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Alarm Migranten. Europa bleibt gleichgültig. Artikel von Marco Impagliazzo in La Nuova Sardegna

24 November 2021

Humanitäre Korridore
Marco Impagliazzo

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Ein einjähriges syrisches Kind erfriert an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen. Eine Tragödie. Ein weiteres Opfer neben tausenden Tragödien von Migrantenn jedes Jahr vor den Toren Europas.

Die europäische Einheit sollte ein Vorbild für alle sein: verschiedene Länder, die sich zusammentun und Feindseligkeiten beenden, die sie so viele Jahrhunderte lang voneinander getrennt hatten. Nun aber ist diese Einheit zu einem Vorwand geworden, um sich gegen eine Welt abzuschotten, die nur als Bedrohung wahrgenommen wird. Der europäische Wohlstand zieht immer noch viele an, aber die Grenzen sind blockiert.
Wir leben in einer paradoxen Situation: Europas Bevölkerung altert, es gibt eine gewaltige demografische Krise, es herrscht ein Mangel an Arbeitskräften, aber die Angst ist stärker als der Vorteil. Die Europäer wollen nichts von der Integration ausländischer Bürger in ihre Gesellschaft wissen (von denen die große Mehrheit jung und sehr jung ist), die auf der Suche nach einem besseren Leben sind, obwohl dies so nützlich wäre. Wir waren betroffen, als das Drama im vergangenen August vor der Mauer am Flughafen Kabul stattfand, doch schon heute wird die Einreise von Afghanen aus Pakistan oder dem Iran als Gefahr empfunden. Theoretisch durch internationale Regeln verboten, ist die Zurückweisung an der Grenze zur Regel geworden, wie man zwischen Weißrussland und Polen sehen kann. Angesichts dieser Realitäten kann man sagen, dass wir damit nicht fertig werden, dass es zu viel ist. Man kann den Vorwurf der politischen Manipulation von Migranten erheben. Aber an den Toren Europas klopft eine Forderung nach Leben und Zukunft an, die sich an alle Europäer richtet, während diese resigniert und ohnmächtig bleiben, hin- und hergerissen zwischen Menschlichkeit und Selbstgenügsamkeit. Um Papst Franziskus zu zitieren: Es sind verworfene Leben, die darum bitten, aufgenommen zu werden, damit ihnen nicht auch noch die Hoffnung geraubt wird: "Mit den Flüchtlingen bietet uns die Vorsehung die Gelegenheit, eine solidarischere, geschwisterlichere Gesellschaft und eine offenere christliche Gemeinschaft nach dem Evangelium aufzubauen". Das ist wahr. Auch für uns gibt es eine Chance. Es geht um den Wunsch, nicht von der europäischen Zivilisation, vom Gebot der Demokratie und der Rechte abzuweichen. Die Gemeinschaft Sant'Egidio, die italienische Caritas, die evangelischen Kirchen und andere Verbände haben in Absprache mit dem Innen- und Außenministerium humanitäre Korridore eingerichtet. Dies ist derzeit das einzige verfügbare Tor zur legalen Einreise nach Europa. Das Ad-hoc-Protokoll für einen speziellen humanitären Korridor für 1.200 Afghanen ist kürzlich hinzugekommen zu den Korridoren aus Lagern im Libanon für Flüchtlinge aus Syrien und dem Nahen Osten, aus Lagern in Äthiopien für Flüchtlinge vom Horn Afrikas, wo derzeit Krieg herrscht, und aus anderen Teilen Afrikas südlich der Sahara und schließlich aus Lagern in Libyen für die in berüchtigten Internierungslagern gefangenen Menschen.

Die Korridore sollen die Ausbeutung von Männern, Frauen und Kindern durch skrupellose Menschenhändler verhindern. Das Ziel der Projektträger ist die Schaffung europäischer Korridore. Die Zivilgesellschaft spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die nationalen oder europäischen Institutionen dazu zu bewegen, blockierte Rechtsvorschriften zugunsten von Migranten aufzuheben. Eine neue Bewegung ist entstanden. So wie die Jugendlichen von Fridays for Future für einen ökologischen Wandel kämpfen, so haben sich viele italienische und europäische Bürger nicht damit abgefunden, Frauen, Männer und Kinder im Mittelmeer, in der Ägäis oder in den Wäldern von Weißrussland oder Bosnien sterben zu sehen. Es ist eine weitere Art der Bevölkerung, Empörung und Protest auf der Grundlage der Werte, mit denen wir den Kontinent aufgebaut haben, zum Ausdruck zu bringen.

Die Angst ist ein schlechter Ratgeber: Die Bedrohung kommt nicht von außen, sondern aus dem Inneren eines Europas, das durch den Verzicht auf seine Werte seine humanistischen und demokratischen Wurzeln zerstört. Die Ablehnung von Solidarität vergiftet alle. Einige Länder der Union beginnen, die Freiheiten und die Zuständigkeiten der Justiz einzuschränken, andere beugen sich den populistischen oder sich abschottenden Winden. Der Krieg selbst ist nach Jahren des Friedens nach Europa zurückgekehrt, wie wir es in der Ukraine erleben. Aber wenn wir die humanistische Seele unseres Kontinents töten, wird es nicht die äußere Bedrohung sein, die uns überrascht, denn das Ende wird von innen kommen.

Foto: Vaticannews


[ Marco Impagliazzo
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