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Papst Franziskus in der St. Bartholomäusbasilika zum Gebet im Gedenken an die neuen Märtyrer. Texte, Video, Fotos

Papst Franziskus besucht am 22. April die St. Bartholomäusbasilika zum Gebet im Gedenken an die neuen Märtyrer

Beim Gebet gibt es Zeugnisse von Verwandten und Freunden der Märtyrer und eine Begegnung mit Flüchtlingen. Die Veranstaltung wird im Live-Streaming auf der Homepage und bei Facebook übertragen

Ostern der Auferstehung: Christ ist erstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!

Papst Franziskus kommt am 22. April zum Gebet mit den neuen Märtyrern in die St. Bartholomäusbasilika auf der Tiberinsel

Am Palmsonntag haben wir ein Friedenszeichen auf den Straßen und in den Städten der Welt verteilt #PalmSunday

Hier die Fotos

 
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8 September 2014 16:30 | Thomas More, Campus Carolus, Room 006

Intervention



Daniel Deckers


Journalist, FAZ, Deutschland

Der griechische Philosoph Aristoteles lehrte – so lernte man es einst im Philosophie-Unterricht –, dass das „Staunen“ der Beginn jener Liebe zur Weisheit (Philo-sophia) sei, die unter diesem griechischen Namen bis heute unverändert in vielen Sprachen der Welt fortlebt. Ein schwacher Abglanz dessen ist der Habitus des Redakteurs, der über der Routine, hunderte, wenn nicht tausende Informationen am Tag wahrnehmen und bewerten zu müssen, längst das Staunen verlernt hat, aber der zumindest immer noch die Frage stellt: „Was ist das Neue daran?“

So ist es, wenn ich mich recht erinnere, längst zur Routine geworden, während der jährlich wiederkehrenden Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio über die Rolle von Medien bei der Entstehung, Austragung und womöglich auch Bewältigung von Konflikten nachzudenken. Das ist also nicht neu. 

Indes sind die Anlässe verschieden, was an sich schon ein „neues“ Nachdenken rechtfertigt. So gedenken wir in diesem Jahr des Ausbruchs des – wie man in Deutschland sagt – Ersten Weltkriegs und das gerade an historischem Ort, in Belgien, einem Land, dessen Neutralität durch das deutschen Kaiserreich absichtsvoll missachtet wurde und das mit der Zerstörung der Universitätsbibliothek Leuven unversehens zum Schauplatz der ersten epochalen Kriegsgreuel wurde (viele andere sollten folgen). So wäre es durchaus am Platz, über die Rolle der Medien in jenen fatalen Wochen vor und nach dem 1. August 1914 nachzudenken. Doch hier ist wohl kaum der Ort, um historische Betrachtungen anzustellen. 

Denn ein zweiter Anlass scheint mir dringlicher zu sein: nämlich die Veränderungen einer Konfliktdynamik selbst durch die Nutzung der sogenannten neuen Medien, allen voran der neuen sozialen Medien. Wenn Dschihadisten im Nordirak einen gefangenen Journalisten barbarisch hinrichten, diesen Akt filmen und im Internet verfügbar machen und Millionen Menschen überall auf der Welt freiwillig oder unfreiwillig zu Zuschauern werden, dann ist ohne Zweifel eine neue Qualität in der Verhältnisbestimmung von Konflikten und Medien erreicht. 

Sicher, Hinrichtungen waren nicht selten in der Geschichte öffentliche Akte, mitunter gar solche, an denen sich das gemeine Volk belustigte, man denke nur an die Autodafés. Freilich mochte man damals glauben, dass in einem solchen Schauspiel eine höhere Gerechtigkeit walten müsse und dieses womöglich eine kathartische Wirkung entfalten könne. Doch der Scharfrichter selbst, der Mann, von dessen Hand der Tod vollstreckt wurde, er galt als unehrenhaft, der Beruf ein Stigma. 

Sicher ist auch, dass es immer Berichte über barbarische Akte gab und deren Verbreitung niemals frei von politischem Kalkül waren. Man denke nur an das16. Jahrhundert und den „Kurzgefassten Bericht über die Verwüstung der westindischen Inseln“ des Dominikaners Bartolomé de Las Casas, eine – wie man heute weiß – die Wirklichkeit der ersten spanischen Kolonisationsbemühungen in der Karibik grob verfälschende Polemik. Indes speiste die „Brevísima Relación“ über Jahrhunderte hinweg die „leyenda negra“ der menschenverachtenden Kolonialnation Spanien. Diese „leyanda“ diente den abtrünnigen Niederländern wie den maritimen Rivalen Spaniens, den Engländern und den Franzosen, über Jahrhunderte als Rechtfertigung, das Habsburgerreich und alle nachfolgenden Herrschaften über Spanien moralisch zu diskreditieren - und zugleich von den eigenen Barbareien abzulenken. 

Und sicher ist drittens auch, dass Bilder und Berichte aus Konfliktzonen und über Konflikte mehr als jede andere „Nachricht“ seit jeher der Kontrolle, der Zensur und vor allem der Manipulation unterliegen. „Das erste Opfer dies Krieges ist die Wahrheit“, lautet seit unvordenklichen Zeiten ein geflügeltes Wort. Und – lassen Sie mich auf den Ersten Weltkrieg zurückkommen – mag als der erste mit den Mitteln der Bildpropaganda geführte Krieg belegen, dass seit dem Aufkommen der Massenmedien der jeweils eigenen „Seite“ dienstbarer ist als Bilder. Gegen deren Suggestivkraft kommen Worte nicht an. 

Was also ist, wie von mir behauptet, an der neu an der erwähnten Indienstnahme der sozialen Medien? 

Erstens: Mit der Indienstnahme der neuen elektronischen Medien durch alle Konfliktparteien vervielfachen sich nicht nur quantitativ die Informationen aus und über die Lage. Die Nachrichten bekommen auch eine neue Qualität. Die „Propaganda“ des Gegners wird in Echtzeit mit propagandistischen Mitteln bekämpft. 

Nicht nur klassische Medien wie Tageszeitungen und Magazine, sondern auch die nach minutengenauer Aktualität gierenden Online-Portale („Live-Ticker“) werden von dieser Entwicklung komplett überrollt. Auf diese Weise wird das nicht nur Risiko, der Propaganda der einen oder der anderen Seite aufzusitzen, immer unbeherrschbarer. Vor allem aber kann klassische „Filter“- oder „gatekeeper“-Funktion kann nicht mehr ihre gewohnte Wirkung entfalten. Früher hieß es, Information sei Vertrauenssache. Doch woher soll das Vertrauen kommen, wenn nicht einmal die Medien selbst noch vertrauen können?   

Ein zweites Moment erscheint mir bei der Indienstnahme sozialer Medien als „neu“ bewertet zu müssen. Sogenannte seriöse Medien, gedruckte wie elektronische, haben es sich bislang selbst auferlegt, bestimmte Bilder aus Pietätsgründen nicht zu verbreiten, vor allem Leichname oder Leichenteile. Was immer die Gründe dafür gewesen sein mögen und es zum Teil heute noch sind – das Internet kennt diesen Filter nicht. Im Gegenteil, es hat sich als ein Katalysator erweisen, der sämtlichen menschlichen Perversionen eine zumindest begrenzte Öffentlichkeit verschafft – denken Sie nur an die weltweite Verbreitung kinderpornographischer Bilder. 

Was aber soll nun mit der weltweiten Zurschaustellung der barbarischen Hinrichtung einer unschuldigen Geisel bewirkt werden. Wenn mich mein Eindruck nicht täuscht, dann das Video, das auf YouTube immer wieder gelöscht und aufs Neue hochgeladen wird, gerade nicht der Diskreditierung des Gegners oder dem Bruch ästhetischer Tabus. Politisch könnte die Ermordung Foleys sogar – in westlicher Logik – kontraproduktiv sein, weil sie das Meinungsbild in den westlichen, sämtlich kriegsmüden Demokratien mittelfristig doch zugunsten einer wehrhaften Reaktion verändern könnte. 

Mir scheint die „Botschaft“ eine neue, andere zu sein: Personen, die zum Teil ihrerseits in westlichen Gesellschaften sozialisiert wurden, berühmen sich im Namen ihrer Religion des radikalen Bruchs mit einer vom Christentum geprägten Vorstellung von der Würde der Person und dem Wert des Lebens. 

Diese Botschaft ist mehr als nur eine Selbstbezichtigung. Sie hat – außer den westlichen Gesellschaften als solchen – konkrete Adressaten: Junge Männer, die es im Namen einer radikalen Interpretation des Islam den Mördern gleichtun sollen. Auch dieses Ziel – Mobilisierung – ist nicht neu. Neu ist die Methode, und neu ist wohl auch die Wirkung. Die Zahl der Muslime und zum Islam Konvertierten, die sich aus Europa auf den Weg in den Dschihad machen, steigt stetig.

Was heißt das? Für wen? Lassen Sie mich zum Abschluss drei knappe Gedanken vortragen.

Die propagandistische Indienstnahme sozialer Medien in Echtzeit macht es zunehmend schwerer, ein auch nur annähernd realistisches Bild eines Konfliktverlaufs zu zeichnen. Das gilt für den Irak nicht weniger als für die Ukraine.  Gleichzeitig befinden sich viele klassische Medien, allen vor an Qualitätszeitungen und unabhängige Rundfunkstationen in einer existenzbedrohenden Krise. Korrespondentenbüros werden geschlossen, Redakteure entlassen, Umfänge reduziert. Damir rede ich nicht der Selbstaufgabe dieser Medien das Wort, wie mich auch nicht die Aussicht schreckt, dass es vielleicht in zehn, zwanzig Jahren keine gedruckte Tageszeitung mehr geben wird. Auch eine elektronisch verbreitete Zeitung und ein seriöses Online-Portal brauchen kompetente und unabhängige Redaktionen. Um die ist es mir bange.  

Dabei müssen demokratisch verfasste Gesellschaften sich darüber im Klaren werden, dass eine unabhängige und plurale Medienlandschaft in höchster Gefahr ist. Diese aber ist als Voraussetzung gesellschaftlicher Meinungs- und politischer Willensbildung unabdingbar. Wohin die Reise geht, ist derzeit nicht abzusehen. Ich kann ihnen für die Zeitung, die ich repräsentieren darf versichern, dass wir das Feld nicht kampflos preisgeben. Denn den Nutzen hätten nur die, die sich einer Kontrolle durch unabhängige Medien liebend gerne entziehen. Das aber würde das Konfliktpotential nicht nur innerhalb von Gesellschaften erhöhen. Auch dir Folgen für die Außenpolitik wären unberechenbar. Eine nur noch von Meinungen und Stimmungen getriebene Politik wäre kaum noch in der Lage unpopuläre Verpflichtungen eingehen und etwa einer „responsibility to protect“ nachzukommen. Welches Echo etwa hat der Appell von Andrea Riccardi gefunden, die Menschen in Aleppo und ihre Stadt durch einen internationalen Einsatz zu retten? Heute ist Oder welches Echo die erstaunliche Aufforderung von Papst Franziskus an die Staatengemeinschaft, mit einem UN-Mandat den Vormarsch der IS im Nordirak militärisch zu bekämpfen?

Vielleicht bietet das Zusammentreffen von Digitalisierung und Krise der klassischen Medien eine Chance: Je intensiver soziale Medien in Echtzeit in Konflikten benutzt werden, um so stärker bedarf es professioneller Beobachter, die das Geschehen analysieren und medial so aufbereiten, dass die Grundlinien und die Dynamik des Konflikts erkennbar werden und bleiben. Die neuen sozialen Medien machen die klassischen Medien gerade nicht überflüssig, sondern notwendiger denn je.  

Drittens und letztens: Dass Videos wie die der Ermordung des Fotografen James Foley überhaupt im Netz kursieren, ist eine Barbarei ohnegleichen. Einen Menschen alleine dabei zuzusehen, wie er in Todesangst seine letzten Worte spricht, geschweige denn, wie er wie ein Tier geschlachtet wird, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich würde mir wünschen, dass die zivilisierte Welt alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, um das Internet nicht zu einem Ort menschenverachtender Darstellungen werden zu lassen. Natürlich beseitigt das nicht die Ursachen des (nicht zuletzt innerislamischen) Konfliktes, in dem James Foley nur ein Opfer von vielen ist. Und natürlich ist die Empörung deswegen so groß, weil er eine amerikanische Geisel war. Wer empört sich über die tausende, zehntausende, hunderttausende Opfer des Konfliktes in Syrien und anderswo, die keine Gesichter haben? Ihnen allen nicht ein Gesicht zu geben, oft nicht einmal einen Namen, aber den eigenen Blick nicht abzuwenden, das wird für immer die Aufgabe der Medien in Konflikten sein.   

 

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