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Das tägliche Gebet


 
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6 September 2015 17:00 | Kongresspalast - Pallati i Kongreseve

Rede von Prof. Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio



Andrea Riccardi


Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio

Herr Präsident der Republik, Seligkeit,
sehr geehrte Religionsoberhäupter,
 

liebe Freunde,
ich freue mich, dass dieses internationale Treffen in Tirana stattfindet. Ich danke vor allem dem Präsidenten, dem Premierminister und den Vertretern Albaniens und möchte auch daran erinnen, dass die Religionen Albaniens diese Tagung unbedingt gewollt haben.
Das ist ein Grund, warum wir hier sind: Albanien ist ein pluralistisches Land in religiöser Hinsicht. Sunnitische Muslime, orthodoxe Christen, Katholiken und Bektaschi leben zusammen. Das ist das Erbe der Geschichte dieses Landes und kein Relikt der Vergangenheit. Das Zusammenleben von verschiedenen Gruppen prägt in unserer Zeit sehr viele Gesellschaften der Welt. Es gibt keine homogenen Gesellschaften mehr ohne andere Menschen. Keine Gesellschaft ist eine Insel. Das Zusammenleben verschiedener Menschen schafft Probleme, doch es ist eine menschliche Bereicherung, die zum alltäglichen Dialog anregt. Das ist Albanien, ein Land des Zusammenlebens.
Doch dieses Land wurde tief verwundet. In den dunklen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war es das Land des "realen Kommunismus". Alle Freiheiten, Besonderheiten, Unterschiede waren untersagt. Auch die Religion, sodass Albanien 1967 zum ersten vollkommen atheistischen Staat der Welt erklärt wurde. Jede religiöse Handlung war verboten und wurde hart bestraft. In jenen Jahren bedeuteten Freiheit, Gewissen, Glaube das Martyrium für viele. Dies ist ein Land von Märtyrern. Nicht aus Zufall waren in Durres der Mufti Mustafa Varoshi und der katholische Erzbischof Prendushi im selben Gefängnis. Nach Schätzungen von Amnesty International waren noch 1991 bis zu 31 Lager in Albanien in Betrieb.
Gjovalin Zezaj, ein guter Freund und Überlebender des Gulag, hat erzählt: "Es kam ein Gefangener, der gestützt wurde; scheinbar hatten sie ihn schwer gefoltert, denn er konnte nicht allein stehen, und ich hörte, wie er murmelte: Hier ist wirklich die Hölle." Ja, eine Hölle.
Alle Grenzen von Albanien waren geschlossen. Sie hatten sogar den Raum des Himmels und des Gewissens verschlossen. Die Albaner haben in über vierzig Jahren des Regimes schwer gelitten. Es ist scheinbar eine alte Geschichte. Doch ich selbst habe diese Welt in den 80er Jahren kennengelernt. Es war grau, verschlossen, gewalttätig. Wenn man heute daran denkt, scheint es unvorstellbar, unmöglich, dass ein solches Leben existiert hat. Es ist fast ein schlimmer Traum, ein Albtraum der Geschichte, und doch hat er existiert.
Noch in den 80er Jahren schien das Regime stark und ohne Lücken für Freiheit und Veränderung. Es schien noch lange anzudauern. Doch alles hat sich verändert. Ich erinnere mich an die begeisternden Tage, als die Freiheit zurückkehrte. Die Geschichte ist voller Überraschungen nach vielleicht verschlossenen, blockierten und finsteren Phasen. Das ist eine Lehre der Hoffnung auch heute in Zeiten der Resignation angesichts von vielen unerträglichen und unmenschlichen Situationen, die von Krieg und Gewalt beherrscht sind.
Wir haben dieses Treffen im Geist von Assisi mit verschiedenen Religionen, Humanisten, Nichtgläubigen und Vertretern der Kultur in Albanien halten wollen. Denn es ist ein Land des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Menschen, denn dieses Land hat eine Geschichte des Martyriums und der Suche nach der Freiheit, und auch weil die Gemeinschaft Sant'Egidio seit Jahrzehnten mit Albanien in Sympathie für seine Bewohner und im konkreten Einsatz verbunden ist, weil sie das Land als integralen Bestandteil Europas ansieht.
Wir glauben, dass der Geist von Assisi gebraucht wird. Dieser Geist entsteht bei einer wichtigen Begegnung, die in Zeiten des Kalten Krieges von Johannes Paul II. mit Oberhäuptern der großen Religionen in Assisi abgehalten wurde: "Nicht mehr einer gegen den anderen, sondern einer neben dem anderen". Die sich einander annähernden Religionen sind eine Kraft des Friedens und eine Schule des Dialogs. Der Geist ist auch den Religionen voraus: Durch die Geschichte, das Bedürfnis nach Frieden und die Klagen der Menschen aus den Kriegsgebieten oder von historischen Spaltungen stellt er Fragen an die Religionen. Die Religionen sind aufgerufen, gemeinsam die Klagen und Fragen zu hören. Nicht nur diejenigen der eigenen Gläubigen, sondern der Welt und der Leidenden. Auch die Religionen brauchen den Geist von Assisi, der Dialog und Hören auf die Schreie der Geschichte bedeutet.
Wir wissen, dass die Religionen Instrumente der Spaltung, der Auseinandersetzung und der Konflikte gewesen sind - und sein können. Der Geist von Assisi bedeutet Distanzierung von kriegerischer Beteiligung der Religionen und Neuentdeckung des Friedens als in den Traditionen verwurzelter Botschaft. Er vermittelt die Kultur des Dialogs und der Begegnung.
In diesem Geist sind wir in diesen dreißig Jahren unterwegs gewesen mit wichtigen jährlichen Etappen wie in Warschau 1989, mit nie dagewesenen Begegnungen, aus denen erfolgreiche Wege zum Frieden hervorgegangen sind. Heute bereitet uns manches Sorge: die verbreitete Resignation, durch die man die Geschichte von Gewalt, Terrorismus und Krieg hinnimmt. Als seien es unaufhaltsame Phänomene. Als wäre der Friede eine im vergangenen Jahrhundert verloren gegangene Utopie (das ein Jahrhundert vieler Kriege war). Ein einziges Beispiel: Syrien. Seit über vier Jahren stirbt man jeden Tag unter den Bomben eines schrecklichen Krieges, der länger dauert als der Erste Weltkrieg. Neben den Millionen von Leidenden erinnern wir an gute Freunde unseres Dialogs, die im Nichts verschwunden und im Schrecken der Gewalt verloren sind: die syrischen Bischöfe von Aleppo, Mar Gregorios Ibrahim und Paul Yazigi, und den Italiener Paolo Dall'Oglio.
Für Syrien scheint der Friede unmöglich zu sein. Der Verzicht auf den Frieden ist ein Todesurteil für das Land. Das Scheitern der internationalen Gemeinschaft - und darüber sollte man nachdenken - ist offensichtlich. Ich möchte mich jedoch fragen, wo es eine Friedensbewegung für Syrien gibt? Wo gibt es sie in den arabischen Ländern? Wo in Europa? Wo im Mittelmeerraum? Die Leidenschaft für den Frieden ist verloren gegangen. Dabei hat es 2003 eine Friedensbewegung gegen den Krieg im Irak gegeben, ein Bruderland von Syrien. Es gibt keine Unruhe, keinen Protest, keine Gebete... für den Frieden. Eine verbreitete Friedenshoffnung angesichts des Scheiterns der Politik ist ein Reichtum. Denn die Friedensarbeit ist schwierig, langsam, realistisch und auch ein Traum, der viele Wege entstehen lässt.
Dürfen wir unsere Resignation angesichts des Krieges akzeptieren? Während wir uns vielleicht in unsere kleine friedliche Welt zurückziehen, in einen behüteten Winkel, in ein Land. Doch der Krieg und die Kultur des Krieges belagern uns, nicht nur durch die Flüchtlinge. Wie diejenigen, die nach Europa kommen aus großem Leid und ohne zu wissen, wohin sie gehen sollen und ohne Lebensgrundlage in ihren Ländern. Um ein konkretes Beispiel zu machen, kommen die Syrer nach Europa. Nur wenn in Syrien und im Irak Frieden geschaffen wird, werden sie nicht aufbrechen und in ihrer Heimat bleiben. Wie andere Flüchtlinge vor Krieg und Umweltkatastrophen verlassen die Syrer ihre Heimat. Wer hat das Recht, sie aufzuhalten? Ein Friede nur für uns, ohne ihn für die anderen aufzubauen, ist nicht nur ungerecht sondern auch unmöglich. Das sagen wir nicht als Träumer, auch wenn der Traum seine Auswirkungen besitzt. Das sagen wir als konkrete Arbeiter für den Frieden. Auch hier in Albanien, wie in anderen Teilen der Welt. Mit Erfolgen - wie in Mosambik - und Mut und begrenzten Erfolgen anderswo, immer aber mit der Überzeugung, dass Frieden möglich ist. Er muss immer möglich sein, wie die Lebenshoffnung, dass man glücklich sein und ein würdiges Leben führen kann.
Deshalb, liebe Freunde, stellen wir eine zentrale Frage: Ist Frieden möglich? Diese Frage klingt wie ein Protest gegen uns umgebende Kriege und Resignation. Protest ist nicht nutzlos. Die Stärkung der Resignation ruft besorgniserregende Phänome hervor wie die Rehabilitierung der Gewalt. Und sogar die Attraktivität von Gewalt und Terrorismus. Das geschieht bei den foreign fighters, die unsere europäischen Länder und den Mittelmeerraum verlassen, um mit den Terroristen im Nahen Osten zu kämpfen.
Ist Frieden möglich? Diese Frage richtet sich an die Gläubigen. Der Friede ist Bestandteil ihrer Traditionen. Er ist Inhalt des Gebetes. Er wird von vielen als ureigener Name Gottes angesehen. Müssen nicht die Religionen deutlicher über den Frieden und seine Bedeutung sprechen? Auch die Religionen sind der Gefahr der Resignation vor Krieg und Gewalt als unvermeidliche Tatsachen ausgesetzt. Das geschieht, wenn sie sich in ihrem Umfeld abschließen, sich mit ihren Gläubigen isolieren und die anderen nicht anschauen. Keine Religion ist eine Insel. Das beweist Albanien. Das beweisen unsere Städte. Der Friede beginnt beim Zusammensein mit den anderen. Er wird durch die Erziehung der jungen Generationen zum Frieden fortgesetzt. Er wird gestärkt durch die Distanzierung von der Gewalt, indem ihr jede rechtliche Grundlage und alle religiösen und humanistischen Werte entzogen werden. Viele Kriege und viel Terror rauben jedoch die Grundlagen, Modelle und Worte der Religionen. Am Ende kommt es zu unmenschlichen Taten im Namen Gottes oder auf der Grundlage von religiösen Werten.
In der Welt der Religionen müssen Dinge aufgerüttelt werden, angesichts der Bedürfnisse nach Frieden vieler Völker, angesichts vieler Flüchtlinge, die anklopfen, angesichts von Theologien der Gewalt. Die Selbstbezogenheit der Gläubigen ist der Schlaf des Geistes. Die Religionen müssen die Rebellion des moralischen Gewissens gegen Gewalt und Übel darstellen. Die Gewalt tötet den Menschen, vorher jedoch vernichtet sie seine Menschlichkeit und seine religiöse Seele. So alte religiöse Traditionen dürfen nicht in die Orgien einer globalen Gewalt hineingerissen werden. Deshalb müssen sie aufgerüttelt werden. Betrachtet die Religionen in verschiedenen europäischen Ländern, wie sie aufgerüttelt werden und den Flüchtlingen entgegengehen trotz der Mauern und von populistischen Protesten. So sind sie von der Blockade durch die Angst befreit. Viele Europäer haben sich mit Sympathie für Menschen eingesetzt, die sie nicht kannten, die sogar als Invasoren hingestellt worden waren.
Religion bedeutet - in seiner lateinischen Wurzel - Verbundenheit. Michel de Certeau sagte: "Niemals ohne den anderen." die Religion schafft durch Liebe eine Verbundenheit mit dem anderen. Daher muss man sich begegnen und einen Dialog unter verschiedenen Religionsfamilien führen. Es muss einen Dialog mit Nichtgläubigen und Humanisten geben. Die bestehen Gedanken von Nichtgläubigen stimmen in Bezug auf den Wert des Lebens und des Friedens mit dem religiösen Denken überein.
Man muss der Wirklichkeit mit ihrem Leid ins Gesicht schauen. Die Religionen nähren immer und auch in Konflikten die Hoffnung auf einen möglichen Frieden. Sie können sogar die Revolte des Geistes gegen ein resigniertes (und alleiniges) Denken über den Krieg darstellen, die zu politischen Entscheidungen führt. Unsere Zeit braucht friedfertige Frauen und Männer, die sich im Namen des Friedens auflehnen.
Die Großen des geistlichen Lebens haben immer gelehrt, dass früher oder später Kirchen, Moscheen und mit ihnen auch die Demokratie und die Kultur brennen werden, wo die Synagoge brennt. Niemals darf das Gotteshaus des anderen zerstört werden. Der Pfarrer der Kathedrale von Berlin, Bernhard Lichtenberg, predigte 1938 während der Reichspogromnacht: "Da draußen brennt die Synagoge, das ist ein Gotteshaus". Man darf nicht sagen: Das sind Probleme der anderen. Wir sind verschieden, doch miteinander verbunden: "Alle verschieden, doch alle verwandt" - sagte Germaine Tillon, die im Lager von Ravensbrück gewesen ist.
Alles ist in unserer Welt miteinander verbunden. Seit über einem Jahr sind wir in großer Angst wegen der Lage der Christen und Jeziden im Nahen Osten, die gezwungen sind, ihre historische Heimat zu verlassen. Diese Tatsache betrifft alle Religionen.
Bei den Terroranschlägen in Paris im Januar 2015 haben einheimische Muslime andere Muslime, Juden und Nichtmuslime getötet. Die Worte des afrikanischen Immigranten Lassana Bathily, eines praktizierenden Muslim, sind eine Lehre, der einige Juden beim Terrorangriff auf den Koscher-Supermarkt rettete: "Ja, ich haben den Juden geholfen. Wir sind alle Brüder. Das ist keine Frage von Juden, Christen und Muslimen, wir alle sind im gleichen Boot." Ein einfacher doch grundlegender Gedanke: Der Krieg ist unerträglich, wir müssen etwas tun, damit der Friede immer möglich ist. Wir sind alle im gleichen Boot!

 

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