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23 Februar 2016

Paolo Ricca: Die Todesstrafe ist staatlicher Mord. Die Bibel beweist, dass Gott sie als erster "abschafft"

Die Predigt des Valdenserpastors beim Abendgebet von Sant'Egidio in Santa Maria in Trastevere am 22. Februar 2016

 
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Die Predigt des Valdenserpastors beim Abendgebet von Sant'Egidio in Santa Maria in Trastevere am 22. Februar 2016

Gen 4,13-15
Mt 5,21-24

Liebe Brüder und Schwestern,

heute fand bei Sant'Egidio eine Tagung über die Abschaffung der Todesstrafe statt, und mein Freund Paolo Sassi bat mich, diese kurze biblische Reflexion zum Thema Todesstrafe und ihrer Abschaffung zu halten. Dazu habe ich zwei Abschnitte ausgewählt, die vorgelesen wurden. Diese Abschnitte sind sehr bekannt und so eindeutig, dass sie keine Erklärung benötigen. Was erklärt werden muss, sind nicht diese Abschnitte, die sich selbst erklären. Erklärt werden muss, warum angesichts solch eindeutiger und widerspruchsloser Worte Länder mit christlicher Tradition (die die Heilige Schrift kennen, lesen und lehren und auch diese gelesenen Abschnitte lehren) weiterhin die Todesstrafe anwenden - wenn auch Gott sei Dank immer seltener.

Nicht diese so deutlichen, klaren und widerspruchslosen Texte müssen erklärt werden, sondern die Tatsache, dass sich als zivilisiert bezeichnende Länder weiterhin dieses rein barbarische Handeln vollziehen. Es muss erklärt werden, warum die Staaten - die einen Mord zurecht streng bestrafen - selbst das tun, was als staatlicher Mord zu bezeichnen ist. Die Todesstrafe ist ein staatlicher Mord.

Nun zu diesen beiden Texten. Der erste enthält sozusagen das entscheidende Wort von allen Worten der Bibel gegen die Todesstrafe. Wir haben gelesen, dass Gott "dem Kain ein Zeichen" machte, "damit ihn keiner erschlage, der ihn finde". Gott ist der erste, der die Todesstrafe "abschafft". Besser noch: Es handelt sich nicht um eine Abschaffung der Todesstrafe, sondern er verhindert, dass die Todesstrafe vorkommt, dass sie eingeführt wird. Also: nach diesem Abschnitt hat der Brudermörder Kain an einer bestimmten Stelle ein Zeichen durch Gott erhalten. Dieser Mann darf nicht getötet werden. Nach diesem Abschnitt hätte die Todesstrafe niemals eingeführt werden dürfen. Wenn die Menschen, die Menschheit insgesamt, einzelne und Staaten, dieses von Gott dem Kain gegebenen Zeichen ernst genommen hätten…

Was ist nun dieses Zeichen? Wie ihr wahrscheinlich wisst, gibt es fast unendlich viele Interpretationen des Zeichens. Meiner Meinung nach ist die einfachste Erklärung folgende: Gott gibt Kain das Zeichen als Zeichen der Zugehörigkeit. Es ist, als würde Gott sagen: "Kain gehört mir, er gehört nicht dir!"

Sei es, dass du als Einzelperson Rache gegen diesen Mörder hegst und es ihm heimzahlen willst, dass du "Auge um Auge, Zahn um Zahn" vergelten willst; sei es, dass die Gesellschaft sich schützen und bestrafen will, um eine Lehre zu erteilen, damit andere die Taten Kains nicht nachahmen. Unabhängig davon ist klar, dass das Zeichen ein Zeichen der Zughörigkeit ist. Gott sagt: "Kain gehört mir, er gehört nicht dir. Mit Kain beschäftigte ich mich, du musst dich nicht um ihn kümmern."

Wie ihr gehört habt, vergibt Gott Kain nicht. Im Gegenteil, er verurteilt ihn.  "Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein." Unaufhörlich auf der Flucht, du wirst vor dir selbst fliehen. Du willst vor dem begangenen Verbrechen fliehen, das Gespenst deines Bruders Abel wird dich jedoch auf dieser unmöglichen Flucht begleiten. Du wirst keinen Frieden finden. Jesus war noch nicht gekommen, der auch für Kain und alle Kains der Menschheitsgeschichte gestorben ist.

Kain wird keinen Frieden finden, weil kein Mörder jemals Frieden finden kann, wenn er nicht Jesus begegnet. Kain konnte Jesus nicht begegnen. Also Kain wird von Gott nicht so behandelt, als hätte er nichts getan: Nein. Kain trägt die Last seines Vergehens, aber er lebt! Er lebt. Er darf nicht getötet werden, weil Gott ihn sozusagen "entführt" und das Zeichen der Zugehörigkeit zu Gott verleiht. Dieses Zeichen Gottes, das Kain trägt, verhindert die Todesstrafe. In dieser Hinsicht "schafft Gott als erster die Todesstrafe ab".

Das zweite Wort ist ein Wort Jesu und geht über das Kainszeichen hinaus. Inwiefern? Im Sinn, dass Jesus praktisch sagt: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten." Ich aber sage euch, dass es viele Arten des Tötens gibt. Du kannst auch durch ein Wort töten. "Worte sind Steine", sagt Carlo Levi. Worte sind auch Fausthiebe. Du kannst wirklich durch ein Wort töten. Es gibt viele Arten des Tötens, sagt Jesus. Also der Tod kann sich verschiedentlich verkleiden: Auch eben in ein Wort und in viele andere Weisen.

Wenn du beispielsweise die Todesstrafe abschaffst, jedoch die Marktgesetze als göttlich und heilig betrachtest, führst du durch die Gesetze Tod herbei. Viele Gesetze sind mörderisch, tödlich. Daher die herausragende Bedeutung des Wortes Jesu, das uns die vielen Arten des Tötens verstehen lässt. Da es viele Arten des Tötens gibt, ist die Abschaffung der - als unantastbar angesehenen - Todesstrafe nichts anderes als der erste Schritt hin zum Kernpunkt der Angelegenheit, nämlich der Abschaffung des Todes! Wir müssen von der Abschaffung der Todesstrafe zur Abschaffung des Todes kommen! Ich spreche nicht über den natürlichen Tod, selbst Jesus hat diesen Tod erlitten. Ich spreche über die tausend Formen des Todes, die in unserer heutigen Welt um sich greifen. Das war schon immer der Fall, doch es scheint, dass es immer mehr wird. Daher müssen wir ausgehend von der Abschaffung der Todesstrafe sozusagen die Abschaffung des Todes in allen tausend Formen "programmieren", in denen er sich zeigt. Das "Programm Jesu" besteht gewissermaßen darin, über das Zeichen des Kain hinauszugehen und nicht nur die Abschaffung der Todesstrafe durchzuführen. Dass dies das Programm Jesu ist, hat er in seiner Auferstehung gezeigt, die eben der Höhepunkt und die Fülle des christlichen Evangeliums und die Abschaffung des Todes ist. Amen.


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