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Niemand sollte töten. Zum Welttag gegen die Todesstrafe, Kommentar von Marco Impagliazzo

10 Oktober 2018

Todesstrafe

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Seit sechzehn Jahren ist der Welttag gegen die Todesstrafe für uns ein Anlass zur Sensibilisierung und Mobilisierung für das unverzichtbarste Recht, nämlich das Recht auf Leben. Thema ist in diesem Jahr die Rettung der über zwanzigtausend Todeskandidaten weltweit, sowie die Verbesserung ihrer Haftbedingungen. In vielen Ländern wird die Pflicht einer humanen Behandlung der Gefangenen nicht umgesetzt. Das gilt vor allem für Todeskandidaten, als wären sie schon tot für diejenigen, die mit ihnen Umgang pflegen. In den USA, in Japan, Pakistan und Vietnam werden sie oft in Isolationshaft gehalten und haben nicht einmal eine Stunde Hofgang. Doch wie Dostojewski schreibt, „ist der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft am Umgang mit ihren Gefangenen abzulesen“. Über diese Form von Zivilisation muss an diesem Tag gesprochen werden. Ziviler Umgang in der Justiz, umfassen im Denken, im Herzen, in den Worten.

Zwar verschafft sich die Abschaffung der Todesstrafe weltweit Raum (in diesem Jahr in Burkina Faso, trotz der schlimmen Terrorangriffe in diesem Jahr), zwar ist die Zahl der Hinrichtungen zurückgegangen, in der öffentlichen Meinung und in den Medien zeigt sich jedoch eine Tendenz zum barbarischen Handeln, nicht nur beiläufig, sondern teilweise sogar machtvoll. Das wurde bei Präsidentschaftswahlen von den Philippinen bis Brasilien deutlich. Es gibt die Tendenz auf das Problem des Verbrechens eine eilige und oberflächliche Antwort zu geben, die sich im Denken vieler Menschen ausbreitet. Dies macht deutlich, dass das Problem der Sensibilisierung in diesem Bereich immer wichtiger wird und sowohl die Völker als auch die Staaten einbeziehen muss. Daher war die deutliche Positionierung von Papst Franziskus bedeutungsvoll, der den Artikel Nr. 2267 des Katechismus der Katholischen Kirche verändert hat und betont, dass im Licht des Evangeliums „unzulässig ist, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“.

Der Einsatz gegen die Todesstrafe wird daher zu einer dauerhaften Wachsamkeit in Bezug auf die Gesellschaft und auf uns selbst: Er befreit vom Schlafwandeln, das zum Desinteresse gegenüber dem Leben der Anderen oder sogar zum Wunsch wird, den Anderen zu beseitigen. In Amerika hat die Positionierung des Papstes wichtige Auswirkungen gehabt: viele Katholiken haben ihre Stimmer noch lauter erhoben, während einige Bischofskonferenzen die Gläubigen dazu aufgerufen haben, sich bei den Behörden dafür einzusetzen, den Händen der Henker Einhalt zu gebieten. Denn jeder kann etwas tun, auch in den Ländern, die keine Todesstrafe anwenden. Die Herausforderung ist die Entgiftung eines Klimas, das Rache fordert und nicht nur die Gerechtigkeit; es muss „NEIN“ gesagt werden zu einer Wegwerfkultur und „JA“ zu einer Kultur der Rehabilitation. Wie es schon geschieht, kann man sich für den Lebensschutz der Verurteilten einsetzen und dadurch ihre Hinrichtung verhindern. Oder man kann den Tausenden Todeskandidaten die Hand reichen, indem man ihnen Briefe schreibt, um die Härte der Haft zu lindern und ihnen zu helfen, innerlich zu reifen und für sie eine reine Luft zu sein, die so vielen fehlt. Ein Brief – das erzählen hunderte von Gefangenen, die ihren „Brieffreunden“ von Sant’Egidio und anderen Vereinigungen schreiben – ist das Zeichen dafür, dass dein Leben jemandem wichtig ist. Es ist eine Verbindung zur Außenwelt. Es ist ein freier Raum im Leben von in Ketten gelegten Männern und Frauen. Eine Post ist sozusagen eine Spaltöffnung des Gitters. Wer andererseits einen Brief schreibt – so berichten viele, die mit Todeskandidaten korrespondieren – bemerkt, wie Schwester Helen Prejean gesagt hat, dass „ein Mensch viel mehr ist als die schlimmste Sache, die er begangen haben mag“.

Bedenken wir auch, dass die menschliche Rechtsprechung irren kann, dass viele Unschuldige Jahre lang in Todestrakten waren und am Galgen gelandet sind, dass jeder Gläubige im Evangelium der Leidensgeschichte das deutlichste Beispiel für die Fehlbarkeit des Justizsystems besitzt. Dieser Welttag möchte uns daher erneut von der Notwendigkeit überzeugen, die zu vielen vom Menschen raffiniert ausgeklügelten Systeme in die Abstellkammer zu verbannen, um sein Ebenbild zu töten, er möchte uns davon überzeugen, dass wir alle für eine Welt tätig sind, die von der Todesstrafe befreit ist, für eine Welt, in der das Leben siegt.

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[ Marco Impagliazzo ]