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Mosambik - der Sinn der Anwesenheit. Leitartikel von Andrea Riccardi im Corriere della Sera

28 Juni 2021

MosambikAndrea Riccardi

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Mosambik - der Sinn der Anwesenheit

Militärische Missionen, Anti-Daesh-Gipfel

Der endgültige Abzug des italienischen Militärs aus Afghanistan, mit bis zu 53 gefallenen Landsleuten, ist bitter. Da ist die Traurigkeit darüber, dass das Land (nach zwanzig Jahren westlicher Präsenz) in die Hände der Taliban gefallen ist, die insbesondere für Frauen bürgerrechtliche Fortschritte verweigern. Paolo Mieli hat auf diesen Seiten gut daran getan, die Frage nach den Afghanen aufzuwerfen, die für eine bessere Zukunft mitgearbeitet haben. Besonders über fünfzig, Dolmetscher und Mitarbeiter der Italiener (400 Personen mit ihren Familien), denen gegenüber wir eine große Verantwortung haben.
Die Dante Alighieri Gesellschaft hat als Zeichen der Solidarität beschlossen, einen dieser Dolmetscher einzustellen. Die Bitterkeit des Rückzugs lässt uns über die italienischen Militäreinsätze nachdenken, auf die wir im Großen und Ganzen stolz sind. Einige sind motiviert, "weil unsere Alliierten es verlangen". Für den Bündnispartner Italien macht das Sinn, aber es kann nicht der einzige Grund sein. Es entbindet uns nicht von der Verantwortung einer Vision und von Prioritäten beim Engagement im Ausland.
Das ist ein Thema, über das beim Gipfel der Anti-Daesh-Koalition nachgedacht werden sollte, der heute in Rom unter dem Vorsitz von Minister Di Maio und US-Außenminister Blinken stattfindet. Vierzig Außenminister werden über die Bekämpfung der globalen Dimensionen des Terrorismus diskutieren und einen besonderen Blick auf Afrika richten. Das Treffen in Rom würdigt das Engagement Italiens. Ich erinnere mich nur an den Einsatz im Libanon (seit 2006 auf Initiative von Prodi). Die schwierige Situation im Libanon - 1.500.000 syrische Flüchtlinge bei sechs Millionen Einwohnern - verpflichtet auch Italien zu politischem Handeln: Das Land bleibt eine Ort der Freiheit in der Nachbarschaff des kriegsführenden Syriens, wo das gewalttätige Al-Assad-Regime regiert.
Schon länger bin ich ebenso davon überzeugt, dass die Grenze der Sicherheit Italiens und Europas in den Sahel-Ländern verläuft, die zu sehr vernachlässigt wird, wie das fragile Burkina Faso (bis gestern gab es dort nicht einmal eine italienische Botschaft). Die Sahelzone mit ihren porösen Grenzen ist ein Kreuzungspunkt für Terrorismus, Instabilität und kriminellen Menschenhandel, die auf die Instabilität Libyens ausstrahlen. Auch in dieser Region ist eine strategische Vision erforderlich, anstatt die zweite Geige gegenüber Frankreich zu spielen, wie es Italien seit 2012 versucht.
Heute kommt der Tapetenwechsel durch den Rückzug Frankreichs aus Mali, wo es ein historisches militärisches Engagement durchgeführt hat. Für Präsident Macron ist es "ein endloser Job", ohne die Zusammenarbeit mit der malischen Regierung. Es verbleiben 300 italienische Soldaten, zusammen mit Franzosen und anderen als Spezialkräfte, die für die Ausbildung und Kampfeinsätze in einem Gebiet bestimmt sind, das Italien kaum kennt und mit dem wir nie eine gemeinsame Geschichte hatten.
Ein kohärenter Diskurs unseres Landes im Kampf gegen den Terrorismus kommt an Mosambik nicht vorbei, wo es seit 1975, dem Jahr der Unabhängigkeit, eine konstante und kohärente Präsenz Italiens gibt. Der Frieden zwischen der Regierung und der Guerilla nach einem Konflikt, der eine Million Tote forderte, trägt die Handschrift Italiens: Er wurde 1992 in Rom ausgehandelt und geschlossen (und ich habe ihn aus erster Hand miterlebt).
Von 1992 bis 1994 begleiteten mehr als tausend italienische Soldaten die Wiedergeburt des Landes, in dem bis gestern Frieden herrschte. Seit 2018 jedoch kämpft Ansar al-Sunna (mit mutmaßlichen Kontakten zu Daesh und unklarer ausländischer Unterstützung) im Norden Mosambiks, der reich an Rohstoffen ist. In letzter Zeit hat sie größere Aktionen durchgeführt und kontrolliert einen Teil des Territoriums. Die mosambikanische Antwort ist, trotz der Hilfe von russischen und südafrikanischen Söldnern, ineffektiv.
Fast 800.000 Flüchtlinge aus dem Norden leben unter dramatischen Bedingungen über ganz Mosambik verstreut. Sie erzählen unvorstellbare Geschichten von terroristischer Gewalt. Sie spüren die Zerbrechlichkeit des übrigen Landes. Der islamische Terrorismus hat soziale und geopolitische Wurzeln. Das Interesse, die Ausbeutung des Gebietes durch die multinationalen Konzerne zu blockieren, ist klar. Unter anderem hat diese Ausbeutung in wenigen Jahren das soziale Gefüge eines armen und marginalisierten Volkes durcheinander gebracht. Beeindruckt war ich von einem später freigelassenen Entführten, der berichtete, unter den Terroristen einige junge Leute gesehen zu haben, die sich bereits im christlichen Milieu aufhielten. Wird der Dschihadismus nicht zu einer Ideologie der Revolte in marginalisierten Gebieten (in Anwesenheit von großem Reichtum), die im Rahmen eines größeren geopolitischen Konflikts eingesetzt wird? Italien muss die Frage einer politischen und auch militärischen Präsenz in Mosambik neu aufwerfen.

Der europäische Rahmen ist wichtig, aber es gibt auch eine bilaterale Verantwortung. In Mosambik ist Italien der Name des Friedens. Könnte Portugal, mit seiner noch warmen Kolonialgeschichte, der Anführer einer europäischen Intervention sein? Aber es gibt ein Gesamtproblem (militärisch, politisch, sozial), bei dem Italien etwas zu tun und zu sagen hat. Nicht in Mosambik anwesend zu sein, wenn man in anderen Gebieten der Welt präsent ist, wäre eine unverantwortliche Inkonsequenz, wenn wir glauben, dass Geschichte Gewicht und Bedeutung hat.

(eigene Übersetzung)

Artikel im Corriere della Sera, 28/7/2021 (IT)

[Andrea Riccardi]