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29 September 2013 17:00 | Auditorium "Conciliazione"

Rede von Kardinal Agostino Vallini bei der Eröffnungsveranstaltung des Friedenstreffens "Mut zur Hoffnung"



Agostino Vallini


Kardinalsvikar Seiner Heiligkeit für die Diözese Rom

Liebe Freunde ,

1. Ihnen allen überbringe ich einen herzlichen Gruss sowie die Wertschätzung und ehrliche Freundschaft von Seiten des Bischofs von Rom, Papst Franziskus, sowie von Seiten der katholischen Gemeinde dieser Stadt, die sich freut, nach 17 Jahren neuerlich Gastgeber für den von der Gemeinschaft Sant’Egidio organisierten Jährlichen Pilgerweg der religiösen Führer zu sein.

2. Wir befinden uns in Rom, auf einem Boden, der vom Blut der Märtyrer des christlichen Glaubens getränkt ist, einer Stadt der universalen Berufung, einer Stadt der Kunst und Kultur, wo der Einsatz für die Würde des Menschen, für Solidarität und für Dialog zwischen den Religionen zu Hause ist.

3. “Mut zur Hoffnung” ist ein Thema, das für nichtgläubige Menschen, die sich aber aufrichtig über den Verlauf des menschlichen Schicksals Gedanken machen, dazu verleiten mag, das Wort “Hoffnung” sozusagen als Synonym von “Revolution” aufzufassen, also ein Wort, das nicht mehr an die - bereits überwundenen - Ideologien des 20. Jahrhunderts erinnert, sondern ein Aufruf zu einer tiefgreifenden Veränderung ist, zu einer Umwälzung von Werten und Ordnungen.

Das geltende System, sagen sie, sei in eine ausweglose Krise geraten: Die Wirtschaft, das gesellschaftliche oder berufliche Gefüge, die Lebensqualität der Völker stehen mit der Kontinuität des Systems selbst in Konflikt. Revolutionen, wie etwa die sozialistischen, wären heute undenkbar. Es gibt nicht mehr die Arbeiterklasse, die sich in großen Fabriken organisiert hatte, wo sie in eine anonyme und entfremdende Arbeit verrichtete, wie zum Beispiel (zumindest im Westen) die Fließbandarbeit. Sie wurde fast immer von computergesteuerten Maschinen ersetzt, deren Bedienung anderen anvertraut ist. Eben dieses Konzept von Klassen oder sogar Massen entspricht der heutigen Zeit nicht mehr. Heute spricht man nicht einmal mehr von Volk, sondern von Individuen, die sich ohne echte Regeln im Internet zusammenschließen, ohne sich zu kennen. In der Zeit der Technologie ist es möglich, Ideen und Informationen mit einer bis vor einigen Jahren noch unvorstellbaren Schnelligkeit und Ausmaß zu übermitteln; diese bewirken den Zusammenschluss Unbekannter. Man denke sodann an jene, die die Finanzkontrolle innehaben, welche über Kapitalflüsse bestimmen können, ohne sich zu zeigen, womöglich auch ohne sich zu kennen. 

4. Wenn nun diese Vergangenheit keine Veränderung in den Beziehungen zwischen den Menschen hervorgebracht hat, welche einer glaubhaften Hoffnung Substanz geben könnte, so bedeutet dies, dass sich die Hoffnung nicht auf rein weltliche Visionen reduzieren lässt. Es ist nötig, die Hoffnung, oder noch mehr den Menschen selbst und sein Schicksal, mit höheren Quellen zu verbinden. Der in die Immanenz eingekapselte Mensch erklärt sich nicht selbst, rettet sich nicht selbst. Sein Horizont ist zu beschränkt, die Energien sind schwach, das Herz ist krank, wenn es nicht gar an Egoismus oder Narzissmus erkrankt ist.

Angesichts der Herausforderungen der Postmoderne, in einer Welt, die von Säkularisierung und Gleichgültigkeit gekennzeichnet ist, hat es keinen Wert, etwas zu bedauern oder zu beklagen. Der Mensch muss sich ausgehend von der Transzendenz verstehen und in das Mysterium eintreten. Nur wenn er sich in einer tiefen Dimension der Innerlichkeit verwurzelt, nur in Gott, kann er Inspiration und Antworten auf die großen Fragen des Lebens finden und so der Geschichte Bedeutung verleihen.

Die großen Religionen oder alle, die aufrichtig nach der Wahrheit suchen, haben trotz der Unterschiede etwas gemeinsam, sozusagen ein genetisches Element: Sie sind Träger eines Funkens des Ursprungs, der sie dazu anspornt, sich für den Frieden und die Gerechtigkeit unter den Völkern einzusetzen. In diesem klaren Bewusstsein, welches die Schwierigkeiten und Hindernisse nicht abschwächt, möchten wir zum gemeinsamen Wirken wie auf einem Fundament verankert sein, das die Einheit zwischen den Völkern und den Aufbau des Friedens fördert.

 5. Was ist nun der Mut zur Hoffnung? Oder besser gesagt: Für welche Hoffnung müssen wir uns mit Mut einsetzen? Unsere Hoffnung liegt in der „Begegnung mit dem Herrn aller Herren, die Begegnung mit dem lebendigen Gott …. Und deshalb verwandelt er von innen heraus das Leben und die Welt” (Spe salvi, 4). 

In diesem Licht möge uns die große Figur von Abraham, dem Vater der drei großen monotheistischen Traditionen, helfen.

Nachdem er eingeladen wurde, sein Land zu verlassen, um auf ein verheißenes Ziel zuzugehen, das sich in der Zukunft verwirklichen wird, vernimmt er die Worte: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen“ (Gen 12,2). „Fürchte dich nicht, Abraham, ich bin dein Schild“ (Gen 15,1).

Hierin wurzelt die Hoffnung von Abraham: Die Verheißung wird sich verwirklichen, aber die Sicherheit über deren Verwirklichung stützt sich nicht auf menschliche Annahmen, deren Erfüllung sich auf rationale Weise vorhersagen lassen, sondern auf das Wort Gottes. Abraham muss lernen, sein völliges Vertrauen darauf zu setzen. Aus dem Glauben erwächst die Hoffnung.

Und Abraham „glaubte YHWH, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an“ (Gen 15,6). Der Heilige Paulus sagt später, dass Abraham das höchste Niveau erreicht hat: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt“ (Röm 4,18).

Dies ist die Hoffnung, die nicht enttäuscht. Sie vermag zu erleuchten, Orientierung zu schenkten, über die Mühen, Ängste, Zweifel, und sogar den Tod selbst hinauszuführen. Der Glaube verleiht der Hoffnung Substanz, denn er bedeutet nicht nur eine Öffnung des Lebens gegenüber dem Allmächtigen, er bedeutet, sich nach einer Zukunft auszustrecken, die die Gegenwart verändert, Mut macht und die Geduld stärkt. 

6. Erlaubt mir, dass ich noch eine Frage stelle: Betrifft diese Hoffnung nur das Individuum? Nein. Sie hat zu tun mit dem Aufbau der Welt, gemäß den unterschiedlichen geschichtlichen Zusammenhängen, den unterschiedlichen Kulturen, den Erwartungen der Völker. Hoffnungsvolle Menschen nehmen wahr, dass sie eine Aufgabe für die Welt haben. Im Mittelalter, als Bernardo di Chiaravalle vom Leben in den Klöstern sprach, wies er darauf hin, dass man den Mönchen das Wort des Pseudo-Rufino zuschreiben kann: „Das menschliche Geschlecht lebt dank weniger. Wenn diese nicht wären, würde die Welt untergehen....“ (Sententiae III,118). Die Verantwortung für die Welt muss sich also in einem Dienst am Allgemeinwohl erweisen, nicht nur durch den Beitrag der Wissenschaft, sondern vor allem durch die Ausrichtung der Kräfte, die von der Hoffnung motiviert sind. In der Enzyklika Spe salvi, 26 schreibt Benedikt XVI: „Es ist nicht die Wissenschaft, die mich zum Menschen macht. Der Mensch wird durch die Liebe erlöst“ (Spe salvi, 26).

In einer Zeit, in der die “Globalisierung der Gleichgültigkeit” die Verarmung des Gewissens zur Folge hat und zur Unfähigkeit führt, sich in die anderen hineinzuversetzen, sind wir aufgerufen, uns jeder innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft dafür einzusetzen, dass die Globalisierung eine Gelegenheit zur Annäherung der Völker werden möge, und dass die Unterschiede der Völker für eine gerechtere und vereintere Welt integriert werden mögen.

Die Worte, die Papst Franziskus zu Beginn seines Pontifikats am 20. März an die Vertreter der Kirchen und anderer Religionen gerichtet hat, stellen einen wertvollen Bezugspunkt für die Arbeiten in diesen Tagen dar:  „Die Kirche ist sich dessen bewusst, wie wichtig die Förderung der Freundschaft und des Respekts zwischen Männern und Frauen unterschiedlicher religiöser Traditionen ist... Ebenso ist sie sich auch der Verantwortung bewusst, die sie in dieser unserer Welt gegenüber der ganzen Schöpfung hat, die wir lieben und behüten müssen. Wir müssen viel tun für das Wohlergehen dessen, der arm ist, der schwach ist, der leidet, um Gerechtigkeit zu ermöglichen, um die Versöhnung voranzutreiben, um den Frieden aufzubauen. Vor allem aber müssen wir in der Welt den Durst nach dem Absoluten lebendig halten. Wir dürfen nicht erlauben, dass eine eindimensionale Vision des Menschenwesens überwiegt, gemäß welcher sich der Mensch auf das reduziert, was er produziert und was er konsumiert. Diese ist eine der gefährlichsten Tücken unserer Zeit“.

Versuchen wir also, die Koordinaten auf eine „spirituelle Revolution“ hin zu untersuchen, mit welcher man die Krise angehen und bewältigen kann, mit dem Mut zur Hoffnung. Es werden die Themen der Umweltkrise sein, die so sehr die neuen Protestbewegungen in der ganzen Welt hervorrufen, oder die Herausforderung des Hungers, oder die Nöte der „existenziellen“ Peripherien in einer immer stärker urbanisierten Gesellschaft; und wir müssen uns über das menschliche Leid befragen. Der Mut zur Hoffnung wird der Schlüssel zu einer einheitlicheren Interpretation sein, um allem ein neues Gesicht zu verleihen, das auf dem Wert der Kostenlosigkeit gründet und somit das Antidot gegenüber einem Verschlossensein im eigenen Ich ist. Unsere Zeit braucht von Neuem positive Botschaften, die dem Pessimismus und dem so sehr unter den Menschen und in den Institutionen verbreiteten Misstrauen entgegenwirken. Die Menschheit scheint in eine neue Ordnung der Dinge einzutreten, wie die religiösen Zeichen des Aufbruchs deutlich zeigen.

7. Liebe Freunde, in der heutigen Welt ist die Kultur der Konfrontation und des Krieges noch so sehr präsent. Es ist ein großes Bündnis für den Frieden nötig. Arbeiten wir an diesem Treffen mit, damit sich der Geist von Assisi auf jedes Volk ausbreite und damit er in das Herz vieler Situationen des Leids und des Misstrauens eindringen möge, damit der Frieden erblühe. 

                                            Kardinal Agostino Vallini


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