MIGRANTEN

"Gemeinsam" - ein grundlegendes Wort der humanitären Korridore. Daniela Pompei bei der Audienz mit Papst Franziskus

Papst Franziskus begegnet die Geflüchteten und Helfer der humanitären Korridore
Daniela Pompei - Gemeinschaft Sant'Egidio


Wir sind heute viele hier. Es vermischen sich diejenigen, die aufgenommen wurden, mit denen, die die Türen ihrer Häuser und Herzen geöffnet haben, in dieser Umarmung, die die humanitären Korridore sind. Sie wurden aus der schmerzlichen Erinnerung an den Tod Im Meer ins Leben gerufen, sie sind aus dem Weinen und dem Gebet entstanden. Gebet und Schmerz haben uns geholfen, nicht zu resignieren: nachdenken und kämpfen, um eine Alternative zu den Booten aufzubauen. Gebet und Schmerz haben uns gedrängt, ja fast gezwungen, jene Kreativität in der Liebe zu entwickeln, von der Sie, Heiliger Vater, so oft gesprochen haben.
Seit 2016 wurden 6080 Menschenleben gerettet, die legal in Europa ankamen, vor allem in Italien, aber auch in Frankreich, Belgien und in geringer Zahl im Fürstentum Andorra und in San Marino.
Ein kleines Licht vor der Mauer der Unmöglichkeit und der Vorstellung, dass man nichts tun kann. Das gilt für diejenigen, die sicher angekommen sind, aber ich denke auch an die vielen Asylbewerber, die uns aus kriegsgebeutelten Ländern oder Flüchtlingslagern schreiben. Auch für sie sind die humanitären Korridore eine Hoffnung: Es gibt einen anderen Weg als den verzweifelten Weg über das Meer. Sie sind ein Weg, wenn man nur Mauern sieht.
Heiliger Vater, heute sehen wir hier die Zukunft: ein gemischtes Volk, aus verschiedenen Völkern, die aber eine geschwisterliche und glückliche Zukunft aufbauen. 'Fratelli tutti' - alle Geschwister.
Einen Weg zu öffnen war der Anfang, aber die Herausforderung eines jeden Tages ist es, miteinander zu leben. Wie viele Kinder sind in diesen Jahren geboren worden! Wie viele Hochzeiten, Einweihungen, Treffen, Prüfungsfeiern. Selbst in kleinen entvölkerten Gemeinden wurde so viel Leben wiedergeboren. Natürlich auch Probleme, aber so viel Leben!
Die Aufnahme hat eine Bewegung der Integration und des Friedens in Gang gesetzt. Viele hier könnten davon erzählen. Kirchengemeinden, Vereine, Kommunen, Ordensgemeinschaften, Familien, so viele Menschen, die sich für die Aufnahme verantwortlich fühlen. Und diejenigen, die vor kurzem aufgenommen wurden, stehen heute an vorderster Front, um selbst andere, die ankommen, aufzunehmen.
Gemeinsam" ist ein Grundwort der humanitären Korridore. Aufnahme kann man nicht allein leisten. Bei der Aufnahme muss man 'zusammen' sein. Wir haben mehr Gemeinschaft erlebt: Das war das unerwartete Geschenk der Aufnahme. Man nimmt eine Familie auf, die vor dem Krieg flieht, und entdeckt mit den Schutzsuchenden eine Gemeinschaft von Menschen, die sich gegenseitig helfen und die mit einem selbst kämpfen und hoffen.
Der Libanon, Äthiopien, Libyen, Pakistan, Iran, Niger, Griechenland und Zypern sowie in anderer Weise die Ukraine sind die Vorposten der acht humanitären Korridore, von denen aus die sichere Route nach Europa beginnt. Afghanen, Syrer, Eritreer, Kongolesen, Nigerianer, Kameruner, Sudanesen, Somalier, Jemeniten, Iraker, Palästinenser, Guineer, Togolesen und seit kurzem auch Ukrainer, meist Frauen und Kinder, sind hier angekommen.
Wir kennen uns jetzt, aber diese Geschichte von Liebe und Freundschaft wurde schon vorher geboren. Sie entstand, als wir uns in der Hölle der Flüchtlingslager auf die Suche nach Menschen machten, die wir nicht kannten, die wir aber bereits als Brüder und Schwestern ansahen. Die Not ist groß, so viele, zu viele, sterben weiterhin. Unterstützen Sie uns weiterhin, Heiliger Vater, segnen Sie uns, damit wir niemals taub werden für den Schrei, der aus so vielen Orten des Schmerzes aufsteigt. Wir spüren die Verantwortung und die Dringlichkeit, mehr zu tun, und zwar bald.