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Der Dschihad und "die Frage der Jugendlichen": neue Plagen in Afrika. Leitartikel von Andrea Riccardi im Corriere della Sera

11 Mai 2021

AfrikaAndrea Riccardi

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Corriere della sera

Die traditionelle Stabilität ist in verschiedenen Regionen verschwunden, es fehlt eine Sozialpolitik der Staaten, sodass die lokale Bevölkerung nicht von der neuen Wirtschaftsentwicklung profitiert


Mittlerweile ist der Dschihad in Afrika fast noch mehr als im Nahen Osten im Leben vieler Regionen eine Realität
. Es ist ein Problem, das sich nicht auf die Radikalisierung des Islams beschränkt: Es ist ein tiefere und umfassenderer Vorgang, nicht nur in Bezug auf die Religion. Seit 2017-18 sind in Mosambik, wo der Islam in der Minderheit ist (etwa 20 % der Bevölkerung), eine islamistische Guerilla im Norden in der Provinz Cabo Delgado aktiv, einer der ärmsten des Landes. Extremistische Prediger von außen haben eine Rolle gespielt, aber auch junge mosambikanische Muslime, die von der Regierung zum Studium nach Saudi-Arabien geschickt wurden, um den traditionellen Islam zu untergraben. Aber das allein erklärt nicht den militärischen und sozialen Schock, der 700.000 Flüchtlinge aus der Region verursacht hat. Das arme Sozialgefüge von Cabo Delgado wurde durch den Einfluss großer multinationaler Konzerne nach der Entdeckung des größten Erdgasfeldes der Welt, der Ausbeutung von Rubinen (von denen Mosambik der weltweit führende Produzent ist) und der chinesischen Nachfrage nach Holz zerstört.

Die traditionelle soziale Stabilität gibt es nicht mehr. Einige Dörfer wurden aufgegeben. Grundstücke wurden enteignet. Es gab keine Sozialpolitik des Staates, während die lokale Bevölkerung nicht von der neuen wirtschaftlichen Aktivität profitiert. Die islamistische Bewegung zeigt auch eine Reaktion auf die Umwälzungen, die durch die Politik, die Präsenz von Ölfirmen, den Holz- und Rubinhandel ausgelöst wurden. Ein soziales Umfeld ist zusammengebrochen: In einer Region mit einer jungen Bevölkerung findet die Unzufriedenheit im Dschihad eine Lesart der Welt, die Feinde identifiziert und den Kämpfern eine Rolle verleiht. Ganz anders als der Marxismus wird der Islamismus jedoch zu einer Grammatik der Revolte mit einer ähnlichen ideologischen und motivierenden Funktion. Einige Zeugen vor Ort haben unter den Kämpfern auch Angehörigie christlicher Kirchen bemerkt. Wenn sich diese Tatsache bestätigt, zeigt sie, dass es sich auch um ein Generationenproblem handelt: eine "Revolte der Jugendlichen". Diese Revolten werden dann zu sektiererischen und militärischen Prozessen, aus denen die Kämpfenden nicht leicht einen Ausweg finden.

Zu erklären wäre auch die schwache Reaktion der mosambikanischen Regierung, die inzwischen die Kontrolle über einen Teil der Provinz verloren hat, während sich die Provinzhauptstadt Pemba durch islamistische Infiltration bedroht fühlt. Das Schauspiel der Unfähigkeit verschiedener afrikanischer Staaten, radikale Phänomene zu bekämpfen und ihre Wurzeln zu erfassen, wiederholt sich. Der mosambikanische Fall (mit Risiken für das benachbarte Malawi) ist der jüngste in einer Reihe von dschihadistischen Aufbrüchen in Afrika: von Boko Haram in Nigeria, Kamerun und Niger, einer fast militarisierten Sekte, die - wie Mario Giro beobachtet - die Jugend umgarnt und die Traditionen zerstört, bis hin zum Schwarm bewaffneter radikaler Gruppen in der Sahelzone, so sehr, dass von einem Sahel-Afghanistan die Rede ist. Nicht nur Frankreich, sondern auch einige andere europäische Länder, wie z.B. Italien, haben endlich erkannt, dass die Sicherheit des alten Kontinents vom Herzen der großen Wüste berührt wird, einer Region der Instabilität und einem Durchzugsgebiet von Migranten.

Dazu kommt das ungelöste Somalia mit der Anwesenheit der Shabaab, die für Aktionen in Kenia verantwortlich ist.
Ostafrika ist von Somalia bis Nordmosambik ein Raum islamistischer Expansion. Auch in anderen afrikanischen Staaten sprießen unerwartet islamistische Gruppen aus dem Boden: eine wachsende Realität.

Es gibt eine Vielzahl von lokalen Geschichten, während die Zugehörigkeit der Gruppen zu internationalen Terroristen-Gruppierungen variiert: Al-Qaida, Islamischer Staat und andere. Es entspricht der Wirklichkeit, dass in einigen afrikanischen Regionen für einen Bereich der Jugendlichen ohne Arbeit und auf der Suche nach Würde der Dschihad neben der Auswanderung eine Alternative darstellt, wenn es auch noch eine Minderheit ist. Das ist nicht nur ein militärisches Problem, sondern ein Generationenproblem, dem die Staaten nicht durch eine Verbesserung von Bildung, Arbeitsmöglichkeiten und einer Sozialpolitik begegnen. Die Privatisierung des Bildungssystems in Afrika ist ein erschwerender Faktor, der bei jungen Menschen Ressentiments hervorruft. Die Krise des afrikanischen Staates ermutigt die Suche nach neuen Schlüsseln zur Deutung der globalen Welt: Der radikale Islam bietet einen vereinfachten und attraktiven Interpretationsschlüssel an. Eine entscheidende Frage stellt der Politikwissenschaftler Parag Khanna: "Was tun mit den 60% der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents, die unter 24 Jahre alt sind?" Das ist die zentrale Frage für den Kontinent, wobei Europa weiß, dass es in der Nähe liegt und involviert ist.

Die Sperrung der Migrationsströme löst das Problem nicht, und vielleicht wird mit der Zeit eine menschliche Flut alle Hindernisse hinwegfegen.
Es gibt für die Zukunft und im Zentrum der internationalen Politik ein großes afrikanischen Problem. Es kann nur durch eine Zusammenarbeit zwischen nicht-afrikanischen und afrikanischen Staaten angegangen werden. Letztere müssen sich umstrukturieren und die Gleichgültigkeit gegenüber der Sozial- und Arbeitspolitik überwinden, die viele kennzeichnet. Aber auch die Religionen, angefangen vom afrikanischen Islam bis hin zu den Kirchen, können sich der Beschäftigung mit diesem Problem, das weitgehend eine "Frage der Jugend" ist, nicht entziehen. Nur eine Koalition neuer Energien wird in der Lage sein, in einer bereits degradierten Lage, hinter der sich auch die ökologische Krise des Kontinents verbirgt, dramatische Entwicklungen zu vermeiden.

Andrea Riccardi