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1 September 2013 | ROM, ITALIEN

Die Predigt von Erzbischof Vincenzo Paglia bei der Liturgie zum Fest des Hl. Ägidius

Santa Maria in Trastevere

 
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Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Sonntag, an dem wir uns wieder versammeln und unser gewohntes Leben wieder aufnehmen, wird durch das Gedenken des Hl. Ägidius bereichert. Dieser Heilige ist in dieser Basilika nicht nur deshalb sehr beliebt, weil sie in der Nähe der kleinen Kirche Sant'Egidio liegt, sondern weil eine tiefere Verbundenheit besteht. Die Geschichte von Santa Maria in Trastevere ist mit der Begegnung von Orient und Okzident verbunden, wie es die Ikone der Gnade als eines der beeindruckendsten Zeichen belegt. Sie begegnet gewissermaßen der Geschichte von Ägidius, dem Mönch aus alter Zeit, der aus Griechenland im Osten aufbrach und in den Westen nach Südfrankreich kam, wo er gestorben ist. Damals war die Kirche ungeteilt, die Begegnungen und der Austausch zwischen den beiden Traditionen fanden häufig statt. Wie diese Basilika das Ergebnis der beiden Traditionen ist, so ist Ägidius gewissermaßen ein Heiliger, der mit beiden Lungenflügeln atmet. Er wollte den Primat Gottes auf radikale Weise leben und wurde Mönch. Doch er blieb nicht allein. Er wurde zum Vater einer Gemeinschaft von Brüdern, die in seiner Umgebung selbst diesen Primat der Liebe leben wollte, der allein Rettung schenkt. Ägidius wurde zum Verteidiger der Schwachen, wie das Symbol der durch seine Hand beschützten Hirschkuh belegt, die dem Pfeil des tötenden Königs Einhalt gebot. Sein Todesort liegt auf dem Weg nach Compostela, sodass sein Gedenken überall in Europa verbreitet wurde und sozusagen ein Netzwerk der Barmherzigkeit und Liebe auf diesem alten Kontinent schuf. Sein Name als heiliger Mönch wurde nämlich viele Jahrhunderte lang zum Schutz vor dem Bösen und vor vielen Arten des Bösen angerufen.

Durch einen geheimnisvollen Plan Gottes kümmert sich die Gemeinschaft Sant'Egidio heute um die kleine Kirche hier nebenan und hat sogar ihren Namen übernommen. Jeden Abend versammelt sie sich zum Gebet in dieser Basilika und ist sozusagen Erbin dieser sehr langen Tradition geworden, die den Osten mit dem Westen verbindet, die dazu aufruft, sich immer wieder betreffen zu lassen und bei den Armen stehenzubleiben, um ihnen die Barmherzigkeit Gottes zu zeigen und Friedensbande unter allen Völkern zu knüpfen. Genau im September 1973, also vor vierzig Jahren wurde die kleine Kirche Sant'Egidio der Gemeinschaft übergeben. Seitdem ist sie ihr schlagendes Herz und ein Heiligtum geworden, in dem die Ikone vom heiligen Antlitz aufbewahrt wird, das die Gemeinschaft überall auf der Welt begleitet. Auch von diesem Altar aus wacht das Antlitz des Herrn unaufhörlich über jeden, der herbeikommt. Es ist für uns eine Gnade, Anteil zu erhalten an diesem geheimnisvollen Plan Gottes, das Evangelium mit dem Charisma der Gemeinschaft weiterzugeben. Der Herr hat sie zum Wohl der Kirche und der Welt ins Leben gerufen. Wir haben sie geschenkt bekommen und können die Worte aus dem Hebräerbrief auf uns beziehen, um sie mit tieferem Bewusstsein zu leben: "Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind".

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir wurden in ein großes Volk aufgenommen und sind Teil einer Gemeinschaft der Erstgeborenen, beziehungsweise von Kindern, die der Herr von der Sünde erlöst hat, damit sie noch mehr sind als Kinder, nämlich Erstgeborene, wodurch ein Privileg der Liebe zum Ausdruck kommt. Das geschah natürlich nicht durch unsere Verdienste, sondern aus Gnade. Wenn der Verfasser uns darauf hinweist, dass wir uns an einem noch heiligeren Ort befinden als der brennende Dornbusch, müssen wir dann nicht noch mehr als die Sandalen an den Füßen ablegen, während wir in dieses Heiligtum eintreten und Anteil erhalten an dieser Versammlung? Es kann geschehen, dass wir nicht nur die Sandalen nicht ablegen, sondern sogar - wie das Evangelium erklärt, das wir gehört haben - den Ehrenplatz suchen, beziehungsweise an uns, an unsere Dinge und unsere Probleme denken. Der Herr hat diese heilige Versammlung geschaffen, damit sie der Ort der Liebe, der Barmherzigkeit, der Geschwisterlichkeit und des Dienstes sei. Als Erster ist er dafür  ein Vorbild, wenn er sagt: "Denn ich bin nicht gekommen, um bedienst zu werden, sondern um zu dienen". Die Suche nach dem Ehrenplatz bedeutet nicht, die Suche nach der ersten Reihe oder dem ersten Platz, sondern dass das Ich vor die anderen gestellt wird, dass alles der eigenen Bequemlichkeit untergeordnet wird, dass man bedient werden möchte statt zu dienen, dass man Ehre anstrebt statt Bereitschaft zu bekunden, dass man beachtet werden möchte, bevor man liebt. Dass man kurzum sich selbst allem anderen voranstellt.

Jesus ächtet dieses Verhalten. Es ist nicht nur unschicklich, sondern auch schädlich, denn es verletzt die Geschwisterlichkeit und die Kommunion. Es ist auch erniedrigend, sagt Jesus. Es ist daher besser, sich nicht so hoch einzuschätzen. Der Apostel Paulus mahnt: "Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst" (Phil 2,3). Man sollte sich vor Gott wegen der eigenen Sünde und Schwäche schämen. Die heilige Liturgie lehrt uns das, indem sie uns das Gebet "Herr, erbarme dich" in den Mund legt. Dann wird der Herr selbst zu uns sagen: "Mein Freund, rück weiter hinauf!" Ja! Der Demütige wird vom Herrn, dem "Vater der Demütigen", weiter nach vorn geführt. Im Buch Jesus Sirach haben wir gehört: "Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden, und du wirst mehr geliebt werden als einer, der Gaben verteilt. Je größer du bist, um so mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade finden bei Gott... und von den Demütigen wird er verherrlicht". Der Demütige versteht, kann lieben, kann Bruder oder Schwester sein. Ein Demütiger kann beten, gütig sein, er kann die höchsten Berge versetzen und die tiefsten Abgründe überwinden. Der Demütige versteht und nimmt Platz am Tisch, über den das Evangelium spricht: "Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder … ein; sonst laden auch sie dich ein... Nein, … lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten". Dieses Wunder wird in dieser Basilika jedes Jahr an Weihnachten beim Festmahl für die Armen deutlich sichtbar. Doch es ist auch das alltägliche Festmahl, zu dem der Herr einlädt, damit sich die Versammlung der Demütigen und Armen überall auf der Welt ausbreitet als Zeichen für die neue Welt, die der Herr schon jetzt auf der Erde begonnen hat.

 


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