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Gibt es zwischen dem Westen und dem Islam wirklich einen Kulturkampf? Artikel von Mario Giro in Domani

5 November 2020

Islam

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 Domani

Die Feinde des Dialogs sagen immer dasselbe: dem anderen kann man nicht vertrauen. Um ihre Position zu stärken, verunglimpfen sie den Ruf des angeblichen Feindes

Nach den Attentaten von Paris, Nizza und Wien fragen wir uns: ist das Geschehen zwischen Westen und Islam zwar nicht ein echter Krieg, den wirklich wenige wünschen, aber doch vielleicht - wie mehrere Seiten behaupten - ein Kulturkampf? Wir kennen diese Art von Konflikten genau. Der Kampf um das Denken der anderen, die Seele einer Nation zu unterjochen oder zu terrorisieren, das ist uns nicht fremd, wie auch nicht die Manipulation von Kultur und Identität. Agit-prop, Kulturkampf, verkommene Kulturen: alle Regime Europas haben den psychologischen Krieg und den Propagandaeinsatz erlebt, durch die sich Nationalsozialisten, Faschisten und Sowjets als unbesiegbar darstellten. Auch heute wird in den Vereinigten Staaten von Kulturkampf im politischen Bereich einer immer mehr gespaltenen Nation gesprochen.

Auffassung von der Geschichte
In der Beschäftigung mit dem Islam ist eine bestimmte Interpretation der Geschichte belastend: seine zu schnellen Eroberungen, die Kreuzzüge, das Osmanenreich, der Kolonialismus. Scheinbar ist er ein ewiger Feind, der perfekte Feind. Eine verbreitete Auffassung verfestigt sich: nach über einem Jahrtausend von Auseinandersetzungen wird der sich im Verfall befindende Westen nachgiebig, er ergibt sich gegenüber einer kraftvollen und aggressiven religiösen Kultur. Daraus folgt, dass er sich zu sehr mit dem Islam arrangiert, und das wird als eine Art Selbstverleugnung angesehen. Manche behaupten, dass Europa zwischen Scham und Hass gegen sich selbst aufgrund seiner Vergangenheit zermürbt wird, das zeigt sich in der Cancel culture. Einige meinen, dass die Geschichte seiner Kolonialherrschaft und kulturellen Dominanz in der Welt neu betrachtet werden müsse, um sie in einer Mischung aufzulösen, in der alle und auch die unbedeutenderen Kulturen auf eine gleiche Ebene gestellt werden. Daher kommt es zu einer Blüte von subaltem studies (den Begriff verdanken wir Gramsci) an den angelsächsischen Universitäten, die im francophonen Bereich als postkolonial bezeichnet werden. Dabei soll auf historischer und kultureller Ebene eine Neubewertung durchgeführt werden, ein Bemühen die world history nicht auf den Westen konzentriert zu sehen, und das im Grunde genommen friedlich. Im Gegenzug wird das für die Europäer zu einem dauerhaften Verfallssyndrom, zu einer Art Verabschiedung aus der Geschichte oder zu einem Widerwillen gegenüber der eigenen Verantwortung. Der eigene Ehrgeiz zur Eroberung der Welt ist vergangen und stattdessen ist es zur einer auf sich selbst bezogenen Haltung gekommen. Diesen Impuls nutzt die kulturelle und politische Rechte aus.

Nizza und Wien
Alles nimmt jedoch andere Züge an, wenn es sich um radikalen Islamismus handelt, der dem Westen nicht das Recht auf einen stillen und bequemen Abschied zugesteht: er kommt bis zu unserer Haustür, bekehrt westliche Jugendliche, provoziert und tötet wie in Nizza, wie in Wien. Für diese Art des Islams werden "Kultur" und "Werte" zu tödlichen Waffen. Der Antrieb kommt von einer revanchistischen Idee von anti-westlicher Vergeltung. Der Kampf wird auch mental geführt und beginnt damit, den Gegner als moralisch unwürdig darzustellen: eine klassische politische Taktik. Maßt sich der Westen denn nicht, wie die Islamisten behaupten, das Recht an, die Zivilisierung gewaltsam durchzuführen? Brahim Aoussaoui, ein Tunesier und Kind einer Leere und einer Gesellschaft in der Krise, hat diese ahistorische Propaganda aufgesaugt. Kaum war er nach Europa gekommen, hat er es schon gehasst, er war hörig gegenüber lang gehegtem Groll. Da hat er in einer Kirche zugeschlagen, die in unserer säkularen Kultur kaum Bedeutung hat, doch für ihn für die "Kreuzzügler" steht. Brahim hasst eine Welt, die er nicht versteht. Es gibt eine andere Sache anzumerken: in Fratelli tutti von Papst Franziskus wird der Groß-Imam der Universität Al-Azhar, Ahmad al-Tayyeb, zitiert. Das ist ein historisches Ereignis: zum ersten Mal zitiert ein Papst einen Imam in einer Enzyklika.Man darf die Auswirkungen nicht unterschätzen, die das in der islamischen Welt hat, auch nicht den Rückschlag für die Extremisten. Dann hat es Abkommen zwischen arabischen Ländern und Israel gegeben. In einem Universum in der Krise, wie es die islamische Welt ist, haben solche Gesten eine starke Auswirkung und weisen einen Weg im Chaos.

Vertrauenssache
Die Feinde des Dialogs sagen immer dassselbe: man kann dem anderen nicht vertrauen. Um ihre Position zu belegen, verunglimpfen sie den Ruf eines Landes oder einer ganzen Religion. Sie nutzen Spekulation und dieselben Konzepte und beziehen sich auf einen erfunden Geschichtsmythos mit ewiggestrigem Blick. Das ist der Punkt: wem entspricht nämlich dieser angebliche Kulturkampf? Nichts in der Realität. Es handelt sich um Erfindungen, blasse Bilder einer angeblichen Vergangenheit, Gespenster, Hologramme einer Geschichte, die es nicht mehr gibt und die es vielleicht nie gegeben hat. Die wahre Geschichte ist zudem viel härter, kantiger, irdischer, konkreter. Der betrügerische heutige Kulturkampf wird auf Emotionen eines Augenblicks, auf Flüchtigkeit und Verschwommenheit reduziert. Um ihn zu schüren, werden Werte und Prinzipien vorgebracht, an die man nicht glaubt und die nicht umgesetzt werden, die teilweise falsch sind. Ein fester Punkt ist der Lebensschutz. Man darf niemals töten, und auch niemals eine Rechtfertigung erlauben, um das zu tun. Die Abschaffung der Todesstrafe in Europa birgt diese Botschaft in sich. Ein nicht rhetorischer, sondern pragmatischer Weg wäre der Einsatz, dass die arabischen und muslimischen Länder die Todesstrafe aus ihren Rechtsvorschriften streichen: das wäre eine machtvolle Botschaft und würde den Extremisten die Legitimation entziehen. Wir wissen genau, dass manche Leute einen permanenten Hass mobilisieren wollen, um immer neue Vorwände zu haben: gegen sie richtet sich unser gemeinsamer Kampf. Heute besteht die eigentliche Trennlinie zwischen denen, die polarisieren, und denen, die zusammenführen. Jedes abgespaltene humane, soziale oder ökonomische Umfeld produziert die Bedingungen für einen sozialen Groll und für Hass zwischen Gruppen, Völkern und Kulturen. Das Zusammenfügen ist die vernünftige Abhilfe. Angesichts der Produktion von kulturellem und religiösem Hass ist die katholische Kirche die wichtigste Religionsgemeinschaft, die die Initiative zum Dialog mit den anderen Religionen ergriffen hat.

Das Treffen von Sant'Egidio am vergangenen 20. Oktober auf dem Kapitol mit den Oberhäuptern der großen Weltreligionen und der Anwesenheit von Papst Franziskus verdeutlicht dies. Der Dialog bietet für den bestehenden religiösen Pluralismus einen Sinn. Durch den Dialog kann man offen bleiben, ohne nachgiebig zu sein oder sich zu verleugnen. Das ist die Antwort auf den, der meint, dass zumindest Kulturkampf legitim seien. Das sind sie niemals. In den demokratischen Gesellschaften befindet sich das Gleichgewicht zwischen sichtbaren Gemeinschaften und universaler Bürgerschaft im labilen Zustand und immer in einer Entwicklung. Als Europäer lehnen wir ethnisch-rassische Lehren ab, wir schätzen die offene Gesellschaft, wir verteidigen den Pluralismus, während wir zugleich mit unseren Wurzeln verbunden bleiben. Es handelt sich um ein Zusammenspiel, das fortlaufend zu verbessern ist, denn eine Zukunft gibt es weder autochton noch in globaler Entwurzelung. Was konkert getan werden kann ist die Anwendung eines alten und immer wieder neuen Grundsatzes, der im Schoß des Judentum gereift ist und im Christentum aufgegriffen wurde: der Grundsatz des Bündnisses. Im Bündnis ist und bleibt man verschieden, doch man ist auch in der Lage, zu einer selben Sache zu werden.
[ Mario Giro]