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Wie die Armen hat Jesus Ausgrenzung erfahren, doch durch Menschlichkeit und Mitleid überwindet er alle Verbitterung. Homilie von Don Vittorio Ianari beim Gedenken an Modesta Valenti

31 Januar 2022 - ROM, ITALIEN

ObdachlosModesta Valenti

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Jer 1,4-5.17-19; Ps 71; 1 Kor 12,31-13,13; Lk 4,21-30

Homilie von Don Vittorio Ianari

Liebe Schwestern und Brüder,
die Synagoge, in der Jesus sprach, befindet sich in der Stadt Nazareth, wo er aufgewachsen war. Jesus geht nach Nazareth, er geht zu den Seinen, zu denen, von denen er sich eine gute Aufnahme erhofft. Aber dann wird er nicht gut aufgenommen. Das Evangelium berichtet sogar von der Ablehnung seines Wortes, von Ausgrenzung, von einer Geste der Vertreibung, sie zerren ihn aus der Stadt und wenden schließlich sogar Gewalt an, sie wollen ihn beseitigen.
Und dieser Abschnitt des Evangeliums endet auf eine etwas rätselhafte Weise: Jesus geht mitten unter ihnen hindurch und setzt seinen Weg fort, er geht weg. Wohin geht Jesus? Er ist aus seiner Heimat Nazareth verstoßen und lebt nun auch auf der Straße. Über sich selbst sagt er zu einem Mann, der ihn bittet: Ich will dir aber folgen! Da antwortet Jesus: "Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann."
Jesus wird von den Seinen abgelehnt, aber er ist uns nahe. Und noch mehr, er ist unser Freund, denn er hat erlebt, was unsere liebe Schwester Modesta und viele, viele andere wie sie erlebt haben: Ausgrenzung, Ablehnung, Verachtung, Vertreibung.
Aber ihr seht, liebe Freunde, der Herr Jesus ist uns auch aus einem anderen Grund nahe, der ebenfalls sehr wichtig ist. Er litt zwar unter bitterer Ausgrenzung in Nazareth und auch bei so vielen anderen Gelegenheiten, von denen das Evangelium berichtet, aber er kämpft immer dafür, dass diese Ausgrenzung, diese Bitterkeit, nicht das letzte Wort haben. Wie kämpft der Herr? Er, der ausgegrenzt wird, grenzt selbst nicht aus. Er wird abgelehnt, weist andere aber nicht ab. Er wird vertrieben, schickt aber niemanden fort.
Das Bild, das wir in Händen halten und das diese Liturgie leitet, ist die Ikone vom Gleichnis des barmherzigen Samariters. Jesus selbst ist dieser barmherzige Samariter, der im Gegensatz zu dem, was er und so viele unserer Brüder und Schwestern und viele von uns hier Anwesenden an Ausgrenzung und Verachtung erleidet, wie der barmherzige Samariter handelt und stattdessen stehenbleibt, sich niederbeugt und um den Verletzten kümmert.
Und so wird sein Leben, sein Einsatz auch für uns zu einem Vorschlag, den wir als wahr und vorbildlich und sehr schön empfinden, gerade während wir diese Liturgie im Gedenken an Modesta und an so viele unserer Brüder und Schwestern feiern, die wir im Laufe der Jahre kennengelernt, begleitet und mit ihnen gelebt haben. Und der Herr schlägt vor, dass auch wir seinen Einsatz fortsetzen, ohne uns von Bitterkeit oder Rachegelüsten überwältigen zu lassen.
Das ist es, was wir in dem Bild sehen, und auf der Rückseite ist das Gebet geschrieben, das wir gemeinsam an den Herrn richten wollen. Der verletzte Mann wird am Straßenrand verlassen, Jesus bleibet stehen, beugt sich nieder und kümmert sich. So siegen Menschlichkeit und Mitgefühl über die Bitterkeit der Ausgrenzung.
Manch einer mag sagen: Aber diese so schöne Geste ist so selten, vielleicht gerade in unserer Zeit. Das ist so selten. Die Welt, wie die Menschen in Nazareth an jenem Tag, lehnt ab, schließt aus und geht sogar so weit, Gewalt anzuwenden. Ja, das stimmt, genau deshalb sind wir versammelt, um dem Herrn zu sagen, dass wir kämpfen und ihn um die Kraft bitten wollen. Wir wollen ihm sagen, dass wir davon überzeugt sind, dass der Ausschluss nicht das letzte Wort sein darf und dass wir bei ihm sind und dass wir seine Freunde sind, um unser eigenes konkretes Zeugnis für diese schöne Wirklichkeit des Mitleids abzulegen.
Auch weil das, was am Ende übrig bleibt, sicherlich keine Ausgrenzung ist, die abweisend ist. Wenn überhaupt, dann ist es das genaue Gegenteil, die Gesten, die Gedanken, die Momente der Gastfreundschaft, der Freundschaft, des treuen Gedenkens.
Die Einwohner von Nazareth stoßen Jesus aus, weil sie an ihren Überzeugungen festhalten. Aber was bleibt in Nazareth, nachdem Jesus, der durch ihre Mitte gegangen ist und seine Reise fortgesetzt hat? Was ist von Nazareth geblieben? Nichts. Es wird in den Evangelien nicht mehr erwähnt, nichts bleibt übrig.
Aber das Gleiche können wir auch für Modesta sagen. Was ist von all dem geblieben, was sie in jener Nacht am Bahnhof Termini zurückgewiesen hat? Nichts. Aber wir bleiben, wir sind hier. Wir sind hier, um uns an sie und viele unserer Freunde zu erinnern, wir bleiben da. Und was sie ausgegrenzt hat, gerät in Vergessenheit. Wir bleiben Zeugen dieses möglichen Sieges der Freundschaft, der geschwisterlichen Begegnung, der treuen Erinnerung, der Gastfreundschaft, der Gastfreundschaft. Denn für uns war, ist und wird die Ausgrenzung nicht das letzte Wort sein.
Auf dem Bild des Mosaiks seht ihr oben Jesus und seine Mutter Maria, die sich umarmen. Sie tun dies, um uns ein Beispiel zu geben. So will der Herr, dass die Menschen leben. In dieser Zeit der Pandemie können wir uns nicht physisch umarmen, aber wir vermissen diese Umarmungen und wir wollen nicht, dass diese notwendige Distanz und das Gefühl der Entfremdung verstärkt, wir hegen die Erwartung, uns bald wieder umarmen zu können.
Der Herr Jesus und seine Mutter geben uns ein Beispiel. Der Herr will, dass die Menschen so leben, denn das bleibt. Was bleiben wird, ist genau das: Nähe und Freundschaft, so wie es uns der Herr gezeigt hat. Dies wird nicht vergehen.
Und für diese Wahrheit, die wir in der Freundschaft mit ihm und mit unseren Brüdern und Schwestern erfahren haben, für diese Wahrheit, die wir in unserem Leben so konkret erfahren haben, danken wir dem Herrn.