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Die Geschichte von Rawan: Aus dem Krieg im Irak in die Schule des Friedens in Mönchengladbach

19 Januar 2018 - MÖNCHENGLADBACH, DEUTSCHLAND

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Sechs Jahre ist es her, dass Rawan Thamer ein neues Leben anfangen musste. Ihre Eltern waren mit der damals 14-Jährigen und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester vor dem Krieg im Irak geflüchtet. In Deutschland war für das Mädchen alles anders: die fremde Sprache, andere Gerüche und Geräusche. „Es fiel mir schwer, mich hier zu integrieren und die Sprache zu lernen“, erinnert sich Rawan an die erste Zeit. „Meine Eltern konnten mir dabei kaum helfen. Sie waren ja selbst in dieser schwierigen Situation.“ Bei einem Krankenhausaufenthalt ihrer Schwester lernte sie Gabi Brülls von der Gemeinschaft Sant’Egidio kennen. „In der Krankenhauskapelle wurde ein Gebet angeboten, und meine Eltern wollten wissen, was es damit auf sich hat“, erzählt die 20-Jährige. Brülls lud sie ein, die Gemeinschaft kennenzulernen und in der Regenbogenschule mitzumachen. Hier betreut die Gemeinschaft jeden Samstag Kinder, die aus Familien stammen, die es aus verschiedenen Gründen schwer haben: Flucht, Armut oder erkrankte Eltern.

Das Gefühl, einen Ort zu haben, an dem sie nicht allein ist, und Menschen zu begegnen, die sie unterstützen, hat der jungen Rawan damals sehr geholfen. Heute engagiert sich die 20-Jährige in der Regenbogenschule: hört den Mädchen und Jungen zu, spielt mit ihnen, hilft bei Hausaufgaben. Manchmal geht sie in die Familien oder hilft den Eltern. Vor allem den geflüchteten Familien versucht die Studentin zu helfen, in Mönchengladbach anzukommen. „Ich kann ihnen dabei helfen, zu lernen, was man braucht, um hier leben zu können, ihre Fragen beantworten und auch für die Kinder Verständnis wecken“, erzählt sie. Zurzeit kümmert sie sich intensiv um ein Geschwisterpaar, das mit seinen Eltern ebenfalls aus dem Irak gekommen ist. Das achtjährige Mädchen besucht die Grundschule, ihr großer Bruder ist im Sommer auf das Gymnasium gekommen. Rawan Thamer hilft bei den Hausaufgaben und unterstützt die Eltern zum Beispiel bei Elternsprechtagen.

Mit ihrem Engagement möchte Rawan Thamer auch den Kindern die Gewissheit geben, dass sie nicht alleine sind. „Ich weiß, wie sie sich fühlen und welche Schwierigkeiten sie haben“, sagt sie. Dass sie heute Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Niederrhein studiert, gibt auch den Kindern Mut. „Viele wollen etwas erreichen und sehen in meinem Weg auch ein Vorbild“, merkt die Studentin. Sie sieht, dass die Kinder sich viele Gedanken machen. „Wenn wir mit den Kindern in den großen Ferien ins Sommerlager fahren, haben wir sie eine ganze Woche im Blick. Dann sehen wir, wie sie sich verändern, loslassen und aufblühen“, erzählt Rawan Thamer. Sie wollen verstehen, was in der Welt vor sich geht. „Deshalb werden schwierige Themen nicht ausgeklammert. Wir reden zum Beispiel auch über Politik.“

Manchmal sehe sie sich selbst in den Kindern – als sie mit 14 Jahren in derselben Situation war. Dass die Kinder auch viel zu geben haben, hat Thamer in all den Jahren immer wieder gespürt. „Wenn ich in die Regenbogenschule komme, werde ich von vielen zur Begrüßung umarmt“, sagt sie. Überhaupt sei es wichtig, dass auch die Kinder erfahren, dass sie anderen helfen könnten und nicht nur Unterstützung bekommen. Einmal im Jahr organisieren sie einen Spielzeugtrödelmarkt, bei dem die Kinder gebrauchtes Spielzeug und Bücher verkaufen. Mit dem Erlös werden Kinderprojekte in Afrika unterstützt. Auch der Kalender, für den die Kinder der Regenbogenschule jedes Jahr Bilder malen, wird dann verkauft. Dieses Engagement gibt den Kindern Zuversicht für ihre Zukunft und Vertrauen in die eigene Stärke.

Ein Artikel von Garnet Manecke von der KirchenZeitung für das Bistum Aachen