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V. Station


 
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V. Station
Ein ordnungsgemäßer und doch falscher Prozess

Darauf führten sie Jesus zum Hohenpriester, und es versammelten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Petrus aber war Jesus von weitem bis in den Hof des hohepriesterlichen Palastes gefolgt; nun saß er dort bei den Dienern und wärmte sich am Feuer.
Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können; sie fanden aber nichts. Viele machten zwar falsche Aussagen über ihn, aber die Aussagen stimmten nicht überein. Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten: Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschen erbauten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen errichten, der nicht von Menschenhand gemacht ist. Aber auch in diesem Fall stimmten die Aussagen nicht überein. Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Willst du denn nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen? Er aber schwieg und gab keine Antwort. Da wandte sich der Hohepriester nochmals an ihn und fragte: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben. 
Und einige spuckten ihn an, verhüllten sein Gesicht, schlugen ihn und riefen: Zeig, dass du ein Prophet bist! Auch die Diener schlugen ihn ins Gesicht.
(Mk 14, 53-65)


Giotto
Jesus und Kaijaphas


Der Bericht ist nüchtern: Sie beginnen, Jesus zu foltern. Sie machen ihm den Prozess, sie spucken ihn an, sie verhüllen sein Gesicht, sie schlagen ihn. Sogar die Diener schlagen ihn. Die Bande der Gewalttätigen mit Schwertern und Knüppeln schlägt gegen ihn los, sie nehmen all ihre Energien zusammen: Hohenpriester, Älteste, Schriftgelehrte und falsche Zeugen, deren Aussagen nicht übereinstimmen. Doch Jesus "schwieg und gab keine Antwort." Die Sympathie zu allen, die Liebe zu allen und das Wort werden erniedrigt - es bleibt nur das Schweigen. Nur die Antwort auf eine entscheidende Frage ist zu hören: "Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?" Das war die Frage, die ihn das Leben kosten konnte. Die Antwort Jesu ("Ich bin es") kommt nicht von ihm; sie ist ein Zitat aus der Schrift: "Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen." Es ist Psalm 104. Und es ist auch ein Wort des Propheten Daniel. Es genügt diese Antwort aus der Bibel, damit ein Gericht, das schon entschieden hatte, zur Verurteilung kommt. Alle urteilen, dass er schuldig sei und sterben müsse. Von diesem Moment an scheinen die Knüppel, die Schwerter, die Verschwörung, die Identifikation mit einer Gruppe von Gewalttätigen und das Bestreben, um jeden Preis die eigenen Interessen zu verfolgen, endgültig Recht behalten zu haben. Jesus schweigt. Er antwortet mit dem Wort Gottes und wird verurteilt.

Jesus bleibt allein vor seinen Anklägern, und es entfesselt sich die Farce eines falschen Prozesses. Es ist einer der vielen falschen Prozesse, die sich hinter formalen, rechtmäßigen und ehrbaren Prozeduren verbergen. Die Maschinerie des Bösen braucht Schuldige und jemanden, den sie opfern kann. Das ist nicht nur die Geschichte Jesu, sondern es ist die Geschichte von heute, von Prozessen und Todesurteilen. Und überdies haben wir beim Prozess Jesu ein religiöses Gericht vor uns, das aufgrund der Beschäftigung mit dem Gesetz des Mose entstanden ist, unter Anleitung von weisen Menschen voll Frömmigkeit; dieses Gesetz achtete das Leben und machte aus dem jüdischen Volk ein einzigartiges Volk. Trotzdem sind auch diese Männer der Religion nicht in der Lage, ein gerechtes Urteil zu fällen, sondern sie suchen falsche Zeugen. Jesus wird verurteilt wie ein Gotteslästerer, wie ein Mann ohne Religion.

Doch wo ist die Religion seiner Richter? Es gibt keine Religion ohne Liebe zu dem Menschen, den man vor sich hat. Der Apostel Jakobus sagt: "Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin: für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren." Das wurde auch von den Weisen Israels gelehrt. Es gibt keine Religion ohne Liebe zu dem Menschen, den man vor sich hat. So wollte Gott Mensch mitten unter uns werden, damit wir uns für ihn, für den Menschen entscheiden, der ans Kreuz gehängt wurde. Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Liebe zu dem Menschen, den man vor sich hat. Die Form genügt nicht. Und der Gerechte ist in der Tat aufgrund eines korrekten Strafverfahrens gekreuzigt worden. Wenn man die Protokolle aufbewahrt hätte, die Gesetze und das Urteil, würde sich zeigen: Der Angeklagte war geständig.

Am Ende macht die Tatsache betroffen, dass Jesus nicht aufgrund falscher Zeugenaussagen verurteilt wurde, sondern aufgrund seines eigenen Geständnisses, das als eine Gotteslästerung angesehen wurde. Das Bekenntnis des Evangeliums wird als Lästerung angesehen, und dieses Bekenntnis muss damit bezahlt werden, dass man nicht mehr als Mensch, als voller Mensch betrachtet wird. Manchmal wird man am Ende zum Tod verurteilt. Das ist die Geschichte Jesu, doch auch die Geschichte vieler anderer.

Es macht auch betroffen, dass sie anfangen, ihn zu foltern, nachdem das Urteil, das den Vorschriften entsprach, durch den Hohenpriester verkündet worden war. Er ist kein Mensch mehr, sie spucken ihn an, sie legen Hand an seinen Körper, sie schlagen ihn. Die zum Tod Verurteilten haben nicht die Rechte der anderen Menschen. Doch nicht nur die Soldaten misshandeln ihn. Auch die Diener fassen Mut und schlagen ihn. Jetzt ist er die Beute aller, er ist kein Mensch mehr. Ein Verurteilter, ein Verstoßener, einer, der so zugrundegerichtet war, einer, der Gott gelästert hatte, ein Schuldiger ist kein Mensch mehr. Doch wer bleibt Mensch, wenn er es nicht mehr ist? In dieser Haltung erkennen wir die Härte einer Religion, einer jeden Religion oder Ideologie, wenn sie ohne Mitleid und ohne Gerechtigkeit ist, und vor allem, wenn sie nicht dem Menschen ins Gesicht sieht, den sie vor sich hat.




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