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"Der Christ ist ein Mensch, der singt" - Predigt des Waldenserpastors Paolo Ricca in Santa Maria in Trastevere

19 Dezember 2019 - ROM, ITALIEN

Lk 2,10-14; Eph 5,18-20

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Am 18. Dezember hat der Waldenserpastor Paolo Ricca beim Abendgebet von Sant'Egidio in der Basilika Santa Maria in Trastevere gepredigt. Hier seine Homilie

Lk 2,10-14 und Eph 5,18b-20

Liebe Schwestern und Brüder;
ein wichtiger Charakterzug der Weihnachtserzählung nach Lukas sind die vielen Gesänge. Es gibt den Gesang von Maria, das berühmte Magnifikat, das wir fast auswendig kennen, den Gesang des Zacharias, des Vaters von Johannes dem Täufer, den Gesang der Engel in der Weihnacht, der die Geburt Jesu begleitet und sie der Welt verkündet, schließlich den Gesang des alten Simeon, der das Kind in Armen hält und sagt, dass er nun in Frieden scheiden kann, weil "meine Augen das Heil gesehen haben" (Lk 2,30). Viele Lieder, eins nach dem anderen. Wenn man die Apokalypse liest, das Buch des Neuen Testaments, das am meisten die Liturgie und den Kult der Urchristen widerspiegelt, dann findet man dort Gesänge im Überfluss. Der Christ ist ein Mann, der singt, die Christin in eine Frau, die singt.

Auch Paulus betont, wie wir gehört haben, als größter christlicher Apostel aller Zeiten diesen Punkt und sagt: singt, preist, Psalmen, Hymnen, geistliche Leider, singt und preist den Herrn aus ganzem Herzen. Der große griechische Philosoph Platon sagte, dass die Liebe alle zu Dichtern macht. Wir können sagen, dass die Liebe Gottes alle zu Sängern macht. Singen ist nicht nur eine Aufgabe, es ist mehr. Es ist ein tiefes Bedürfnis, eine Notwendigkeit des Herzens: es genügt mir nicht, als Christ zu sprechen, sicher spreche ich auch, doch es genügt mir nicht, an einem bestimmten Punkt muss ich singen. Warum muss ich singen? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, doch ich kann nicht anders. Es gibt eine Übertreibung, einen Überfluss an Freude oder auch an Schmerz, sie drängen mich zum Gesang, sie zwingen mich zu singen.

Die Worte des Liedes sind dieselben wie bei einer Rede, es gibt kein anderes Vokabular für den Gesang im Vergleich zu irgendeiner Rede, die gehalten wird, doch es ist nicht dasselbe, ein gesungenes Wort ist nicht wie ein gesprochenes Wort. Was ist der Unterschied? Es ist derselbe Unterschied wie zwischen Prosa und Poesie. Das gesungene Wort verhält sich zum gesprochenen Wort wie die Poesie zur Prosa. Die Worte sind dieselben. Es gibt kein anderes Vokabular, doch es gibt einen Unterschied.

Prosa sagt nur das, was die Worte sagen, Poesie sagt jedoch, was Worte nicht sagen, oder besser, sie sagt mehr als das, was Worte sagen. Der Poet ist also einer, der die Worte in der Rede in einer Art anordnet, dass diese Worte mehr sagen. So sagt der Gesang, das gesungene Wort mehr als das gesprochene. Wenn dann dieses gesungene Wort auch musiziert wird, also wenn auch Musik den Gesang begleitet, dann sagt er noch mehr. Das ist ein absolutes Wunder, dass der Gesang die Macht hat, die Qualität zu verbessern, die expressive Kraft des Wortes, und dass die Musik die Macht hat, den expressiven Wert zu vergrößern, es ist die kommunikative Kraft des gesungenen Wortes. Hier stoßen wir auf ein doppeltes Wunder. Das gesungene Wort weitet wundersamerweise die Bedeutung des gesprochenen Wortes und die Musik weitet nochmals das gesungene Wort. Dies ist eine beeindruckende Vertiefung des Wertes von dem, was sich ereignet.

Ich möchte ein Beispiel machen: "Va' pensiero, sull'ali dorate". Wenn man die Worte ohne Gesang liest, sind es Worte eines Gedichts, das mehr oder weniger bedeutet, die Worte sagen das, was sie sagen, doch wenn ihr "Va' pensiero" singt, gewinnen die Worte an Gewicht, an Wert, eine kommunikative Kraft, die uns eine einfache Lektüre nicht vermittelt, wenn das gesungene Wort nun noch von Musik begleitet wird, gibt es eine dritte Ebene der Ausdruckskraft, der kommunikativen Wirkung, die durch die Musik dem gesungenen Wort hinzugefügt wird.

Seit Beginn der Welt gibt es Musik, wie die geheime Seele eines jeden Geschöpfs, denn nichts auf der Welt ist ohne Klang; wie schon der Hl. Augustinus sagt; auch ein Stein gibt einen Klang von sich, wenn man auf ihn schlägt. Alles hat seinen Klang, alles hat seine Musik. Daher sage ich, dass die Musik die geheime Seele einer jeden Existenz ist, von allem, das atmet; doch im Vergleich zu den seelenlosen Dingen, ist die Stimme die herausragende Ausdrucksform der menschlichen Kreatur und bildet ein Geheimnis, das weder Philosophie noch Wissenschaften oder Theologie jemals erklären konnten. Die menschliche Stimme mit ihren tausenden Ausformungen und Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer wunderbaren Kommunikationsfähigkeit ist ein Kunstwerk, in dem mehr als in anderen Dingen die außergewöhnliche Großzügigkeit und Weisheit des Schöpfers zum Ausdruck kommt.Die Musik ist in vielerlei Hinsicht wie die menschliche Stimme, doch ihre Kraft ist noch größer, und darin ähnelt sie dem Wort Gottes; es gibt eine Analogie von Musik und Wort Gottes. Denn die Musik erfüllt dieselbe Aufgabe, sie lenkt und leitet die Gefühle, tröstet die Betrübten, richtet Verzweifelte auf, erniedrigt Überhebliche, beruhigt Wütende, sie ist wie ein Streicheln der Seele, ein sanftes Wort, das ins Herz dringt.

Hier in der Basilika Santa Maria in Trastevere haben wir Glück, wirklich großes Glück: Wir haben einen Organisten erster Klasse, der seine Musik unseren Worten beifügt, und wir haben einen Chor, der mit uns und für uns eindrucksvoll singt. Ich würde mich nicht wundern, wenn jemand von euch zu diesem Gebet kommt, natürlich um zu beten, aber vielleicht noch mehr, um diesen Chor zu hören und mit ihm zu singen. Auch das ist Gebet.

Wenn ihr einverstanden seid, möchte ich daher einen - sicher unbewöhnlichen - Vorschlag machen, doch in Übereinstimmung mit der Freude des Gesangs und der Musik, also ein großer Applaus unserem Organisten und unserem Chor!