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Walter Kasper
Kardinal, Vorsitzender des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen
Nach dem Ende des kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer bestand die Hoffnung auf eine Periode des Friedens und der friedlichen demokratischen Entwicklung der Welt. Inzwischen wissen wir: Diese Hoffnung hat gründlich getrogen. Die neue Geißel und die neue Herausforderung der gesamten zivilisierten Menschheit ist – neben dem Hunger und der Armut in der Welt – der internationale Terrorismus. In gewissem Sinn hat das Ende des Bipolarismus des kalten Krieges den internationalen Terrorismus erst möglich gemacht. Ohne Zweifel stehen alle zivilisierten Staaten damit vor einer neuen gewaltigen Herausforderung, welche vermutlich das eben begonnene neue Jahrhundert bestimmen wird. Die Ursachen dieses verabscheuenswerten Phänomens sind komplex. Sicher spielen auch soziale Probleme eine Rolle. Doch die bestehenden Unrechtsstrukturen und die eklatant ungerechte Verteilung der Güter dieser Welt kann Terror objektiv niemals rechtfertigen, sie spielen aber bei den Rechtfertigungsversuchen der Terroristen eine wichtige Rolle und verhelfen den meist kleinen Terroristengruppen zur Unterstützung oder zumindest zur Duldung durch breitere Gruppen der Bevölkerung. Ein anderes Problem, auf das in der Diskussion sehr oft hingewiesen wird, ist der Zusammenhang zwischen Terrorismus und Religion. Vor allem die drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – werden oft verdächtigt, wegen ihres – vermeintlich oder wirklich – exklusiven Ein-Gottes-Glaubens intolerant und damit zumindest tendenziell gewaltbereit zu sein. Wenn wir selbstkritisch und ehrlich sind, dann können wir nicht alle geschichtlichen Beispiele, welche diese These stützen sollen, einfach von der Hand weisen. In dem, was Christen das Alte Testament, Juden die Tanakh nennen, finden sich viele Texte, welche von heiligen Kriegen und von der Vernichtung der der Gegner sprechen. Aus dem Bereich der Kirchengeschichte verweist man oft auf die Kreuzzüge, blutige Ketzerverfolgungen und Religionskriege. Schließlich hält man dem Islam die Ausbreitung mit dem Schwert und die Verherrlichung des heiligen Kriegs gegen die Ungläubigen vor. So haben alle drei monotheistischen Religionen Grund zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte und zu einer „Reinigung des geschichtlichen Gedächtnisses“. Alle drei monotheistischen Religionen müssen sich auch mit einschlägigen unangenehmen aktuellen Phänomenen konfrontieren, etwa dem Konflikt in Nordirland, der Sicherheits-politik Israels, den terroristischen Gruppierungen von Muslimen. Intolerante und zu Terror neigende Gruppierungen finden sich übrigens auch in nicht-monotheistischen Religionen, etwa im Hinduismus. Jeder, welcher sich genauer mit diesen Phänomenen befasst, weiß, daß dabei religiöse Motive mit sozialen, ökonomischen und politischen Motiven vermischt sind und die Religion oft nur als ideologische Deckmantel herhalten muß und dazu geradezu missbraucht wird. Aber wehren sich die Religionen deutlich genug gegen solchen Missbrauch? Es macht keinen Sinn, die Phänomene, welche als solche nicht zu leugnen sind, gegeneinander aufzurechnen und die Schuld jeweils dem anderen zuzuschieben. Dies ist die Weise wie Kinder miteinander streiten, wenn sie darüber streiten, wer von ihnen mit dem Streiten angefangen und den anderen zuerst provoziert hat. Löst man sich von solchen infantilen Auseinandersetzungen, dann erst wird die Frage grundsätzlich. Sie lautet dann, ob Phänomene wie die beschriebenen zum Unwesen der Religion gehören und ein verwerfenswerter Missbrauch darstellen, oder ob es nicht doch im Wesen von Religion, besonders von monotheistischen Religionen liegt, intolerant zu sein und zur Gewalt zu neigen bis dahin, daß sie zur physischen Vernichtung oder gewaltsamen Unterwerfung der ungläubigen Gegner aufrufen. Die Antwort ist in mehreren Schritten möglich. Erster Schritt: Alle genannten Religionen können darauf verweisen, daß sich in ihren heiligen Texten an hervorragender Stelle Aussagen finden, welche Gewalt allgemein und Terror im besonderen grundsätzlich verbieten. Die goldene Regel, daß man das anderen nicht antun soll, was man für sich selbst nicht wünscht, findet sich in der einen oder anderen Form in allen Religionen. Auch der Koran kennt Stellen, welche ausdrücklich von Toleranz sprechen. Von besonderer Bedeutung ist das Tötungsverbot des Dekalogs, das außer bei unmittelbarer Selbst-verteidigung allgemein gilt; im Christentum kommt hinzu das Gebot der Liebe bis hin zur Feindesliebe und die Aufforderung zum Verzeihen. Alle drei monotheistischen Religionen verbieten auch den Selbstmord und schließen damit Selbstmordattentate grundsätzlich aus. Wer solche begeht, sollte darum auch nach den Gesetzen des Koran nicht als Märtyrer verehrt sondern als Mörder und gemeine Verbrecher verabscheut werden. Zweiter Schritt: Das Verbot von Mord und Selbstmord ist für die jüdisch-christliche Tradition letztlich im Gottesverständnis begründet. Das Revolutionäre dieser Tradition liegt darin, daß sie die besonderen Geschichte der Erwählung des Gottesvolkes in Genesis 1-11 die allgemeine Menschheitsgeschichte voranstellt und von jedem Mensch völlig unabhängig von seiner ethnischen, kulturellen, religiösen und sexuellen Zugehörigkeit sagt, er sei nach dem Bild Gottes geschaffen; deshalb halte Gott seine Hand über jedem Menschen so daß fremdes Blut nicht vergossen werden darf. Die Bibel kennt nur einen einzigen Gott, aber dieser eine Gott ist kein nationaler Götze sondern universaler Herr der gesamten Menschheit; der begründet die Würde jedes Menschen. Terror ist deshalb als Negation der Würde des Menschen zugleich eine Beleidigung Gottes. Rechtfertigung von Terror im Namen Gottes ist der schlimmste Missbrauch und die schlimmste Entheiligung des Namen Gottes. In dieser Aussage haben bei Gebetstag für den Frieden in Assisi erfreulicher Weise alle dort vertretenen Religionen überein gestimmt. Dritter Schritt. Es genügt nicht, bloß in der Theorie überein zu stimmen; die Praxis muß der Theorie entsprechen. Der Terrorismus ist heute zu einer Bedrohung der gesamten Menschheit geworden; Terroristen können grundsätzlich überall zuschlagen. Wir können die Würde des Menschen und den Frieden nicht nur mit frommen Worten, wir müssen sie mit Taten verteidigen. Die Frage ist also: Was können wir gegen den Terrorismus tun? Ich kann kein umfassendes Programm entfalten, sondern nur ein paar Hinweise geben. 1. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus setzt zweifellos militärische und polizeiliche Abwehr voraus. Die Demokratien müssen bereit sein, wenn nötig auch unter Opfern, ihre Freiheit wehrhaft zu verteidigen. Aber es kann im Kampf gegen den Terrorismus nicht gut sein, was man am Terrorismus als schlecht verurteilt und bekämpft. Man kann also im Kampf gegen den Terrorismus nicht die allgemeinen Menschenrechte außer Kraft setzen und zu Torturen greifen, welche der Menschenwürde widersprechen; man kann nicht Preemptivkriege führen, welche die Regeln der gerechten Krieges, die nur als ultima ratio gelten, außer Kraft setzen; man kann nicht gezielte Tötungen vornehmen ohne vorangehendes gerechtes Verfahren. Die Barbarei des Terrorismus darf nicht dazu führen, daß wir die Errungenschaften der zivilisierten Menschheit rückgängig machen und selbst in die Barbarei zurückfallen. 2. Man muß nach Kräften die Bedingungen ändern, welche die Ausbreitung des Terrorismus erleichtern und ihm den Schein von Legitimität geben, d.h. man muß die sozialen, ökonomischen und politischen Unrechtssituationen beseitigen und für eine gerechtere Ordnung der Welt und insbesondere in den Krisenregionen der Welt eintreten. 3. Die Religionen müssen aufwachen und ihre jeweils eigenen geistlichen Ressourcen des Widerstands gegen terroristische Gewalt aktivieren. Solche eindeutige öffentliche Distanzierung von terroristischer Gestalt erwarten viele zu Recht vom Islam. Der zutiefst nihilistische Grundzug des Terrorismus kann nur durch Affirmation der Grundhaltung jeder Religion, der Ehrfurcht überwunden werden. Das bedeutet neben der selbstkritischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte die Predigt nicht von Haß sondern von Toleranz und Respekt vor der fremden Überzeugung und die konsequente Verurteilung jeder Form von Gewalt. Die Religionen müssen den Terroristen ihre religiöse Maske herunterreißen und sie als das entlarven, was sie in Wahrheit sind, nämlich Nihilisten, welche alle Werte und Ideale der Menschheit verachten. Der „clash of civilisations“ kann nur durch den Dialog der Kulturen und Religionen vermieden werden. Dialog setzt voraus, das gemeinsame Erbe aller Religionen, die Ehrfurcht vor dem Heiligen zu achten; aber Dialog bedeutet in keiner Weise Synkretismus und die Aufgabe der eigenen Identität; im Gegenteil, einen Dialog können nur Partner führen, welche ihre je eigene Identität haben, sie kennen, sie schätzen und mit den Waffen des Geistes dafür eintreten. Eine solche Dialog-Einheit der Religionen, welche physische Konflikte verurteilt, aber geistige Auseinandersetzung nicht scheut, ist der einzige Weg zum Frieden in der Welt.
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