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9 September 2014 09:30 | Karel de Grote-Hogeschool, Campus Groenplaats, Swaelen room

Beitrag


Stefan Dartmann


Hauptgeschäftsführer von Renovabis, Deutschland

[Wenn es um Solidarität zwischen den Generationen geht, lassen sich aus den Texten des Alten und Neuen Bundes einige allgemein bekannte Aussagen ableiten. Am bekanntesten ist sicher das vierte Gebot des Dekalogs „Du sollst Vater und Mutter ehren, damit du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden“ (Deut 5,16; vgl. Mt 15,4). Ähnliche Gebote oder Ermahnungen finden sich beispielsweise im Koran[1] oder auch in den Lehren des Konfuzius[2], wobei es eigentlich immer darauf hinausläuft, dass die jüngere Generation aufgefordert wird, der älteren Generation dafür zu danken, was sie von ihr erhalten hat, und sie entsprechend nicht nur zu ehren, sondern ganz praktisch auch für sie zu sorgen, was besonders eindrucksvoll im 3. Kapitel von Jesus Sirach anklingt: „Mein Sohn, sorge für deinen Vater, wenn er alt geworden ist; mach ihm keinen Kummer, solange er lebt! Sei nachsichtig mit ihm, wenn sein Verstand abnimmt; sieh nicht auf ihn herab, weil du noch stark und kräftig bist! Der Herr wird es dir nicht vergessen, wenn du mit deinem Vater barmherzig bist; er wird es dir als Sühne für viele Verfehlungen anrechnen … Wer aber seinen Vater im Stich lässt, ist genauso schlimm wie einer, der Gott lästert. Und wer seine Mutter kränkt, über den kommt der Fluch des Herrn.“

 

Es handelt sich also bei dieser Form des menschlichen Umgangs zwischen den Generationen um eine wohl in allen Kulturen gebotene Grundhaltung im Verhältnis der jüngeren zur älteren Generation. Natürlich finden sich ebenso zahlreiche Anweisungen und Gebote in umgekehrter Richtung, bei denen allerdings eher der Aspekt der Erziehung und Lenkung der jüngeren Generation im Mittelpunkt steht. Insofern besteht, was die Beziehung der Generationen zueinander betrifft, ein Ungleichgewicht, was durch eine klare menschliche – oder besser gesagt: entwicklungsbiologische – Komponente bedingt ist: Solange der Mensch (biologisch ein „Nesthocker“) der elterlichen Fürsorge und Pflege vom Babyalter bis zur Vollendung der Ausbildung (und Selbstständigkeit) bedarf, sind die Eltern für ihn verantwortlich – es folgt die Phase einer Art von Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kind, eine Existenz auf Augenhöhe, und dann schließt sich die Phase des Alterns und der Schwäche der Eltern an, wo sich die Situation der ersten Phase umkehrt und die Eltern der Fürsorge der erwachsenen Kinder bedürfen. So lief es, falls nichts Unvorhergesehenes eintrat (wie Krankheit oder früher Tod), in der gesamten Menschheitsgeschichte ab und ist auch heute noch in einigen Teilen der Welt so. Man kann dies durchaus als eine naturrechtliche Form von Solidarität zwischen den Generationen bezeichnen, die sicher einen Idealfall darstellt, der auch nicht immer in der Realität so funktioniert, aber doch als erstrebenswert gilt.]

 

„Solidarität“ ist [auch] einer der Grundbegriffe der Katholischen Soziallehre, und im Verhältnis der Generationen zueinander spiegelt sie sich in gewisser Hinsicht wider. Renovabis heißt mit vollständigem Namen „Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa“ und wurde 1993 gegründet, um den Menschen in den Ländern, deren Gesellschaften durch die Folgen der kommunistischen Herrschaft gelitten hatten, zu helfen. Ich möchte dazu aus der Präambel des Statuts von Renovabis einige Sätze zitieren: „ (Die) Generationen währende Missachtung der Würde der menschlichen Person (hat) die Fundamente der Gesellschaft weithin zerstört … Eine auf Gerechtigkeit gegründete Ordnung soll entstehen, die Frieden zwischen den Menschen und den Völkern verbürgt. Dazu ist Solidarität nötig, die alte und neu entstehende Grenzen überschreitet.“[3]

 

 

Soziologische und demographische Aspekte

 

„Solidarität ist nötig, um alte und neu entstehende Grenzen zu überschreiten“ – genau hier scheint mir der Kern des heutigen Problems zwischen den Generationen zu liegen. Zumindest, wenn ich an die Länder Mittel- und Osteuropas denke, auf die ich mich in meinen Ausführungen beschränken werde. [Ich hatte eben schon kurz angedeutet, dass das überlieferte Generationenverhältnis einem Ideal entspricht, das – wie alle Idealbilder – nie ganz der Wirklichkeit entsprochen hat.] Seit der Entwicklung der modernen Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert, in deren Folge sich das System der Mehrgenerationenfamilie (drei Generationen unter einem Dach, wobei die Großeltern bis zum Lebensende eingebunden blieben und z. B. bei der Erziehung der Enkel mithalfen) aufgelöst hat, hat sich die Lebens- und Arbeitswelt zunächst in Europa und Nordamerika und inzwischen global verändert: Auf der Suche nach Arbeit müssen Millionen Menschen ihre Heimat und ihre Familien verlassen und sich zeitweise oder auf Dauer in anderen Ländern oder Orten niederlassen. Das hat gravierende Folgen für die Familien:

 

-         Die Erwachsenen arbeiten fernab der Familie, d. h. der Vater, oft aber auch die Mutter leben für längere Zeit oder auf Dauer getrennt von den Kindern, die von den Großeltern betreut werden oder aber sich selbst überlassen sind.

-         Die ältere Generation wiederum ist vielfach von der Situation überfordert, zumal wenn Alter und Krankheit sich melden und keine Fürsorge seitens des Staates oder der Gemeinde für sie existiert; dies gilt natürlich auch für die Kinder, wenn die Eltern vorübergehend oder auf Dauer fehlen und zu wenige oder gar keine Betreuungsmöglichkeit bestehen.

 

Ein Blick in die so genannte „Dritte Welt“, in Asien, Afrika und Iberoamerika, zeigt, dass es sich um ein globales Phänomen handelt, von dem Hunderte von Millionen Menschen betroffen sind – aber es existiert auch und gerade in Europa, worauf ich hier besonders hinweisen möchte.

 

Ich möchte noch kurz einen weiteren Aspekt ansprechen, der das Miteinander der Generationen entscheidend beeinträchtigt, und dieser gilt besonders für die „erste“ Welt, speziell für den „alten“ Kontinent Europa, der innerhalb von zwei Generationen buchstäblich gealtert ist. Zwar gehen die Geburtenzahlen weltweit zurück, gerade aber in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, in denen sich Renovabis engagiert, macht sich der demographische Wandel viel schneller bemerkbar als in vielen anderen Teilen der Erde. In diesen Ländern, deren Volkswirtschaften zum Teil bis heute den Anschluss an die „Moderne“ nicht geschafft haben, schrumpft die jüngere Generation immer mehr, sodass künftig für die ältere Generation immer weniger Erwachsene da sein werden, um für sie [in dem eingangs beschriebenen Sinne] Sorge zu tragen oder, anders gesagt, um solidarisch zu sein.

 

 

Neue Formen länderübergreifender Solidarität zwischen den Generationen?

 

Ein konkretes Beispiel möchte ich kurz anführen, das die Tragweite des Dilemmas andeuten soll. Es handelt sich um das Schicksal einer Familie in der westukrainischen Stadt Kolomiya; der Bericht stammt aus dem September 2010:

 

In dem Haus lebt der verheiratete griechisch-katholische Pfarrer Igor mit seinen vier Kindern im Alter von 16 bis 23 Jahren … Beim Frühstück erzählt die Tochter, dass es in ihrer Klasse mehrere Kinder gibt, die in Familien aufwachsen, die durch die Migration eines Elternteils nach Westeuropa zerrissen sind. Im Haus gibt es kein Foto der Mutter und Ehefrau, die seit acht Jahren in Italien als Altenpflegerin arbeitet. Auf unseren Wunsch hin werden Fotoalben geholt … Mutter, so wird sie in den Erzählungen genannt, hat scheinbar keinen eigenen Namen. Wir müssen mehrfach nachfragen, um ihn zu erfahren. Man sagt uns, dass „Mutter“, eine Verkäuferin, illegal migrierte, um durch ihre Arbeit Geld für die Ausbildung der Kinder zu verdienen. Vor zwei Jahren wollte sie zurückkommen. Doch sie blieb nur 14 Tage, dann ging sie – diesmal legal – wieder, um die Renovierung des Hauses finanziell abzusichern. Der gute Lebensstandard ist nur durch die Überweisungen der Mutter möglich. [4]

 

Aufgreifen möchte ich aus diesem Beispiel, an dem man vieles ablesen könnte, den Hinweis auf die Tätigkeit der Mutter: Sie arbeitet als Altenpflegerin fernab der Heimat. Natürlich hat die Familie Vorteile, aber das Geld ersetzt nicht den Menschen, der anderswo (als Erwachsener) für Menschen der älteren Generation sorgt. In gewisser Weise mag es wie eine „winwin-Situation“ aussehen, es bleibt aber ein fader Nachgeschmack – die Ehefrau und Mutter fehlt, und je länger, desto mehr macht sich ihr Fehlen bemerkbar.

 

Es gibt sicher noch gravierende Fälle in Europa und anderswo auf der Erde, aber das Phänomen als solches lässt sich klar erkennen: Viele Menschen sind gezwungen, den „natürlichen Generationenvertrag“ aufzukündigen, weil die materielle Not sie dazu zwingt.

 

 

Gefährdeter Generationendialog

 

Ein weiterer Aspekt intergenerationeller Beziehungen, der gerade im Blick auf Osteuropa Beachtung finden sollte, ist die Frage nach der Aufarbeitung der tragischen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es geht hier um das Gespräch zwischen den Generationen, die Weitergabe authentischer Erfahrungen und das damit verbundene Entstehen eines kollektiven Geschichtsbewusstseins. Der diesbezügliche Aufarbeitungsprozess in Westeuropa war schmerzlich. Dort, wo er aus der Sicht der jungen Generation verweigert wurde, hat sie ihn erzwungen. Dafür steht das Jahr 1968.

                

Im kommunistischen Teil Europas war, abgesehen von kurzen Perioden in Zeiten des Tauwetters und der Perestrojka, solche Aufarbeitung unerwünscht. Ein Zwiegespräch zwischen den Generationen fand nicht statt. Viele Menschen blieben mit ihren Traumata und seelischen Verwundungen allein. Im Zusammenhang mit den revolutionären Umbrüchen Ende der achtziger und Beginn der neunziger Jahre begann man endlich, miteinander zu reden, und in vielen Ländern (Polen, Tschechien, Baltische Staaten u. a.) hat ein gewisser Aufarbeitungsprozess stattfinden können. In anderen Staaten (Albanien, Weißrussland, Russland) wird er aber heute immer mehr durch eine offiziell verordnete Lesart der Vergangenheit behindert, ja unterbunden. Dass die Anzahl derer, die im Kriege gekämpft oder als Zivilisten gelitten haben, immer geringer wird, erleichtert diese Ideologisierung der Vergangenheit. Nationalistische Jugendorganisationen tun das ihre, um die entsprechende Sichtweise zu verbreiten.

 

Besonders erschreckend scheint mir die Situation in Russland zu sein: Als vor einigen Jahren bei einer Umfrage des Levada-Zentrums die Frage gestellt wurde: „Wie fänden Sie es, wenn Stalin-Denkmäler aufgestellt würden?“ antworteten 12 Prozent der Befragten zwischen 18 und 24 Jahren mit „gut“, 34 Prozent der Befragten sagten, dass es ihnen egal sei.[5] Und in Albanien gibt es seitens der staatlichen Stellen erschrecken wenig Interesse daran, die grausamen Gefängnisse und Vernichtungszentren des ersten offiziell „atheistischen Staates“ der Welt zu dokumentieren. Wenn das kein Betrug an der kommenden Generation ist?!

 

 

Fazit und Ausblick

 

Lassen Sie mich noch einmal auf das Thema Arbeitsmigration zurückkommen. Mit moralischen Appellen lässt sich die Situation, wie sie vorgestellt wurde, kaum ändern. Man kann davon ausgehen, dass bei einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse wieder mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben und sich damit die Situation in vielen Familien wieder verbessern wird. Ein Blick auf die Migrationsströme der letzten Jahre sollte aber zur Nüchternheit mahnen: Nach Schätzungen leben und arbeiten z. Zt. mindestens 6 Millionen Ukrainer in Westeuropa vorübergehend oder dauerhaft, viele davon illegal. Ähnliche Migrationszahlen gelten auch für andere Staaten in Ost- und Südosteuropa.

 

Was ist angesichts dieses Befundes zu sagen? Staatliche und private Organisationen, nicht zuletzt auch die Kirchen, haben Beratungsprojekte aufgebaut, um zumindest die schlimmsten Auswüchse zu mildern. So gibt es Projekte zur Unterstützung elternloser Kinder und hilfsbedürftiger älterer Menschen in den Heimatländern und Kooperationen zwischen den Caritasverbänden der Länder, die dazu beitragen, dass die Arbeitskräfte legal arbeiten, angemessen entlohnt werden und auch regelmäßig nach Hause zu ihren Familien fahren können (etwa zwischen dem Deutschen und Polnischen Caritasverband). Auf keinen Fall darf es zur Regel werden, dass „reiche“ Länder sich die Solidarität gewissermaßen „kaufen“, etwa im Rahmen der erwähnten Pflegemigration, was dazu führt, dass in den „armen“ Ländern der Solidarität zwischen den Generationen die Grundlage entzogen wird.

 

Grundsätzlich wird sich aber sicher nichts daran ändern, dass infolge des demographischen Wandels in ganz Europa das Miteinander der Generationen neu definiert werden muss. Die künftig noch zunehmende Mobilität innerhalb Europas wird dazu führen, dass das klassische Familienbild immer mehr durch neue Formen des Zusammenlebens zwischen den Generationen ergänzt werden wird. Gesellschaft und Kirche müssen sich diesem Phänomen stellen, denn es bieten sich damit auch Chancen für ein neues Miteinander der Generationen. Ein Beispiel sind die so genannten „Mehrgenerationenhäuser“[6].

 

Vieles ist in dieser Hinsicht noch im Fluss, aber es besteht durchaus Anlass, solche Entwicklungen mit Interesse zu beobachten.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!



[1] Vgl. z. B. Sure 17: „Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen und zu den Eltern gütig sein sollt. Wenn nun einer von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sag nicht zu ihnen: "Pfui!" und fahre sie nicht an, sondern sag zu ihnen ehrerbietige Worte. Und senke für sie aus Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sag: ‘Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein war.’

[2] Kernbegriff ist die „kindliche Pietät“: „Kindliche Pietät ist die Grundlage der Tugend und der Ursprung aller geistigen Kultur. Setz dich wieder hin und lass mich zu dir sprechen. Körper, Haar und Haut hast du von den Eltern empfangen, die sollst du nicht zu Schaden kommen lassen; damit fängt die Kindespietät an.“ Zum Ganzen http://de.wikipedia.org/wiki/Kindliche_Piet%C3%A4t.

[3] Text des Statuts unter http://www.renovabis.de/statut

[4] Vgl. ausführlich Barbara Dreiling: Zerrissene Familien – Migrationsfolgen in der Ukraine und Versuche zur Hilfe. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 14 (2013), H. 1, S. 35-42, der oben vorgestellte Fall auf S. 38.

[5] Vgl. zur ganzen Fragestellung Irina Ščerbakova: Wenn Stumme mit Tauben reden. Generationendialog und Geschichtspolitik in Russland. In: OSTEUROPA 5/2010, hier S. 20

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