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Frieden und Dialog zwischen den Religionen


 
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FRIEDEN UND DIALOG ZWISCHEN DEN RELIGIONEN
ÖKUMENE UND INTERRELIGIÖSER DIALOG

Der Einsatz für den Frieden ist verbunden mit einem dichten Netz von Kontakten, von Beziehungen und Freundschaften, die nicht selten sogar am Anfang der Arbeit stehen. Entstanden sind sie Dank des Engagements der Gemeinschaft seit den achtziger Jahren für die Ökumene und für den interreligiösen Dialog, vor allem zwischen den drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, aber auch mit den anderen Weltreligionen.

Damit Konflikte unserer Zeit zu einer friedlichen Lösung kommen können, sind, wie man gesehen hat, beständige Bemühungen über längere Zeiträume hinweg nötig, unter Beteiligung einer Vielzahl von internationalen staatlichen und nichtstaatlichen Vertretern. Sie müssen ihre Möglichkeiten und Ziele überein bringen. Bei den Konflikten unserer Zeit handelt es sich nur selten um klassische Kriege zwischen Staaten. Selten sind sie im Rahmen von militärischen Siegen oder Niederlagen zu beenden. Bürgerkriege zwischen verschiedenen Ethnien und Auseinandersetzungen zwischen Gruppen in ein und demselben Staat unterscheiden sich grundlegend von den Konflikten der traditionellen Politik, der es um die Macht eines Staates ging. Ins Spiel kommen neue Elemente, wie das Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen und Ethnien.

Mit ihren charakteristischen Vorgehensweisen bringt die Gemeinschaft Sant’Egidio auf fruchtbare Weise einen reichen Schatz an Erfahrungen und Fähigkeiten aus dem Bereich des interkulturellen und interreligiösen Dialogs ein. In ihrer sozialen Arbeit mit Einwanderern in Europa und im Süden der Welt und in der täglichen, freundschaftlichen Begegnung ihrer Mitglieder mit den Armen hat die Gemeinschaft sozusagen die Grammatik für eine Versöhnung im Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft gelernt.


Lissabon, 26. September 2000
Internationale Begegnung Menschen und Religionen
Friedensweg

Während der Verhandlungen für die Plattform für den Frieden in Algerien waren die internationalen Beobachter beeindruckt von der Tatsache, dass eine christliche Gemeinschaft dazu in der Lage ist, unter ihrem Dach bedeutende Vertreter des Islams zu versammeln, darunter auch Fundamentalisten. Ebenso überraschend waren die positiven Reaktionen aus der muslimischen Welt angesichts der Initiative für Algerien. Die intensive Arbeit für den interreligiösen Dialog hat zur Folge, dass die Welt der Religionen mit Sympathie und Interesse auf die Initiativen der Gemeinschaft blickt, die stärker im politischen Bereich der Konfliktlösung liegen.

Auch das Engagement für den Frieden in Algerien entstand während der internationalen Begegnung Menschen und Religionen des Jahres 1994, die von der Gemeinschaft seit 1987, ein Jahr nach dem von Papst Johannes Paul II. einberufenen Friedensgebet in Assisi, organisiert wird. Die Intuition des Papstes eröffnet einen neuen Weg des interreligiösen und ökumenischen Dialogs auf der Grundlage des Einsatzes der Religionen für den Frieden.

Die Gemeinschaft Sant'Egidio nimmt die Bedeutung dieses Ereignisses auf und sieht die Notwendigkeit, diese Initiative fortzuführen. Durch das Engagement der Gemeinschaft entstand ein Weg des Dialogs, dessen spirituelle Tiefe im Laufe der Jahre immer deutlicher wird.


Bukarest - 1998
Patriarch Teoctist mit Andrea Riccardi

Die großen Religionen suchen Seite an Seite einen gemeinsamen Weg, indem sie die Welt und die Leiden der Männer und Frauen unserer Zeit in den Blick nehmen. Im Respekt vor den Unterschieden und erfüllt von dem Wunsch, in Freundschaft und gegenseitiger Liebe zusammen zu kommen, begeben sie sich auf eine gemeinsame Pilgerreise. Der Geist von Assisi ist das Gegenteil des verängstigten Selbstbezugs von Religionsvertretern, die zu Entfremdung und Feindschaft führt. Bei dieser Pilgerreise geht es darum, auf die Suche nach den Wurzeln der eigenen religiösen Botschaft zu gehen und dort die Botschaft des Friedens zu finden. In dieser Hinsicht ist der Geist von Assisi, der Geist der Einheit zwischen Christen und des Dialogs zwischen den Religionen, wie eine Ikone, die zur Einheit der Menschheit aufruft. Dieser Dialog stärkt die Kirchen und die Religionen gegenüber der ständigen Gefahr des Resignation angesichts von Intoleranz und Trennung.

Der Dialog zwischen den Kirchen und den Religionen bedeutet weder den Verlust der Identität noch die Hinwendung zu einem einfachen Synkretismus. Im Gegenteil: Indem der Dialog weder die Unterschiede verwischt noch die Grenzen betoniert, ist er eine Antwort auf die tiefen Gründe für die Liebe. Der Dialog ist eine Kunst des Zusammenlebens in unserer zerstückelten und getrennten Welt. Die Freundschaft zwischen den Gläubigen muss den bestehenden Schwierigkeiten und Unterschieden widerstehen - im Bewusstsein, dass es keine Alternative zum Dialog gibt. So kann sie zu einem Anziehungspunkt für alle Menschen werden, die auf der Suche nach einer gerechteren und menschlicheren Welt sind. Johannes Paul II. schrieb in seiner Botschaft zur Begegnung in Lissabon im September 2000:

"Der Dialog übersieht nicht die realen Unterschiede, doch er löscht auch nicht unsere gemeinsame Pilgerschaft hin zu einer neuen Erde und einem neuen Himmel aus. So lädt der Dialog alle Menschen zur Stärkung der gegenseitigen Freundschaft ein, die weder trennt noch vermischt. Wir alle müssen mutiger sein auf diesem Weg, damit die Männer und Frauen dieser Welt – welchem Volk und Glauben sie auch angehören – sich als Söhne und Töchter des einen Gottes und als Brüder und Schwestern erkennen können."

In eben diesem Geist organisiert die Gemeinschaft seit 1987 in jedem Jahr ein interreligiöses Treffen “Internationale Begegnungen Menschen und Religionen”. Diese internationalen Begegnungen lassen sich inspirieren durch die Kraft der Religionen, vom Evangelium als “schwache Kraft” beschrieben, die sich jedoch gerade aus diesem Grunde unterscheidet von der Kraft der Welt, die den Krieg hervorruft. Das Gebet ist das Herz dieser schwachen Kraft, die weiß, dass „allein der Friede heilig ist“ und dass die großen Religionen zur Schaffung des Friedens im Gewissen der Menschen wie im öffentlichen Leben zusammen arbeiten müssen. Die Gemeinschaft Sant’Egidio ist von der Notwendigkeit überzeugt, den Geist von Assisi an allen Orten der Welt zu verbreiten. Das schwierige Thema des Zusammenlebens der Religionen in Konfliktsituationen muss hierbei genauso zur Sprache kommen wie die Notwendigkeit der gegenseitigen Stärkung der Religionen durch Solidarität und Freundschaft. Auf diese Weise kann verhindert werden, dass die Religionen durch Gewalt oder Vorurteile instrumentalisiert werden – und dass sie sich vom Bösen verhöhnen lassen.

 

Aus dem Schlussappell der Begegnung “Der Friede ist der Name Gottes“,
Rom, 10. Oktober 1996, zehn Jahre nach Assisi

"Angesichts der Kriege, unter denen die Welt in jüngster Vergangenheit und in unserer Zeit zu leiden hat, haben wir unser erstes Vertrauen in das Gebet gesetzt. Gott erhört unsere Bitten, er beugt die Herzen der Gewalttätigen, er schenkt die Weisheit und die Gerechtigkeit, er stärkt, die den Frieden suchen. Wir haben der Opfer der Konflikte und der noch offenen Wunden gedacht. Mit großer Feierlichkeit erneuern wir die Einladung zum Frieden. Die Religionen drängen nicht zum Hass oder zur Gewalt, sie rechtfertigen nicht das unschuldige Blutvergießen. Die Religionen wollen nicht den Krieg, sondern den Frieden! Es gibt keine Heiligkeit im Krieg. Allein der Frieden ist heilig! (…) In der Überzeugung, dass die Religionen eine große Verantwortung haben, die Vergebung zu predigen, wenden wir uns an alle, die töten oder die Krieg im Namen Gottes führen. Wir erinnern sie daran, dass der Friede ein Name Gottes ist. Von einem Religionskrieg zu reden ist ein Widerspruch in sich. Kein Hass, kein Konflikt darf in der Religion begründet sein.


Lisabon, 26 September 2000
Das Gedenken befreit von Schuld
Der Patriarch von Lissabon mit Rabbiner Sirat

Auf diesem Pilgerweg des Friedens von Stadt zu Stadt gab es Momente mit großer emotionaler Aussagekraft, wie im Jahr 1989, als im Anschluss an die Begegnung in Warschau die Vertreter der muslimischen Welt – in der die Shoa in der Regel als Erfindung der zionistischen Propaganda angesehen wird – der Einladung zu einem Besuch des KZ Auschwitz folgten und dort tief bewegt ihre Meinung änderten. Die Begegnung im Jahr 1998 in Bukarest führte zu einer Entkrampfung der schwierigen Beziehungen zwischen Orthodoxen und Katholiken in Rumänien und machte den Besuch des Papstes im Mai 1999 möglich.

Zu dem Ökumenischen Dialog und dem Dialog zwischen den Religionen kam seit 1994 ein weiteres Element hinzu: der Dialog zwischen den Religionen und der Welt des Humanismus. Die Kultur des Humanismus ist ein Teil unserer Tradition und darum ist es notwendig, im Dialog mit den humanistischen Werten der Gleichheit, der Achtung vor der Freiheit und der Ethik die Entstehung einer Kultur des Zusammenlebens und des Friedens zu suchen.

 

Aus dem Schlussappell der Begegnung in Lissabon, 
26. September 2000

Die Fragen der Armen, der Gefangenen, der Kriege, der Angst und des Hasses sind zu uns gelangt. Vor unseren Augen und in unserem Herzen stehen die Leiden Afrikas und der armen Länder der Erde. Wir haben aus der Nähe die unmenschlichen Folgen der unbedachten Ausbeutung unseres Planeten gesehen. Wir kennen die enormen Möglichkeiten der Globalisierung und ihre Risiken, wenn sie ohne Seele betrieben wird. Wir sind in die Tiefe unserer religiösen Traditionen und der Erinnerung hinabgestiegen. Deshalb bestärken wir mit noch größerer Ernsthaftigkeit als gestern: Die Religionen rechtfertigen niemals Hass oder Gewalt (...). Der Weg zur Überwindung von Misstrauen und von Konflikten ist der Dialog. Bei keinem Menschen schwächt der Dialog die Identität, sondern er ruft jeden Mann und jede Frau dazu auf, im anderen das Beste zu sehen und sich in dem zu verwurzeln, was in einem selbst das Beste ist. Nichts geht jemals verloren durch den Dialog. Alles ist möglich durch den Dialog. Der Dialog – und wir wiederholen es – ist eine Medizin, die die Wunden der Trennung heilt und in der Tiefe unser Leben erneuert, während er jeden in der Wahrheit, im gegenseitigen Zeugnis, in der Liebe und in der Freundschaft verankert. Wir sind als Menschen, die den Frieden suchen, nach Lissabon gekommen, und wir haben in diesen Tagen eine Gemeinschaft wachsen sehen, wie sie die Welt braucht, die Gemeinschaft derer, die den Frieden suchen. Es ist eine Gemeinschaft aus verschiedenen Religionen, Geschichten, Sprachen und Wahrnehmungen. In ihr liegt unser Reichtum, sie ist unsere Zukunft. In dieser Gemeinschaft von Menschen, die den Frieden suchen, liegt der Same, der dazu hilft, menschlicher und gläubiger zu sein. 


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