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8 September 2013 | ROM, ITALIEN

Ein Fasten gegen die Resignation

Andrea Riccardi über die Gebetswache mit Papst Franziskus für den Frieden in SyrienEin Fasten gegen die Resignation

Papst Franziskus und Syrien

 
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CORRIERE DELLA SERA


Im Vergleich zu den Ritualen der Diplomatie ragt die Initiative von Papst Franziskus für Syrien heraus. Der Heilige Stuhl ist wieder auf die internationale Bühne zurückgekehrt. Die Initiative bewegt sich auf zwei Ebenen: einerseits der Religion und des Volkes und andererseits der Diplomatie. Das ist charakteristisch für große vatikanische Friedensaktivitäten, wie bei Johannes XXIII. in der Kubakrise 1962 oder bei Papst Wojtyla in der Balkankrise und der Irakkrise. Papst Franziskus ruft das katholische "Volk" zu Gebet und Fasten auf. Nicht nur die Katholiken, sondern alle. Das haben wir gestern auf dem Petersplatz erlebt und in vielen Kirchen der Welt. Das ist keine unwichtige Tatsache, während gegenüber dem syrischen Drama allgemein eine Leere der Gefühl festzustellen ist. Anders als bei den früheren Krisen scheinen die Europäer vor der Bedeutungslosigkeit zu resignieren.

Nicht nur die Regierungen sondern auch die Zivilgesellschaften. 2003 gab es Großdemonstrationen gegen den Irakkrieg. Heute schweigen die Europäer, sie sind ziemlich mit ihrer Krise beschäftigt oder der Meinung, dass sie nichts ausrichten können. Das Interesse für wichtige internationale Fragen ist verflogen. Auch die Linke, die im Allgemeinen für Frieden engagiert ist, konnte keine Mobilisierung herbeiführen.

Die europäische Introvertiertheit erfasst durchgehend alle Bereiche. Das will Franziskus nicht akzeptieren: Ohnmacht und Resignation angesichts von großem Blutvergießen, über 100.000 Tote, zwei Millionen Flüchtlinge, Libanon in der Krise. Vor allem das Fehlen von Friedensperspektiven. Als Mann des Glaubens glaubt Papst Bergoglio, dass das Gebet "Berge versetzt", wie das Evangelium sagt. Manche Dämonen können nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden. Für die Kirche ist der Krieg ein schrecklicher Dämon. Im 20. Jahrhundert haben die Päpste nie vor der Logik des Konflikts resigniert und sich von Zeit zu Zeit Beleidigungen der von Kriegstreiberei berauschten Seiten eingehandelt. Durch die gestrige Initiative ruft Franziskus die Katholiken (nicht nur sie) auf, aus der Trägheit aufzuwachen: er lehnt die zudem unmögliche Lösung der Waffen ab und beklagt auch die Gleichgültigkeit. Man darf kein Zuschauer sein.

Manche behaupten, das vatikanische Handeln beinthalte eine antiamerikanische Färbung, weil es im Kontrast zum bestrafenden Eingreifen der Vereinigten Staaten in Syrien steht. Nach Benedikt XVI., der Bush in den vatikanischen Gärten mit einem Verstoß gegen das Protokoll empfing, sei die Stunde eines lateinamerikanischen Papstes gekommen, der dem Giganten USA kalt gegenübersteht. Das ist meiner Meinung nach eine falsche Interpretation. Das Eingreifen des Papst im Fall von Syrien ist das internationale Debüt von Papst Franziskus (der keine diplomatische Karriere hinter sich hat) nach einigen Übergangsmonaten des Papsttums. Es trifft mit der Ernennung des Staatssekretärs, Pietro Parolin, zusammen, ein bekannter und ausgezeichneter Priester und feinfühliger Verhandlungsführer in Kontinuität mit den Kardinälen Casaroli und Silvestrini.

Franziskus hat die internationale Bühne mit "prophetischen" Tönen betreten und wird durch ein Drama mit großen Dimensionen angetrieben: "Es gibt ein Urteil Gottes und auch ein Urteil der Geschichte über unsere Taten, dem man nicht entrinnen kann! Niemals wird der Gebrauch der Gewalt zum Frieden führen. Krieg weckt Krieg, Gewalt weckt Gewalt!"

Der Heilige Stuhl hat neben dem öffentlichen Einsatz auch den Weg der Diplomatie eingeschlagen. Verschiedene Länder machen sich in Zeiten der Kürzungen Gedanken über den Sinn von Botschaften beim Vatikan. In diesen Tagen haben sie bemerkt, dass Rom ein Kreuzungspunkt sein kann. Die Vatikandiplomaten haben allen Botschaftern ihre Vision erläutert und die kleineren Länder aufgerufen, sich nicht zurückzuziehen, denn auch sie spielen eine Rolle. Der Papst hat jedoch die Absicht, die großen Länder auf ihre Verantwortung festzunageln. Der Brief an Putin (Präsident des G20, aber auch wichtiger Schutzherr von Damaskus) ist ein diplomatischer Text, auch wenn man am Ende die ungewöhnliche Bitte an den Präsidenten vorfindet, "für mich zu beten". Putin ist ein orthodoxer Christ, die Beziehungen zwischen dem neuen Russland und dem Patriarchat von Moskau sind eng. Die orthodoxen Russen sind traditionell Freunde der syrisch-orthodoxen Christen.

Bergolio fordert den G20 auf, "angesichts der Dramen nicht tatenlos zu bleiben". Er weist auf Verhandlungen hin, um den Stillstand nach Art des Kalten Krieges zu überwinden: die Vereinigten Staaten auf der einen Seite und Russland und die anderen auf der anderen. Zurecht hat Enrico Letta in Moskau die Bedeutung der Papstbotschaft hervorgehoben, nicht aus Ehrfurcht, sondern um einen Ausweg vorzuschlagen, der die Ehre aller rettet: die Russen, die Syrien nicht verlieren wollen, und die Vereinigten Staaten. Eine Haltung nach der Art des Kalten Krieges (nunmehr aber ohne zwei führende Staaten) ist anachronistisch: eine unwirkliche Lebensweise in einer multipolaren Welt. Denn der aktuelle Stillstand ist typisch für eine internationale Gemeinschaft mit vielen Ritualen, aber gelähmt in der Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, aber auch mit der Gefahr größerer Brände. Franziskus ist nicht nachsichtig gegenüber dem Zögern der Völker: "ohne weiteres Zögern" ist sein zentraler Aufruf. Die Zeit ist keine unwesentliche Komponente. Wenn man sie verstreichen lässt, akzeptiert man, dass der Konflikt chronisch wird. Dass auch Blut vergossen wird. Blut zu "retten", ist grundlegenden für denjenigen, der den Wert eines jeden Menschenlebens erkennt. Ein Waffenstillstand ist notwendig, um Leben zu retten und die Parteien (innerhalb und außerhalb Syriens) auf den Verhandlungsweg mitzunehmen.

Andrea Riccardi


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