir wissen – das verlangt von Israel genauso wie von den Palästinensern schmerzhafte Kompromisse.

Israel genauso wie von den Palästinensern schmerzhafte Kompromisse.  Aber, und das wissen sie vor allem auch: Frieden ist jede Anstrengung wert. Eine Anstrengung bei der Deutschland und die internationale Gemeinschaft natürlich zur Seite stehen werden. Und wir sollten deshalb alles daran setzen, die verbleibenden Tage bis zur Versammlung der Vereinten Nationen dazu zu nutzen, vorneweg im Nahostquartett, um Wege zu finden, die eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses nicht zusätzlich erschweren, sondern erleichtern.

Meine Damen und Herren, ob im Nahen Osten, im arabischen Raum oder anderswo auf der Welt: Eine nachhaltige Entwicklung ist nur mit gelebten Menschenrechten denkbar. Wir brauchen Entwicklung auf unserer Welt, um die Grundbedürfnisse des Menschen zu erfüllen: Durst zu löschen, Hunger zu stillen, Krankheiten zu heilen, Bildung und damit auch berufliche und gesellschaftliche Teilhabe zu sichern.

Aber nur wer dabei die Menschenrechte achtet, schafft auch eine verlässliche Basis für Entwicklung. Und ähnliches gilt auch für den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Wir sind inzwischen sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Ich habe es noch einmal nachgelesen: 1950, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, waren es 2,5 Milliarden Menschen. 7 Milliarden Menschen, die Wohlstand möchten, die in Würde leben wollen. Und dies wird nur möglich sein, wenn wir es lernen, nachhaltig im Sinne der Schöpfungsgeschichte mit unseren natürlichen Ressourcen umzugehen. „Macht Euch die Erde untertan.“  Das war keine Aufforderung zum Raubbau, sondern das war eine Aufforderung zu dauerhaft glückliche Menschheit, meine Damen und Herren. Und deshalb wird es, wenn es um Entwicklungszusammenarbeit, wenn es um den Schutz unserer natürlicher Lebensgrundlagen geht, in Zukunft wesentlich in Zukunft auch immer um Frieden oder auch kriegerische Auseinandersetzungen gehen.

Je nachdem wie wir die Fragen nach nachhaltigem Wirtschaften beantworten, wird sich entscheiden, ob die Welt in Frieden leben kann. Und deshalb ist ein effizienter, fairer, sorgsamer Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen das A und O unserer Zukunft unserer zukünftigen Gestaltung der Welt.

Und Die Frage heißt: Sichern wir Zukunft oder verbrauchen wir Zukunft? Und das ist eine zutiefst moralische Frage, die wiederum die Politik nicht alleine lösen kann, sondern die sie nur lösen kann, wenn sie auf Menschen trifft, die sich diese Frage auch zu ihrem eigenen Anliegen gemacht hat.

Und auch hierbei gilt natürlich für uns in Europa und auch für uns in Deutschland: Aus unserer Stärke erwächst Verantwortung. Aus der Stärke der Industriestaaten folgt eine besondere Verantwortung des nachhaltigen Wirtschaftens.

Dabei stehen wir erstens in der Pflicht, die Rechnung für unseren Wohlstand selbst zu bezahlen. Wir dürfen die Lasten nicht weiter auf andere abwälzen, weder auf andere Regionen noch eben auf künftige Generationen. Und zweitens ist jeder von uns gefordert im Alltag den Nachhaltigkeitsgedanken stärker zu verinnerlichen: beim Energieverbrauch, beim Konsum und bei Produktionsentscheidungen. Und drittens sind wir gefragt Entwicklungs- und Schwellenländer auf ihrem Weg zum Wohlstand mehr zu unterstützen, ohne dabei die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Exemplarisch für dieses Thema steht das Thema des Klimawandels, der Energiepolitik, des Energieverbrauchs. Aber wir könnten genauso über andere Fragen wie die Biodiversität sprechen; der Vielfalt unserer Arten. Und immer wieder steht international die Frage im Raum: Wie viel Entwicklung gestehen wir anderen zu und wieweit sind wir selber Vorbilder um zu zeigen, Wohlstand kann auch gelebt werden im nachhaltigen Wirtschaften? Wir brauchen hierfür internationale Übereinkünfte. Die Welt kann nicht mehr national regiert werden. Auch nicht mehr allein durch Regionalorganisationen. Deshalb kommt auch den Vereinten Nationen aus meiner Sicht eine so zentrale Bedeutung zu. Ja, es ist kompliziert, mit über 180 Nationen immer wieder Einvernehmen herzustellen. Aber die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen ist aus einer so unmittelbaren Kraft heraus entstanden. Als Erfahrung aus dem 2. Weltkrieg, dass wenn alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen sich an das, was sie unterzeichnet haben, halten, die Welt sehr viel friedlicher wäre. Ich fordere Sie auf, die Sie ja immer wieder in der Welt Ihr Wort hörbar machen: Sagen Sie es laut, wo diese Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen nicht eingehalten wird.

Und daraus entsteht auch die Notwendigkeit verbindliche Abkommen zu schließen. Und gerade was das Abkommen für Klimawandel anbelangt, so haben wir, und das steht für viele andere Abkommen, immer noch dramatische Probleme zu lösen. Aber ich sage auch: Wir haben schon viele dicke Bretter gebohrt auf der Welt, wir haben schon viele Blockaden überwunden.

Und so werden wir es auch lernen als Menschheit gemeinsam mit unseren natürlichen Ressourcen verantwortlich umzugehen.

Ich bin davon zutiefst überzeugt, meine Damen und Herren und liebe Teilnehmer, die Friedenstreffen von Sant’Egidio leisten zu all dem einen großen Beitrag. Sie führen Menschen aus den unterschiedlichen Kulturkreisen zusammen. Sie überwinden Grenzen. Sie schärfen den Blick für das Verbindende. Und darin liegt ihr unschätzbarer Verdienst. Und deshalb sind wir, glaube ich, wenn ich das so sagen darf, auch Verbündete im Kampf um Menschenwürde, um Frieden, um Freiheit, um Menschenrechte.

Gerade an die Religionen richtet sich in den vergangenen Jahren verstärkt die Frage, was uns Menschen eint oder was uns Menschen trennt. Wer was glaubt, ist wieder mehr von öffentlichem Interesse, weil die Menschen spüren, wir brauchen die Kraft des Glaubens um die Fragen unserer Zeit zu bewältigen. Und der Dialog der Religionen hat neuen Zuspruch, neuen Wind bekommen. Das ist positiv! Negativ ist aber - das muss man leider sagen - der Hintergrund, vor dem diese Entwicklung Nahrung gefunden hat. Den Religionen werden auch in unserer Zeit sträflichst missbraucht. Insbesondere um Terrorismus zu begründen, wie wir es am 11. September 2001 gesehen haben. Und umso wichtiger ist der Dialog der Religionen, ist die Gemeinsamkeit der Religionen, die Sie in Ihren Treffen verfolgen. Denn eines ist klar: Religionen sehen den Menschen als Gottes Geschöpf, und deshalb ist seine Zerstörung - so wie wir das in tausendfacher Form erlebt haben am 11. September aber auch danach - genau das Gegenteil von dem, was Religion will. Und wenn wir in diesen Tagen in aller Welt der Toten des 11. September gedenken, dann gedenken wir der Opfer des Terrors, wir gedenken all der gefallenen Soldaten, der getöteten Sicherheitskräfte, vieler Helfer, die antraten um den Terror einzudämmen. Und mit diesem Gedenken tragen wir auch die Botschaft in die Welt: Die dem Menschen ureigene Sehnsucht nach Freiheit lässt sich durch Terror und Unterdrückung nicht ausradieren. Freiheit lässt sich nicht besiegen, meine Damen und Herrn. Auch heute können Menschen immer wieder Mittel und Wege finden, Anschläge zu verüben. Aber wir werden uns unsere Überzeugung davon nicht nehmen lassen. Und die Staatengemeinschaft wird sich weiter engagieren und auch engagieren müssen. Ob das auch als ultima Ratio mit militärischen Mitteln ist, ist in Ihren Kreisen sicher stark umstritten. Wir glauben, dass es notwendig ist, aber wir glauben niemals, dass das militärische Mittel wirklich alleine bringen können, sondern Frieden wird nur gebracht durch eine Vielzahl von Aktivitäten.

Und wir müssen lernen mit den Feinden des Friedens und der Freiheit umzugehen. Und das unterscheidet uns von der Zeit 1986, als Ihre Ursprünge gelegt wurden. Da haben wir es heute mit Bedrohungen zu tun haben, bei denen Menschen bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen für die falsche Sache, nämlich für den Tod anderer Menschen. Und mit diesen Bedrohungen, die wir asymmetrische Bedrohungen nennen, werden wir uns noch weiter auseinander setzen müssen. Ich glaube allerdings, dass die Bekämpfung von Armut, die Bekämpfung von Ungerechtigkeit ein gutes Mittel ist, um dem Terrorismus seine Wurzeln zu entziehen. Und so arbeiten wir gemeinsam genau daran. Mit die wirksamste Form der Krisenbekämpfung bleibt die Armutsbekämpfung. Darauf hat auch Sant’Egidio immer und immer wieder hingewiesen. Seit ihren Anfängen in den sechziger Jahren widmet sich die Bewegung dem Dienst an den Armen und sie lindert Leid und fragt zugleich nach den Ursachen. Eine wichtige Erkenntnis lautet, dass Krieg der Vater aller Armut ist. Und im Umkehrschluss könnten wir sagen dass der Frieden als Mutter aller Entwicklung bezeichnet werden kann. Ich hoffe Sie nehmen es mir nicht übel: mit Vater und Mutter. Es ist geschlechtsneutral gemeint meine Damen und Herren. Und deshalb möchte ich Ihnen danken! Sant’Egidio danken dass Sie ihre Kontakte und Freundschaften rund um den Globus nutzen um für mehr Stabilität auf der Welt einzutreten. Dieses Engagement ist ein wichtiger Baustein christlicher Friedensarbeit.

Herzlichen Dank dafür! Papst Johannes Paul II hat beim Treffen in Assisi vor 25 Jahren gesagt: „Der Friede, der von so anfälliger Gesundheit ist, erfordert ständige und intensive Pflege.“ Jede Generation muss Friede vor neuen Anfechtungen und Gefahren bewahren. Sie zu erkennen ist nur das eine. Sie mutig und entschlossen anzugehen, das ist das andere und darin liegt unser gemeinsamer Auftrag. Und lassen Sie mich deshalb nochmal Johannes Paul II zitieren: „Wir wollen danach trachten, Friedensstifter im Denken und im Tun zu sein. Mit Geist und Herz auf die Einheit der Menschheitsfamilie ausgerichtet.“ Davon dürfen wir uns alle angesprochen und ermutigt fühlen. Sie, die Sie unsere Gäste in der Bundesrepublik Deutschland sind und wir auch als Politiker. Sant’Egidio und allen Gästen des Friedenstreffens danke ich deshalb, dass sie immer wieder, und auf vielfältige, kreative, fantasievolle Art und Weise Versöhnung und Verständigung den Weg bereiten. Mir bleibt jetzt nur, Ihnen weiterhin Erfolg zu wünschen, und schöne Tage, gute Tage, erfüllte Tage in der wundervollen Stadt München.

 

 


München  2011

Botschaft
von Papst
Benedikt XVI


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