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"Vom Wort Gottes kommt eine Kraft der Einheit, die die Gläubigen zu einem Volk verbindet". Homilie von Erzbischof Vincenzo Paglia zum Sonntag des Wortes Gottes

23 Januar 2021

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3. Sonntag im Jahreskreis B

Jon 3,1-5.10; Antwortpsalm aus Ps 25; 1 Kor 7,29-31; Mk 1,14-20

Heute feiern wir das Fest des Wortes. Ein Fest, das unserer Gemeinschaft besonders am Herzen liegt und auch ihre Wurzeln berührt: Die Gemeinschaft wurde aus dem Wort Gottes geboren und wird jeden Tag von ihm getragen. Jeder von uns wurde in die Gemeinschaft aufgenommen, indem er das Buch der Bibel - seine eigene persönliche Bibel - erhielt, so dass sie gleichzeitig unsere persönliche und gemeinsame tägliche Nahrung sein würde.

Wahrlich ist es "unser tägliches Brot", wie wir im Vaterunser beten.
Und heute Abend, am Ende der Liturgie, werden wir Gott um den Segen bitten, indem wir die kleine Bibel in unseren erhobenen Händen halten, damit diese heiligen Seiten weiterhin Licht für unsere Schritte und Nahrung für unsere Gedanken sein mögen. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte dies erhofft: Die Bibel sollte in die Hände der Gläubigen zurückkehren, zu jedem einzelnen von ihnen und in ihrer eigenen Sprache. Und alle Männer und Frauen sollen es auch der Welt mitteilen. In der Kirche Sant'Egidio stehen sich die beiden Altäre - der Altar des Wortes Gottes mit den Bibeln in den verschiedenen Sprachen und der Altar der Armen mit den zahlreichen Kreuzen aus Orten voller Leid - gegenüber und lehren uns weiterhin die Treue zu diesen untrennbaren Seiten des Gottesdienstes, zu diesen beiden unverzichtbaren Seiten unserer Liebe: die Liebe zur Bibel und die Liebe zu den Armen. Und es ist kein Zufall, dass Papst Franziskus neben dem Fest des Wortes Gottes auch das Fest der Armen eingeführt hat, das am Ende des Kirchenjahres am Sonntag vor dem Christkönigsfest gefeiert wird.
Dieses Fest des Wortes wird zu Beginn der Zeit im Jahreskreis gefeiert, wenn die Liturgie den Beginn des öffentlichen Lebens Jesu mit seiner Verkündigung vorstellt. Das Zusammentreffen mit der Gebetswoche für die Einheit der Christen lässt Papst Franziskus den Vorrang des Wortes Gottes im christlichen Leben betonen. In seinem apostolischen Schreiben Aperuit illis schreibt er: "Die Heilige Schrift zeigt denen, die auf sie hören, den Weg, den sie gehen müssen, um zu einer echten und soliden Einheit zu gelangen". Vom Wort Gottes geht eine Kraft der Einheit aus, die die Gläubigen zu einem Volk vereint. In diesen Tagen stillen Christen unterschiedlicher Traditionen ihren Durst an der einen Quelle des Wortes Gottes, dem Alphabet der christlichen Geschwisterlichkeit und dem Prinzip der Einheit aller. Wir erinnern uns gut an die Worte des heiligen Patriarchen Athenagoras: "Schwesterkirchen, Brudervölker".
Das Evangelium, das uns verkündet wurde, führt uns - so könnte man sagen - an den Ursprung dieses Festes des Wortes: als Jesus begann, es zu verkünden. Es war eine schwierige Zeit, da Herodes den Täufer inhaftiert hatte. Die Stimme, die in der Wüste gerufen hatte, war nicht mehr zu höern: Das Wort Gottes war wie angekettet. Die Wüste war wieder eine Wüste geworden, sogar eine Wüste ohne Hoffnung. Jesus hat sich nicht mit der Wüste abgefunden: Er verließ Nazareth und begann, das Evangelium von Galiläa aus zu verkünden, einer Region in äußerster Randlage, unter den ärmsten, ausgeschlossenen und sogar verachteten Menschen. Und er beginnt mit denselben Worten des Täufers, die an die lange prophetische Tradition anknüpfen: "Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe". Bekehrung beginnt, wenn das Wort Gottes das Herz erreicht und es verändert. Und sie treibt diejenigen, die sie empfangen haben, dazu an, ein neues Leben zu beginnen.
Liebe Schwestern und Brüder, von jenem Tag im "Galiläa der Heiden" bis heute hat das Wort Gottes die Frohe Botschaft vom Reich Gottes weitergegeben und Männer und Frauen jeden Alters und jeder Kultur um sich versammelt. Und sie hat aus allen ein neues Volk gemacht. An jenem fernen Tag am Ufer des Sees Genezareth nahmen zwei Brüderpaare, Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes, die Einladung an. Und das Wort Gottes - so könnte man sagen - trug sofort seine ersten Früchte: Sie - so schreibt der Evangelist - "verließen sofort ihre Netze, ihr Boot und ihren Vater und folgten ihm nach".
Diese alte Begegnung zeigt die tiefe Bedeutung des Festes des Wortes. Der Herr spricht auch in diesen schwierigen Zeiten zu uns: Er lädt uns ein, ihm mit einer neuen Dringlichkeit, mit einer kühneren Großzügigkeit zu folgen. Es ist notwendig, dass das Wort Gottes die Straßen der Herzen der Männer und Frauen unserer Zeit bereist. In diesen schwierigen Zeiten warten viele auf ein Wort der Hoffnung und des Trostes. Ja, diese uralte Aufforderung: "Ich werde euch zu Menschenfischern machen" erklingt auch heute, an uns gerichtet in dieser heiligen Liturgie, an alle, die mit uns verbunden sind. Lassen wir alle Taubheit und Faulheit hinter uns. Verlassen wir, wie die vier, sofort unsere kleinen Netze, unsere kleinen Gedanken, und lassen wir uns von dem großen Traum Jesu einfangen, der uns aufs Meer hinausführt, um unsere Netze im weiten Meer der Welt auszuwerfen. Der Sturm ist besonders gefährlich. Aber wie bei anderen Gelegenheiten wird der Herr uns die Freude über einen erneuten wunderbaren Fang empfinden lassen.