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100. Geburtstag von Karol Wojtyla. Das Bild des 20. Jahrhunderts. Marco Impagliazzo im Osservatore Romano

18 Mai 2020

Johannes Paul II.
Marco Impagliazzo

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Die Laien waren für mich ein besonderes Geschenk, für das ich der Vorsehung unaufhörlich danke. Alle sind in meinem Herzen, denn jeder von ihnen hat seinen Beitrag geleistet, damit ich mein Priestertum leben kann

Die Gestalt Karol Wojtyla ist mit zentralen Augenblicken in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden: das Auftreten und die Entwicklung der nationalsozialistischen und kommunistischen totalitären Regimes, der Zweite Weltkrieg, die Shoah, der kalte Krieg mit der Spaltung Europas in zwei Teile, der Zusammenbruch des kommunistischen Ostens, der Übergang des Jahrtausends, das Auftreten des internationalen Terrorismus mit dem 11. September 2001 und anderes mehr.
Karol Wojtyla ist ein beispielhafter Zeuge für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und eine exemplarische Gestalt für den Übergang zwischen zwei Jahrhunderten. Er besaß eine einmalige Kenntnis der Welt: 127 besuchte Länder (einige mehrere Male) in seinem Pontifikat machten ihn zu einem Mann, der mit mehr Menschen und Gruppen eine direkte Kommunikation führte als jeder andere, so sagte es der damalige Kardinal Joseph Ratzinger. Ein charismatischer Papst - so drückt es Andrea Riccardi aus - der die Verantwortung als Nachfolge Petri immer mit dem Martyrium verbunden hat, mit Gefahren für sein eigenes Leben wie beim Attentat auf ihn am 13. Mai 1981. Wojtyla hatte große Ideale und Visionen, immer ausgehend von der Lebenserfahrung mit Menschen und Völkern in den verschiedenen Umfeldern. Unaufhörlich erstaunte er mit seinen Aufrufen, dass Friede nötig ist, während auf der Welt der Krieg wieder auftrat als Mittel der Konfliktlösung. Er überraschte mit seinen spirituellen und prophetischen Gesten und seiner Mystik mit geopolitischen Koordinaten. Er löst Erstaunen aus mit der apostolischen Kraft, die er in der größten Schwäche der Krankheit zeigt, die ihn fast entstellte.
Sein Leben ist nicht nur in theologischer oder im Rahmen einer kirchlichen Perspektive zu verstehen, sondern im weiten Umfeld der Zeitgeschichte und der Geopolitik. Johannes Paul II. erscheint als Papst mit zwei besonderen Charaktereigenschaften. Erstens: ein Charisma der menschlichen Begegnung, verbunden mit einerm guten Maß an innerlicher Askese; zweitens: eine weltweite geopolitische Sichtweise, die in den vielen Reisen sichtbar wurde, die Grenzen und traditionelle Sichtweisen der katholischen Kirche überschritt.

Johannes Paul II. war auch der Papst des Dialogs. Dialog mit den christlichen Kirchen, mit den anderen Religionen und Kulturen. Beispielhaft dafür ist das Treffen von Assisi im Oktober 1986 mit den großen Weltreligionen. Der Friedensgebetstag ist historische in die epochale Wende einzuordnen, deren Auswirkungen und Bedeutung noch heute zu erkennen sind. Der Verlauf der Zeitgeschichte hat seitdem eine unvorstellbare Beschleunigung erfahren mit unvorhersehbaren Folgen, wie das Ende des Sowjetimperiums, der Zerfall der sogenannten "Dritten Welt", dem Fortschreiten des Globalisierungsprozesses. Das internationale Leben zeigt heute die Wichtigkeit der Beziehungen unter den Religionen als Element von vitaler geopolitischer Bedeutung.
Der 27. Oktober 1986 bleibt noch mehr als früher eine Bild für die Zukunft in einer Welt auf der Suche nach Frieden. Er bleibt ein Maßstab, auch wenn durch Konflikte und auch durch die Globalisierung selbst Unbehagen und Orientierungslosigkeit stärker werden. Diese außergewöhnliche Initiative wurde als Wende in der Haltung des zeitgenössischen Katholizismus gegenüber den Religionen bezeichnet und auch als Wende in der Sichtweise des Christentums gegenüber den nichtchristlichen Religionen. Es muss auch daran erinnert werden, dass für Johannes Paul II. der interreligiöse Dialog nicht zu einer Verblassung der eigenen Zugehörigkeiten führt. Im Gegenteil, er trägt dazu bei, an die Wurzeln der eigenen Identität vorzudringen. Der ökumenische Dialog hat viele Fortschritte gemacht während der Jahre des Pontifikats von Wojtyla. Zum ersten Mal hat ein Papst ein mehrheitlich orthodoxes Land besucht: 1999 Rumänien. Dieser Reise mit ökumenischem Charakter folgten weitere nach Georgien, auf den Berg Sinai, nach Griechenland, Syrien, in die Ukraine, nach Armenien und Bulgarien.
Eine Ökumene der Begegnungen und auch der Gesten. Eine dieser großen Gesten von Papst Wojtyla war im großen Jubiläum 2000 das Gedenken an das Zeugnis der "neuen christlichen Mätyrer", eben aus allen Kirchen, die im 20. Jahrhundert ihr Leben für den Glauben hingegeben haben. Das Martyrium war für Johannes Paul II. nicht nur eine alte Geschichte, sondern ein Teil der Zeitgeschichte. Er selbst hatte ein schreckliches Attentat erlitten, das mit großer Wahrscheinlichkeit sein Todesurteil hätte sein können.
Seine Biographie als Katholik, der in einem kommunistischen Land gelebt hat, ist verbunden mit dem Martyrium des 20. Jahrhunderts, sodass er davon überzeugt war, dass das Martyrium ein Bestandteil des heutigen Christentums ist.

Sonderausgabe zum 100. Geburtstag von Johannes Paul II. (Osservatore Romano) IT


[ Marco Impagliazzo ]