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6 August 2014

CORRIERE DELLA SERA

DIE DRAMATISCHE LAGE IM IRAK UND IN SYRIEN

Verfolgungen, Alarmrufe reichen nicht mehr. Jetzt muss an konkrete Lösungen gedacht werden

 
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Die Lage der Christen im Irak und in Syrien wird immer dramatischer. Ihre Welt läuft leider Gefahr unterzugehen. Fast zwanzig Jahrhunderte lang hat sie vielen Kriegen und Invasionen widerstehen können, die den Christen sicherlich nicht wohlgesonnen waren. Doch nun finden sie nicht einmal jenen (schon eingeschränkten) Raum, den viele intolerante Herrscher ihnen in früheren Jahrhunderten zugestanden hatten. Hier handelt es sich um einen islamischen Totalitarismus, der Unterschiedlichkeit nicht erträgt, nicht einmal innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft. Die Christen werden vertrieben, ein einzigartiges Kulturgut wird zerstört. In Europa sind fortlaufend Rufe von Meinungsbildnern und Kirchenvertretern zu hören, die zurecht die Lage beklagen. Sie fegen häufig das Schweigen unserer Gesellschaft hinweg. Seit Monaten wird über dieses Drama gesprochen (in Italien regelmäßig im Avvenire und in unserer Zeitung). Doch das genügt niemals.

Auch wenn teilweise die Lage der syrisch-irakischen Christen mit der der Juden verwechselt wird: es sind zwar zwei schwierige Situationen, die doch sehr unterschiedlich. Um ehrlich zu sein, ist das Problem heute nicht das Schweigen sondern die Ohnmacht. Ohnmacht gibt es im Übermaß, das hat langwierige Gründe. Die Hinwendung an den zum "Mythos" erhobenen Westen, damit er die Christen verteidige, gehört nicht mehr zu den realen Fakten. Noch vor hundert Jahren hätte Frankreich mit militärischen Mitteln eingegriffen (wie das am Beginn des vergangenen Jahrhunderts geschah, als der Sultan den chaldäischen Patriarchen nicht anerkannte). Die Hinwendung zum Westen bleibt zwar in der Perspektive der orientischen Christen vorhanden: "Doch was tut Frankreich?" - fragte mich verbittert einer von ihnen. Leider sind Frankreich, die Vereinigten Staaten, Deutschland, Italien in einer Zwangsjacke der Ohnmacht gefangen. Russland kümmert sich sehr um das Schicksal der orientalischen Christen und unterstützt das Regime von Assad, der von der Mehrheit der Christen als letztes Bollwerk angesehen wird.

In Bezug au die irakischen Christen begann das letzte Kapitel einer langen traurigen Geschichte mit dem amerikanischen Krieg gegen Saddam Hussein. Es gibt überhaupt keine Nostalgie nach der Regierung des Diktators, doch die Christen fühlten sich sicher unter dieser "laizistischen" Diktatur. Der chaldäische Patriarch Bidawid zog im Westen umher und wiederholte, dass Saddam die letzte Sicherheit sei. Doch es kam zum Krieg. Einige sprachen von einem Schock, um die Demokratie durchzusetzen. Auch in unserem Land. Es wurde sogar behauptet, die christlichen Werte zu verteidigen.

Johannes Paul II. war sicher kein Freund der Diktatoren, aber er brandmarkte diesen Krieg mit großer Deutlichkeit. Auch in der katholischen Welt folgte man ihm nicht immer, sondern gab unterschiedliche Erklärungen. Durch den Krieg und das anschließende Chaos begann das Ende der irakischen Christen, deren Zahl von 1,4 Millionen auf heute 300.000 gesunken ist. Es war eine Zeit vollkommener Unsicherheit.

Wer kann, wandert aus. Wie kann man daran Kritik üben, wenn die Familien zu unerträglichem Zusammenleben in Stadtvierteln gezwungen werden, wo Banditentum und Terror herrschen? Oder wenn die Kirchen zum Ziel von Attentaten werden?
Im irakischen Chaos kam die Idee auf, eine Provinz mit großer christlicher Bevölkerung in der Niniveebene einzurichten (dort finden jetzt die aus dem islamisierten Mossul geflohenen Christen Zuflucht). Die Amerikaner unterstützen das Projekt. Die Anwesenheit der Kurden und das benachbarte Kurdistan geben Sicherheitsgarantien. Auf kirchlicher Seite sprach man von Einrichtung eines "Ghettos". Das war keine ideale Lösung sondern ein Notbehelf für eine überall gefährdete Minderheit. In Wahrheit gab es auch im kirchlichen Bereich keinen Plan. Das ist wieder die Ohnmacht, die alle gefangen hält. Ein Schimpfen auf Europa würde ein vertieftes Nachdenken erforderlich machen. Für die Christen war der Irrtum der Krieg gegen Saddam. Was kann der Westen nun tun? Frankreich hat Asyl für die vertriebenen Christen vorgeschlagen. Das ist schon viel in einem Europa mit verschlossenen Türen. Es musste negative Antworten von französischen und irakischen Kirchenvertretern in Kauf nehmen, die die Christen zum Bleiben auffordern. Seit vielen Jahren fordern das die orientalischen Bischöfe, doch leider suchen die Familien, wenn es möglich ist, Sicherheit und eine Zukunft im Ausland.

Die Ohnmacht macht Angst. So sind immer mehr Schreie zu hören. Vielleicht ist die einzige Möglichkeit heute, für ein Zusammenleben von Christen und Kurden in der Niniveebene und in Kurdistan zu arbeiten. Bei den Kurden (die lange Zeit Verfolger der Christen waren) hat eine kulturelle Entwicklung stattgefunden: sie haben sich für eine Interkulturalität geöffnet, die Raum für die Christen lässt. Das sieht man auch in den kurdischen Provinzen der Türkei wie in Mardin oder Diyarbakir. In dieser Hinsicht können die Kirchen und die westlichen Ländern vielleicht etwas unternehmen. Für Syrien ist der Appell für eine Waffenstillstandszone in Aleppo - meiner Meinung nach - der Weg, um diese Stadt und dieses Weltkulturerbe mit vielen christlichen Einwohnern vor dem traurigen Ende zu bewahren, in die Hände islamischer Rebellen zu geraten und das Schicksal von Mossul zu erleiden. Es müssen bald gangbare Wege aufgezeigt werden, denn das Leben vieler Menschen steht auf dem Spiel. Christen und Nichtgläubige im Westen sind aufgerufen, die Ohnmacht abzulegen. Es muss unbedingt in realistischer Weise überlegt und gehandelt werden; unser Schreien nach der Art der 68er Generation kann uns nicht davon entbinden. Wir hoffen, dass die schöne Idee der italienischen Bischofskonferenz, den 15. August dem Gedenken an die Christen in Not zu widmen, neue Energien wecken und zu Entscheidungen führen möge. Denn es werden "mehr" Überlegungen und Taten gebraucht.

Andrea Riccardi

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