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Andrea Riccardi: Interview zum Krieg in der Ukraine: "Keine Zeit und Menschenleben verlieren. Eile ist geboten. Es gibt immer Raum für den Friedensdialog"

2 März 2022

Andrea Riccardi
FriedenUkraine

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Es mag jetzt utopisch erscheinen, aber nur durch den Dialog kann ein anderes Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine entstehen.

Was sich seit Tagen bedrohlich abzeichnete, ist eingetreten: der bewaffnete Einmarsch der Russen in die Ukraine. Es ist Krieg. Der größte Krieg in Europa seit 1945. Es gab bereits Kriege auf dem Balkan, aber in diesem Konflikt ist eine Supermacht, die Russische Föderation, der Akteur. Es wurde von einer Rückkehr des Kalten Krieges gesprochen, aber heute ist es ein Krieg, der gekämpft wird.

Wenn man einen Krieg beginnt, weiß man nie, wie lange er dauern wird und wie viele Länder daran beteiligt sein werden. In der Tat gerät er denen aus der Hand, die ihn gewollt haben, und hat eine Logik, die teilweise unkontrollierbar ist.
Es ist sicher, dass wir alle seit dem letzten Donnerstagmorgen viel weniger zählen. Das Schicksal von Krieg und Frieden liegt in den Händen von wenigen. Mit Frieden ist alles möglich: Jeder, jede Initiative, jeder Dialog kann zur Beruhigung der Lage beitragen. Stattdessen übernehmen bei Konflikten die Waffen die Führung. Und Waffen sind das Gegenteil davon, miteinander zu reden und einander zu verstehen. Sie zwingen Hunderttausende von Menschen, wie in der Ukraine, in ihren Häusern, in Bunkern oder im Untergrund Schutz zu suchen oder an Orte zu fliehen, die sie für sicherer halten.

Russland trägt die Schuld an diesem Krieg. Es gibt jedoch eine mehrjährige Geschichte, die zur Verschlechterung der Beziehungen in Osteuropa geführt hat und in der zu viele Akteure Fehler gemacht haben. Nicht bedacht wurde die Gefahr, die sich abzeichnete und die auch auf diesen Seiten immer wieder angeprangert wurde: Der Krieg wird als Instrument zur Lösung von Konflikten aufgewertet, während der primäre Wert des Friedens verloren geht. Es hat sich ein kultureller und politischer Wandel vollzogen, der zu einem gefährlichen Denken geführt hat: Der andere ist immer der Usurpator und ich, mein Land, das Opfer. In der Zwischenzeit hat die Sprache der Drohungen die Sprache des Dialogs abgelöst.

Ich frage mich nun, was getan werden kann. Es muss etwas getan werden, denn der Krieg kann noch lange dauern. Wie lange dauert der Konflikt in Syrien schon an? Jeder Krieg birgt schmerzhafte Überraschungen für alle Beteiligten.

Ich verstehe, dass dies zu diesem Zeitpunkt des russischen Angriffs utopisch erscheinen mag, aber es muss ein Waffenstillstand gefordert werden, um das Blutvergießen zu beenden. Diese Schritte können einen Dialog eröffnen.

Appell von Andrea Riccardi für einen Waffenstillstand in der Ukraine unterschreiben, HIER

Denn nur durch den Dialog kann ein neues und zufriedenstellendes Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine entstehen. Aber alles muss in ein anderes, kooperatives Verhältnis zwischen dem Westen und Russland eingebettet sein. Die globale Welt braucht eine Architektur des Dialogs, weil zu viele Themen und zu viele Verbindungen eine integrierte Zusammenarbeit benötigen. Andererseits besteht aufgrund der vielen Akteure die Gefahr von Konflikten, fast noch mehr als zu Zeiten des Kalten Krieges.

Eine neue Architektur muss nach dem Vorbild des Helsinki-Abkommens von 1975 aufgebaut werden, aus dem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa hervorging. Eine globale und unzusammenhängende Welt mit wechselnden geometischen Vereinbarungen ist zunehmend gefährlich. Und die Gefahr betrifft alle.

Beenden wir den Krieg in der Ukraine und beginnen wir mit dem Aufbau einer Ordnung, die den Herausforderungen der Welt gerecht wird!
Davon sind wir aber noch weit entfernt. Die Ukraine befindet sich im Krieg. Letztendlich wird Russland, auch für sich selbst, keine bessere Zukunft aufbauen. In einer vernetzten Zukunft benachteiligt der Krieg alle.

Leitartikel von Andrea Riccardi in Famiglia Cristiana vom 6.3.2022