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Würzburger katholisches Sonntagsblatt

27 Januar 2016

Erlebnisse beim Deutschunterricht mit Flüchtlingen (2): Besuch im Altenheim

Keine Berührungsängste

Ich frage meine Schüler, ob sie Lust hätten, einmal mit mir ein Altenheim zu besuchen, die Menschen dort kennenzulernen und ein bisschen was von sich und ihrem Land zu erzählen, und alle sagen begeistert zu.

 
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Allüberall hört man von Flüchtlingsströmen und besonders in Bayern von „Obergrenzen“ – meine Schüler aber werden gerade immer weniger: Kurz nachdem Fatima und Kalim nach Augsburg verlegt wurden, wo in Kürze ihre Tochter auf die Welt kommen soll, konnten die ersten drei meiner Schüler sich zu offiziellen Deutschkursen anmelden, bei denen sie nun vier Stunden täglich an Sprachschulen und von professionellen Lehrern unterrichtet werden.
 
„Ich schaffe es einfach nicht, am Abend dann auch noch bei dir aufzupassen“, gesteht mir Samir daraufhin, „und noch mehr Hausaufgaben zu machen“. Muhammad und Yasin wollen weiterhin kommen, „aber es könnte etwas unregelmäßiger werden, weil wir immer so müde sind …“, fügen sie gleich hinzu. Ja, ich erinnere mich gut an die erste Zeit meines Gastsemesters in Kairo, als ich außerhalb des Unterrichts eigentlich nur schlafen wollte: Ständig in einer fremden Sprache zu denken und zu sprechen ist enorm anstrengend!
 

Wollen nicht wechseln

Als ich Zara und Amir frage, warum sie noch keinen Sprachkurs besuchen, sagen sie mir, sie wollten bei mir bleiben. Ich bin sehr gerührt – aber trotzdem, das geht nicht. Sie müssten sich für die professionellen Kurse einschreiben, sage ich ihnen, denn da hätten sie einfach konzentrierteren Unterricht, als ich ihnen bieten könne. Das tun sie dann auch; aber dennoch wollen alle mit unserem Kursweitermachen, denn an den Sprachschulen hätten sie wenig Gelegenheit, selbst zu sprechen. „Kein Problem“, sage ich. Und wenn sie unseren Kurs dann an der Sprachschule einmal überholt haben, könnten wir immer noch Konversation üben.
 
Deutsch lernen heißt aber natürlich nicht nur, die eigene Aussprache möglichst zu perfektionieren, sondern auch, verschiedenste Stimmen, Akzente und Sprechgeschwindigkeiten zu verstehen – nicht nur meine. Nun besuche ich mit einigen Freunden von der Gemeinschaft Sant‘Egidio jede Woche alte Menschen im Nikolausheim/Ehehaltenhaus und etwa einmal im Monat veranstalten wir dort ein größeres Treffen, zu dem die meisten Senioren kommen, mit denen wir dort bekannt sind: Am Sonntagnachmittag trinken wir mit ihnen gemeinsam Kaffee. Und immer gibt es auch noch den einen oder anderen Programmpunkt. Und was wäre momentan spannender, als ein Vortrag über Syrien – aus erster Hand?
 

Wollen Altenheim besuchen

Ich frage meine Schüler also, ob sie Lust hätten, einmal mit mir ein Altenheim zu besuchen, die Menschen dort kennenzulernen und ein bisschen was von sich und ihrem Land zu erzählen, und alle sagen begeistert zu. „Ich finde es sowieso so schön, wie ihr in Deutschland mit den alten Menschen umgeht“, sagt Yasin, und so sprechen wir gleich den Termin ab.
 
Ein weiteres Anliegen haben sie dann noch: Amir und Zara wollen mit dem Zug in einen Ort in der Nähe von Köln fahren, in dem Zaras Mutter in einer Flüchtlingsunterkunft lebt. Sie darf ihre Tochter für einige Tage in Würzburg besuchen; da sie aber kaum Englisch und Deutsch spricht, wollen Zara und Amir sie abholen. Sie haben vom Schönen-Wochenende-Ticket gehört, und so beugen wir uns also gemeinsam über mein Smartphone, auf dem wir im DB-Navigator die günstigste Verbindung mit Regionalzügen eruieren: Abfahrt morgens um 5 Uhr, sieben Stunden einfache Fahrzeit, drei mal umsteigen, vier Stunden vor Ort, Rückkehr am nächsten Morgen um 2 Uhr – was für eine Tortur! „Macht nichts, wir müssen dahin“, wischt Amir meine Bedenken beiseite. 
 

Praxis als Lehrmeisterin

Passenderweise sind wir im Lehrbuch gerade bei dem Kapitel angekommen, in dem es um Reisen geht, Fahrpläne, Verspätungen und so weiter. Mit entsprechendem Eifer sind meine syrischen Freunde bei der Sache. Trotzdem mache ich mir Sorgen, ob alles gut gehen wird. „Du spinnst“, diagnostiziert am nächsten Tag ein Freund, dem ich meine Befürchtungen mitteile. „Die haben die letzten vier Jahre in einem Kriegsgebiet zwischen Bomben, Soldaten und Rebellen gelebt, sind monatelang durch halbSyrien und die Türkei zu Fuß geflohen, im Schlauchboot übers Mittelmeer und dann noch über den Balkan marschiert – und du machst dir Sorgen, dass sie in einem deutschen Regionalzug verloren gehen?!“ Naja, gut ...

Backen fürs Altenheim

Trotzdem bin ich froh, dass Zara und Amir am Montag wieder heil und glücklich im Unterricht sitzen – mit Sarahs Mutter. Was auch im Hinblick auf unseren Altenheim-Besuch ein Glück ist, denn wir waren uns zwar schnell einig, dass wir den alten Leuten einen syrischen Kuchen mitbringen wollen, doch keiner meiner Schützlinge kann so richtig kochen und backen. Aber Zaras Mutter, und wie! Am Tag vor dem Altenheimbesuch stehen wir also in meiner Küche und backen unter ihrer Anleitung einen Walnuss-Karotten-Kuchen – delikat! 
Anschließend suchen wir im Internet nach Bildern aus Syrien, vor allem aus Aleppo und Damaskus, wo meine Freunde herkommen. Es ist schockierend, was wir finden, insbesondere die vorher-nachher-Bilder, auf denen man beispielsweise einen Straßenzug im Jahr 2010 sieht – eine breite, saubere und baumbestandene Straße, wie man sie sich auch in Rom oder Marseille vorstellen könnte – und dann im Jahr 2015: ein Haufen Schutt, Grau in Grau. Oder die Jahrtausende alten Baudenkmäler, wie Palmyra, oder die Zitadelle von Aleppo – vor und nach der Zerstörung durch den sogenannten Islamischen Staat (IS).
 

Treffen im Altenheim

Als wir am nächsten Tag im Altenheim ankommen, sind einige der Freunde von Sant‘Egidio bereits da, und wir decken erst einmal zusammen die Tische, bevor wir dann in die Zimmer ausschwärmen, um unsere betagten Gäste zu holen. Interessiert schauen sich die Flüchtlinge um und zeigen auch gleich ihr Können: „Guten Tag, wie geht es Ihnen? Ich heiße Yasin und komme aus Syrien …“ Auch beim Kaffeetrinken ist volle Konzentration gefordert, denn natürlich stellen die Tischnachbarn Fragen und erzählen auch von sich – und kaum einer kann Englisch. 
 

Auf ganz charmante Weise

Nach dem Kaffee wird es dann ernst. Meine Lieben stellen sich im Halbkreis auf, Zara bekommt das Mikrofon in die Hand gedrückt und stellt sich vor, erzählt wo sie herkommt, was sie in Syrien studiert hat, und was sie an Deutschland liebt. Die drei Jungs folgen. Sie machen das so charmant, dass ihnen sofort die Herzen zufliegen: hatte der eine oder andere sie vorher vielleicht noch von der Ferne mit einem gewissen Misstrauen beäugt, ist nun schon nach dem ersten „Grüß Gott“ das Eis gebrochen. Und ich bewundere sie, denn es ist nicht selbstverständlich, dass man sich traut, sich nach sechs Wochen Sprachunterricht in einem fremden Land einem ganzen Saal frei sprechend vorzustellen! 
 
Danach zeigen sie die Bilder, die wir gefunden haben. Aleppo war bis Kriegsbeginn eine bedeutende Industriestadt, in der auch viele Religionen nebeneinander existierten, wobei sich die Menschen respektierten und gar die diversen religiösen Festlichkeiten gemeinsam begingen: Christen, Muslime, Jessiden und andere feierten da gemeinsam Weihnachten, ebenso wie den Abschluss des Ramadan. Auf den Bildern sehen wir Straßen, Moscheen, Museen, Paläste und sonstige Gebäude, viele Hunderte und Tausende von Jahren alt; einige stehen – noch –, aber das meiste dessen, was wir hier betrachten, ist inzwischen zerstört. Trümmerfelder, Steinwüsten mit tiefen Bombenkratern. „Wir sind sehr traurig darüber“, sagt Mohammad zum Abschluss. „Aber wir sind auch froh, dass wir nun hier in Deutschland sein können.“
 

Mitgefühl und Verständnis

Während sie die Bilder zeigen ist tiefe Stille im Saal. Die alten Menschen lauschen gespannt. „Sie haben sich wirklich Mühe gegeben für uns“, freut sich eine Bewohnerin beim Hinausgehen, und „Ich bin sehr beeindruckt“, sagt mir eine 93-jährige Dame, nachdem sie sich zum Abschied noch mit meinen syrischen Freunden hat fotografieren lassen. „Ich meine, das hätten wir sein können, 1945!“ Gerade diesen Aspekt hebt auch Brigitte Kern hervor. Sie organisiert die Aktivitäten von Sant‘Egidio im Nikolausheim seit vielen Jahren, und kennt die meisten Bewohner sehr gut. „Ich fand es sehr schön für die alten Leute, das zu sehen, und sie hatten sehr viel Verständnis für die syrischen Freunde, weil sie Ähnliches ja 1945 selbst erlebt haben.“ Umgekehrt könnten die Alten den Flüchtlingen auch Hoffnung machen, weil es ja in Würzburg auch irgendwann wieder aufwärts gegangen sei. Auf der anderen Seite hätten sie auch Angst, dass Flüchtlinge irgendwo einquartiert werden könnten, wie das ja nach dem Weltkrieg geschah – oder dass Terroristen kämen, gibt Kern zu Bedenken. Sie freut sich aber auch gleichzeitig: Nun haben sie die mal kennengelernt und gemerkt: das sind Leute wie du und ich, die Pläne für‘s Leben hatten und denen nur leider der Krieg dazwischenkam“.

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