news

Frühling des Volkes auch in Weißrussland. Leitartikel von Andrea Riccardi

28 August 2020

Andrea Riccardi

Famiglia Cristiana

Teilen Auf

Das Moskau nahestehende Land ist jetzt auf der Suche nach Freiheit und auf dem Weg zu einer friedlichen Veränderung

Das Volk existiert. Es schien, als sei es zwischen Individualismus und sozialen Medien untergegangen. Doch es ist da. Nicht nur im Libanon, wo es wegen der Explosion in Beirut protestiert. 

Jetzt ist es unerwartet in Weißrussland erwacht, das im Herzen Europas zwischen der Union und Russland vergessen ist. Das Land hat weniger als zehn Millionen Einwohner, ist isoliert, Europa hat Sanktionen verhängt. Als einziges Land in Europa wendet es die Todesstrafe an. Seit 1994 regiert Alexander Lukaschenko, der jetzt erneut mit einer zu "großzügigen" Zustimmung von 80% wiedergewählt wurde. Das Volk hat reagiert: eine riesige Kundgebung, von Minsk am 16. August bis zu den Dörfern. 

Es ist eine Überraschung: das Land ist in einem repressiven System gefangen und die Repression war gewalttätig (die Wut ist gestiegsen). Doch die Gesellschaft hatte scheinbar resigniert vor einem System, das sozialen Schutz bot, von Moskau finanziert wurde, vor einer Staatswirtschaft (die Arbeiter waren die wichtigsten Unterstützer des Präsidenten, der gelobt wurde, weil er nichts an Oligarchen verkauft hatte wie in Russland) und einem Leben auf dem Land. 

Lukaschenko hat sofort ausländische und europäische Agitatoren angeklagt. Doch die Demonstrationszüge haben die Seele des Volkes offenbart: keine Slogans gegen Russland oder für Europa. 

Die Weißrussen stehen den Russen nahe, doch sie sind des Autoritarismus müde: das gefälschte Wahlergebnis hat die Würde und Intelligenz des Volkes beleidigt. Einige dem Präsidenten nahestehende Bereiche haben sich distanziert, während dieser in der Fabrik von den Arbeitern ausgepfiffen wurde. Einer seiner ehemaligen Unterstützer hat gesagt: "Zuerst die Freiheit! Wir haben als Sklaven gelebt, gut, doch unsere Kinder werden keine Sklaven mehr sein."

Man hat einen Vergleich mit der Ukraine und dem Maïdan-Aufstand gezogen. Doch die Ukrainer haben eine starke und teilweise antirussische Identität (trotz eines starken russischstämmigen Bevölkerungsanteils), während ihr nationales Bewusstsein in der Westukraine gereift ist, deren Konfession zudem griechisch-katholisch ist. Welche Reaktion wird Moskau auf den weißrussischen Aufstand zeigen? Wird es den Präsidenten unterstützen? Putin darf Weißrussland nicht verlieren, das letzte Land Europas, das mit Moskau verbündet ist, auch wenn Lukaschenko kein ergebener Verbündeter ist. Doch nun hat er Moskau um Hilfe zur Rettung seines Regimes gebeten.

Putin befindet sich in einem Dilemma: eingreifen oder verlieren. Schwierige Entscheidungen für ihn. Es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit, die eine Gesellschaft respektiert, die sich als reif erweist und eine Erneuerung anstrebt. Der friedliche Übergang, ohne den geopolitischen Kontext zu verändern. Wenige haben die Geschichte des kleinen, christlichen Armenien mitverfolgt, das durch russischen Einfluss vor Aserbaidschanern oder Türken geschützt wird. Dort hat die samtene Revolution die Regierung zu Fall gebracht, doch Moskau Garantien gegeben. In Weißrussland ist das komplexer, doch möglich. 

Das Volk in Weißrussland existiert und Lukaschenko hatte das nicht bemerkt trotz der vielen Jahre an der Macht. Es wird sehr schnell ein Urteil der "Schwäche" gefällt, was Volksaufstände betrifft, wie das in der Presse geschieht. Die Weißrussen sind ein starkes Volk, sie haben einen äußerst harten Tribut im Zweiten Weltkrieg bezahlt, die Nationalsozialisten haben ein Viertel der Bevölkerung getötet.

Der Übergang benötigt die Intelligenz der russischen Diplomatie, aber euch die Besonnenheit der Europäer, damit die Demokraten nicht mit Russlandgegnern gleichgesetzt werden. Der Anruf des Präsidenten des Europäischen Rates Charles Michel bei Putin ist ein gutes Zeichen. Merkel bewegt sich in dieselbe Richtung und weiß, dass es ein Fehler war, die Russen zu isolieren, wie es in Syrien geschah. Sie ist sich der Nutzlosigkeit von "kleinen kalten Kriegen" bewusst in einer Welt mit schon zu vielen Kriegen. Die weißrussische "Entspannung", die allen undenkbar schien, vor allem einem Volk in Geißelhaft, ist heute möglich.

Leitartikel von Andrea Riccardi in Famiglia Cristiana vom 30/8/2020