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"Den Schrei der Leidenden und Ertrinkenden aufnehmen". Homilie von Don Marco Gnavi beim Gebet für die beim Schiffbruch vor Libyen ertrunkenen Migranten

26 April 2021 - ROM, ITALIEN

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Psalm 69, 2-4.15-16.21-22.33-34
Meditation von Msgr. Marco Gnavi

Liebe Schwestern und Brüder,

sind wir wieder einmal vor dem Kreuz von Lampedusa versammelt, dessen Arme aus den Überresten der im Mittelmeer gesunkenen Boote bestehen. Heute erinnert dieses Kreuz an den verzweifelten Schrei und die Angst der 130 Flüchtlinge, die in der Nacht vom vergangenen Donnerstag auf Freitag vor der Küste Libyens ertrunken sind. Frauen, Männer, Kinder, die vom Meer verschluckt wurden, nachdem sie siebenundzwanzig Stunden lang vergeblich auf Rettung gewartet hatten, von dem Moment an, als sie den Hilferuf starteten. Ihr Hilferuf und ihre zum Himmel erhobenen Arme reichten nicht aus, um die europäischen, italienischen, libyschen und maltesischen Behörden in ihrer Gleichgültigkeit und uns alle zu erschüttern. Wenn wir das Kreuz betrachten, scheinen wir ihre Gesichter zu sehen, die Tränen, wir scheinen die Angst und die schreckliche Einsamkeit wahrzunehmen, wie sie in Psalm 69 ausgedrückt wird. Ein Mann wendet sich an Gott, weil um ihn herum eine Verschwörung von Schweigen und Gleichgültigkeit herrscht. Er hat niemanden sonst; das gesteht er sogar: „Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen“ (V. 21b).

Kann ganz Europa, können wir unsere Augen abwenden? Die Gewöhnung an den Schmerz anderer ist gefährlich. Und wir haben kürzlich an das Leiden und Sterben des Herrn erinnert und Ostern gefeiert. Genau auf dem höchsten Punkt der Liebe des Herrn Jesus, verhöhnt in der Angst der Verlassenheit, sagten sie ihm: „Rette dich, steig herab vom Kreuz".

Keiner kann allein vom Kreuz herabsteigen. Keiner rettet sich allein. Wir müssen den Schrei der Leidenden und Ertrinkenden aufgreifen. Und das Gebet zu Gott in Psalm 69 erinnert uns daran, dass wir eine Familie in der Menschheit sind.

„Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis an die Kehle! Ich bin versunken im Schlamm des Abgrunds und habe keinen Halt mehr. In Wassertiefen bin ich geraten, die Flut reißt mich fort. Ich bin erschöpft von meinem Rufen, es brennt meine Kehle. Mir versagen die Augen, während ich warte auf meinen Gott“ (V. 2-4).

„Entreiß mich dem Sumpf, damit ich nicht versinke, damit ich meinen Hassern entkomme, den tiefen des Wassers, damit die Wasserflut mich nicht fortreißt, mich nicht verschlingt der Abgrund, der Brunnenschacht nicht über mir seinen Rachen schließt!“ (vv.15-16).

Manchmal gibt die Bibel dem gemeinsamen Schmerzensschrei von Männern und Frauen eine Stimme, leidenschaftlich und eindringlich. Der Tod dieser unserer Brüder und Schwestern ist ein schmerzlicher Aufruf, uns erschüttern zu lassen. Papst Franziskus hat sich an diesem Sonntag nach dem Angelus so ausgedrückt: „Einhundertdreißig Migranten sind im Meer gestorben. Es sind Menschen, es sind Menschenleben, die zwei Tage lang vergeblich um Hilfe gebettelt haben, diese Hilfe ist nicht gekommen. Brüder und Schwestern, wir alle sollten uns über diese x-te Tragödie Gedanken machen. Es ist eine Zeit der Schande. Beten wir für diese Brüder und Schwestern und für so viele, die weiterhin auf diesen dramatischen Reisen sterben. Lasst uns auch für diejenigen beten, die helfen könnten, aber lieber wegschauen."

Dies ist der tiefste Grund für unsere Anrufung. In der Tat spüren wir eine persönliche und kollektive Verantwortung, nicht wegzuschauen und aktiv und entschlossen zu reagieren, denn die Retter dürfen die Wüste des Meeres nicht verlassen: man möge zurückkehren, um zu helfen und zu retten; indem wir das Leben anderer retten, bewahren wir auch unsere menschliche Natur davor, barbarisch zu werden. In der Gleichgültigkeit wiederholen wir leise: Rette dich selbst! Wir dürfen dem Zynismus der Menschenhändler nicht mit dem Zynismus der Gleichgültigkeit und der unterlassenen Hilfeleistung begegnen. Wir müssen die legalen Einwanderungswege und humanitären Korridore stärken. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass Häfen, die inzwischen allgemein als unsicher anerkannt werden, als Orte der Inhaftierung und Folter als unvermeidliches Schicksal angesehen werden. Wir alle können mehr tun, die Institutionen und wir alle! Schlafen wir vor allem nicht angesichts einer Welt, in der viele mit dem Tod kämpfen.

Der Auferstandene will die ganze Welt mit Hoffnung anstecken. Und er vertraut diesen Auftrag seinen Jüngern an. So können wir mit unseren Entscheidungen, mit unserer Zusammenarbeit in der Liebe, die Worte des Psalms bestätigen: „Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf! Denn der Herr hört auf die Armen, seine Gefangenen verachtet er nicht" (V. 33-34). Don Pino Puglisi sagte: „Wenn jeder etwas tut, kann viel erreicht werden".

Möge die Hoffnung zu einer täglichen Verpflichtung werden, die die Belanglosigkeit überwindet, und möge die Kirche die Barmherzigkeit Gottes deutlich zum Ausdruck bringen. Die Gastfreundschaft kann der Kultur neue Worte schenken und Energien des Guten erzeugen. Möge der Schrei der Migranten uns nicht furchtsam oder lau antreffen, damit wir vom Kreuz aus die Auferstehung erblicken können. Amen