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Der blasphemische Mörder, die gerechten Gläubigen. Die demütige Friedenssaat. Beitrag von Andrea Riccardi

30 Oktober 2020

Andrea Riccardi
Frankreich

in Avvenire

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Der balsphemische Mörder, die gerechten Gläubigen. Die demütige Friedenssaat. Beitrag von Andrea Riccardi

Leitartikel

Die Tötung von drei Peronen in Notre Dame de l'Assomption in Nizza sind ein grausamer Wahnsinn, eine Niederträchtigkeit und Blasphenie. Wer in die Kirche geht, ist gütig, geht zum Herrn und sucht Schutz im Haus, das der Jungfrau geweiht ist.

So handelten zwei Frauen (eine über siebzig Jahre) und der Mann. Er war der Mesner der Basilika aus dem 19. Jahrhundert, die nach dem Vorbild von Notre Dame in Paris errichtet wurde. Der Mörder hat sie nicht als Menschen angesehen, sondern blind vor Hass hat er aus ihnen ein Symbol für Frevler gemacht, Feinde des Islams, weil sie Christen sind. Er rief "Gott ist groß", der Lobpreis, der zum Slogan von islamistischen Terroristen verkommen ist, zu einer mit Blut befleckten Blasphemie auch für Muslime. Hatte die Kirche ihm etwas getan? Nein, sicher nicht. Doch Christen sollten als Symbol für ein feindliches Europa getroffen werden. Er war doch erst vor kurzem nach Europa gekommen. Doch er hasste sie. Er hasst sich selbst und weiß nicht, wer er ist. Daher ist er in einer Wahnsinnstat zum "Kämpfer" gegen Wehrlose geworden in der Hoffnung, aus der Anonymität herauszukommen und einen Heldenheiligenschein und vielleicht das Martyrium zu erlangen.

Doch seine beiden Opfer sind Märtyrer. Gestern haben andere versucht, "Helden" zu werden, und wollten feige töten, doch sie wurden aufgehalten. Sie befinden sich im Krieg gegen Frankreich und Europa, die sie aufgenommen haben. Es ist nicht das erste Mal, dass Terroristen gegen die Kirche zuschlagen. 2016 haben sie am Altar in Rouen den 85jährigen Priester Jacques Hamel getötet, den sie mit einigen Gläubigen gekidnapt hatten. Ohne Mitgefühl.

Die drei Opfer von Nizza sind Kinder eines demütigen Volkes, das in Stille und mit innerer Kraft sein Vertrauen auf Gott setzt: es kommt zur Kirche und betet für sich und für alle. Es besucht nicht nur die Messe, sondern kommt in die Kirche für einen Augenblick der Stille in der Gegenewart eines Gottes des Friedens und der Liebe. Dort ist die Quelle des Glaubens, der die gütigen Besucher des Gotteshauses den ganzen Tag begleitet. Das Gebet einer Handvoll Gerechter stützt und rettet die Welt - so lehrt ein Heiliger aus dem Orient. Man muss nicht die Asketen stören. Die Gerechten sind die drei in der Kirche Getöteten, die durch ein Gebet dessen, der in die Kirche geht, die Welt stützen. Beim Brand von Notre Dame von Paris 2018 haben viele gezweifelt, ob das Feuer in der Kathedrale nicht vielleicht für eine Kirche steht, die dem Ende zugeht? Heute mag die Kirche von Problemen erschüttert sein, sie mag teilweise müde sein. Doch ein demütiges Volk vertraut in den Wechselfällen des Alltags auf den Herrn.

Die drei Opfer von Nizza sind keine Reste der Vergangenheit, sondern eine Zukunftsverheißung. Aus der Treue der Gerechten gegenüber dem Gebet und nicht so sehr aus Projekten entsteht die Kirche von morgen. Die Reaktion der französischen Kirche war leiderfüllt und gemäßigt. Lautes Schreien dient dazu, Fanatismus auszulösen.
Die Kirche kann in Demut Europa helfen, den Weg in einer durch die Pandemie und ein komplexes Zusammenleben von verschiedenen Menschen schwierigen Zeit zu finden. Nicht erst seit heute weisen der Papst und die Kirche darauf hin, dass man sich vor den Flüchtlingen nicht abschotten darf und legale Wege einrichten muss, die allein Sicherheit schenken können. Doch zu oft hat man die Tür verschlossen und die Illegalität sich ausbreiten lassen, man hat auf politische Weise sogar in sie "investiert", während viele im Mittelmeer gestorben sind. Dann gibt es anonyme Peripherien ohne Gemeinwesen, dort sind die Schule und die Lehrer die einzigen Erzieher (und zu welchem Preis!).

Es muss investiert werden, damit das menschliche Zusammenleben in den Peripherien aufgebaut wird, damit sie integrieren können. Nichts rechtfertigt die Gewalt, doch man muss gegen die schlechten Lehrer kämpfen, gegen alle, die Hass schüren, man muss für Jugendliche und Verzweifelte alternative Wege aufzeigen, die wie alle unter der Pandemie leiden, verschiedene Probleme haben, von Gewalt heimgesucht werden; sie müssen die Kühnheit des Evangeliums wiederfinden.

Nizza hat etwas für Frankreich zu sagen, aber auch für verschiedene europäische Länder. Es liegt am Mittelmeer, es ist von Widersprüchen dieses Meeres benetzt: schlimme politische Spannungen vor allem am Südufer, Migrationsbewegungen wie die Pieds noirs aus Algerien in der Vergangenheit bis hin zu den neuen Migratnen aus Nordafrika. Das vergossene Blut der drei Christen, die demütig und schutzlos waren, ist eine Saat des Friedens. Es lässt hoffen, dass das Gewissen für eine geschwisterliche Gesellschaft aufgerüttelt wird, während Frankreich den Lockdown beginnt. Es stärkt uns im Glauben, dass neue Beziehungen in diesem erschütterten Mittelmeerraum möglich sind.
[ Andrea Riccardi]