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Josef, ein adventlicher Mann. Die Homilie von Kardinal Walter Kasper in Santa Maria in Trastevere

18 Dezember 2016

4. Adventsssontag bei der Gemeinschaft Sant'Egidio

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Matthäus 1,18-24

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Evangelium dieses vierten und letzten Sonntags im Advent fasziniert mich jedes Jahr neu. Es führt uns in eine Zeit vor fast zweitausend Jahren zu einfachen, kleinen, armen und ruhigen Menschen, an die sich weder Bereiche der Macht und des Adels von damals noch spätere Geschichtsschreiber erinnert hätten. Josef und Maria, Elisabeth und Zacharias, dann Simeon und Hanna, über die die Bibel spricht, gehörten zu dieser Gruppen der "Ruhigen des Landes", wie man normalerweise sagt. Sie waren klein, aber ehrliche Leute, fromm und gerecht im Sinn der Bibel, inmitten einer zerrütteten Gesellschaft, in der die Elite korrupt war und mit den Besatzern zusammenarbeitete, hielten sie sich an das Gesetz und lebten danach. Sie achteten auf das Wort und den Willen Gottes und bewahrten die Hoffnung gegen jede Hoffnung, dass Gott am von ihm vorhergesehenen Tag kommen wird, um sein Volk zu erlösen. Sie waren gute Leute, Menschen des Advents, die ohne Lärm und Revolution in Ruhe und Geduld auf eine radikale Veränderung durch Gott warteten, sie bewahrten die Hoffnung.

Josef gehörte zu diesen Leuten. Er war in einer persönlich besonderen Lage durch seine Braut, die überraschend schwanger war. Für ihn war dies eine Überraschung, die ihn verwirrte. Er dachte nach, wie zu reagieren sei. Er war ein gerechter Mann, also dem göttlichen Gesetz gegenüber gehorsam, das in diesem Fall eine Strafe vorsah. Doch er war auch gerecht in dem Sinn, dass er ehrenhaft war; da er aus dem Geschlecht Davids stammte, verhielt er sich auch wirklich edel. Er wollte ehrenhaft reagieren und das Gesetz sehr freundlich anwenden, auf gütige und zugleich großzügige Weise und - wie es Gott tut - auf barmherzige Weise. Er wollte seine Verlobte nicht öffentlich anklagen, er wollte sie nicht der öffentlichen Schande aussetzen, er wollte sich im Geheimen von ihr trennen.

In dieser sehr schwierigen Lage wurde ihm im Traum - in der Bibel wird dieses Bild oft für eine Offenbarung verwendet - gesagt: "Josef, fürchte dich nicht!" Bleibt ruhig. Gott hat seine Verheißung erfüllt. Gott kommt durch seinen Schöpfergeist, Immanuel kommt. Immanuel heißt: "Gott ist Heil". So muss gesagt werden: Gott ist Heil, ist größer als jede Macht, auch größer als jede Erwartung. Denn er ist ein wunderbarer Gott. Ein Gott, der keine Wunder tun kann, ist nicht wirklich Gott. Dieser Gott, der Heil ist, geht hinaus und er kann auch in einer menschlich ausweglosen und hoffnungslosen Lage einen Ausweg weisen. Daher: Fürchte dich nicht! Jetzt ist die Zeit des Advents gekommen.

Und was macht Josef mit dieser überraschenden Offenbarung? Er antwortet, wie seine Braut Maria, die auch erschrak, als der Engel ihr offenbarte, dass sie Mutter des Erlösers werden soll. Sie sagte: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn." "Denn für Gott ist nichts unmöglich." Doch während sie sprach, sagt Josef kein Wort. Nirgends überliefert die Bibel ein Wort aus seinem Mund. Die Bibel überliefert nur: Josef tat, "was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte". Ohne ein Wort zu sagen, war Josef gehorsam. Diese Antwort war ein mutiger, edler und ehrenhafter Gehorsam. Er nahm seine Braut zu sich, die einen Sohn zur Welt brachte, und er nannte ihn Jesus, wie es ihm im Traum aufgetragen worden war. Jesus, also "Gott hilft".

So war Josef ein wahrer Sohn Abrahams, der gegen jede Hoffnung auf Gott vertraut und auf seine Verheißung. Wie Abraham hatte Josef den Mut, auf eine menschlich finstere und unsichere Zukunft zuzugehen; doch im hoffnungsvollen Glauben gab es eine Zukunft, die eine kommende Zeit und ein Advent ist, in der Gott entgegen kommt. Daher blieb er stark und treu seiner mutigen Entscheidung gegenüber, als der Sohn im Elend und niedrig im Stall von Betlehem "ankam", der als Heiland seines Volkes angekündigt worden war, als sie dann nach Ägypten fliehen mussten und als der zwölfjährige Jesus allein im Tempel blieb und er ihn drei Tage voller Sorge suchen musste. Dann verschwindet Josef und wird in der Bibel nicht mehr erwähnt. Er blieb im Advent und erlebte nicht die Erfüllung von Osten und Pfingsten. Er blieb in der reinen und nackten Hoffnung auf Gott, für den nichts unmöglich ist

II.
Was sagt uns dieses Evangelium vom vierten Sonntag heute? Warum machten die Päpste Pius IX., Leo XIII., Johannes Paul II., Benedikt XVI., dessen Name Josef lautet, und der aktuelle Papst, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, Josef zum Kirchenpatron? Kann er für uns ein Vorbild sein in der heutigen Weltkrise?

Auch wir leben in einer schwierigen Lage, einer Wirtschaftskrise und politischen Krise, die eigentlich eine moralische Krise, eine Krise der Werte ist, in der viele Erwartungen und Hoffnungen auf eine bessere Welt, auf ein vereintes Europa, einen Weltfrieden auf der Grundlage der Menschenrechte sich verfinstern und scheinbar scheitern. Aleppo ist ein neues Stalingrad, ein neues Pearl Harbour für uns alle, die wir glaubten, nach dem Desaster und der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hinzugelernt zu haben. Gegen jede Vernunft ist die Welt erneut in einer Orgie der Gewalt verfallen, aus der niemand einen Ausweg weiß nach dem totalen Scheitern der internationalen Gemeinschaft und ihrer Institutionen. Der Papst spricht von einer Verkümmerung und Lähmung unserer Institutionen.

Für viele ist nur die Angst geblieben. Doch die Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Sie beruhigt uns, indem Mauern und Zäune errichtet werden, neue Waffen produziert werden und der Waffenhandel aufblüht; die Angst schafft Misstrauen und nährt Xenophobie und Hass gegeneinander. Durch die Angst kann man die Leute manipulieren. America frist! Germany first! Italy first und - letztlich - me first, Ich zuerst und nach mir die Sintflut! So lässt man sich in den Abgrund der Gleichgültigkeit ziehen, wendet dem Elend der Anderen den Rücken zu. Einziger Gedanke ist: rette sich, wer kann, daher lässt man sich in den Sumpf der Korruption führen, die wie ein Krebsgeschwür mit seinen Metastasen den ganzen sozialen Körper zerstört.

Die Botschaft des Evangeliums sagt uns eine andere Sache. Sie schenkt uns kein wirtschaftliches und politisches Rezept. Das nicht! Das Evangelium ist eine Verheißung, die sagt: "Fürchte dich nicht!" Hab keine Angst! Das "hab keine Angst!" ist eine grundlegende Botschaft des Evangeliums, die wie ein Refrain oft im Alten und Neuen Testament vorkommt. Die Verheißung Gottes und der Glaube vertreiben die Angst. Denn sie sagen uns, dass es von oben eine ausgestreckte Hand gibt, die euch hält und herausholt. Wir leben nicht vor einer halbfinsteren Zukunft und gehen nicht auf eine solche zu, die Angst bereitet; wir leben mitten im Advent. Die Zukunft ist eine kommende Zeit, in der Gott uns entgegenkommt.

Daher bleib wie Josef offen für die Verheißungen Gottes und seine Wundertaten. Höre auf das Wort Gottes, statt auf die Worte, das Gerede und Geschwätz und gewöhnliche Slogan. Verfall nicht der Gleichgültigkeit und Trübsal, sei nicht ohne Begeisterung. Verlier nicht den Mut und lass dich nicht von Verzweiflung erfassen. Stattdessen bleib ehrlich und aufrecht, lass dich nicht von der Dekadenz und Korruption anstecken, bleib gerecht im Sinn der Bibel, also bleib dem Wort Gottes gegenüber treu und demzufolge sei barmherzig, gütig, mitleidsvoll mit den Leidenden, sei bereit, ihnen die Hand zu reichen und ihnen zu helfen, wenn es geht.

Niemand kann behaupten, der Messias zu sein, der die Welt retten kann. Niemand hat ein einfaches Rezept, wer das auch immer behauptet, wird ein falscher Prophet sein. Doch jede einzelne und kleine Tat der Nächstenliebe und Barmherzigkeit kann ein Hoffnungslicht für diejenigen sein, die hoffnungslos sind. Und viele Lichter zusammen können ein Feuer entzünden, das etwas Wärme in die Kälte der globalen Gleichgültigkeit bringt. Jede Tat kann daher etwas Licht schenken, wie der Weihnachtsbaum in der kalten Winternacht. Seien wir also selbst - sozusagen - ein Weihnachtsbaum, wie Josef es war. Fürchte dich nicht, bleib gerecht und ehrenhaft und gib die Hoffnung niemals auf. Seien wir dagegen wie Josef Menschen des Advents und Zeugen der Hoffnung. Amen.