Interview mit Sant'Egidio Mitgründer Andrea Riccardi

22 Februar 2018

Andrea RiccardiSant'Egidio

Die christliche Laienbewegung Sant‘Egidio steht für konkrete Hilfe vor Ort und setzt sich weltweit für Frieden und Humanität ein. Zum 50-jährigen Bestehen der Gemeinschaft hat Rom Korrespondent Jan-Christoph Kitzler mit dem Mitgründer Andrea Riccardi gesprochen.

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Professor Andrea Riccardi, 50 Jahre ist die Gemeinschaft Sant’Egidio alt, wie hat sich die Gemeinschaft in diesen Jahren entwickelt?

Nun ich würde sagen, in 50 Jahren, einem halben Jahrhundert hat sich die Lage sehr verändert. 1968 gab es die Studentenrevolte, aber auch den Kalten Krieg, Kolonien im Süden der Welt, die unabhängig wurden und heute eine globale Welt. Sant’Egidio ist in Rom gegründet worden, von Studenten, die sich in den Vororten engagiert haben. Sant’Egidio ist gewachsen – in Europa, in Afrika in vielen Teilen der Welt, indem die Organisation sich in den Dienst der Armen gestellt hat und sich für den Frieden eingesetzt hat. Denn wir glauben, dass der Krieg die Mutter jeglicher Armut ist, das betonen wir oft. Wir haben den Krieg erlebt, im Libanon, in den 80er-Jahren, in Mozambik, in Afrika, wo wir uns für den Frieden eingesetzt haben, der 1992 in Rom durch die Vermittlung von Sant’Egidio besiegelt wurde. Wir haben uns immer für Themen des Friedens eingesetzt. Papst Franziskus hat, als er Sant’Egidio besucht hat, gesagt: Ihr seid die drei "P",  "Preghiera" also das Gebet, "Poveri", die Armen und "Pace", der Frieden. Das funktioniert auf Deutsch nicht, aber auf Italienisch schon und auch ein wenig auf Spanisch und auf Französisch.

Also kann man sagen, dass Sant’Egidio ein globaler Player des Friedens geworden ist, oder ist ihnen das zu stark?

Sehr freundlich, dass Sie das sagen. Global ist nicht groß, sondern eben global. Ja, so gesehen setzen wir uns keine Grenzen. Johannes Paul II. hat uns gesagt: die einzige Grenze für Euch ist die Barmherzigkeit. Gerade setzen wir uns zum Beispiel zusammen mit einer muslimischen Organisation für die Rohingya ein. Ich denke, wir sind eine kleine grenzenlose Gemeinde.

In unserer globalen Zeit muss sich auch die Friedensethik entwickeln. Wie muss eine Friedensethik heutzutage aussehen?

Bevor ich über Friedensethik spreche, muss ich eine Sorge aussprechen: wir haben heutzutage den Krieg wieder aufgewertet. Nach 1989 haben wir gedacht, eine Epoche des großen Friedens habe begonnen. Aber heute haben wir den Krieg wieder aufgewertet. Der Krieg wird skrupellos eingesetzt. Wir sind in einer Situation, in der Krieg ein Instrument der Konfliktbewältigung geworden ist. Denken Sie nur an den Krieg in Syrien, der nicht aufhört. Das ist ein Skandal!  Ich glaube, dass das erste Anliegen jeder Friedensethik die Aussage sein muss, dass der Frieden zwingend das Ziel jeder Politik ist. Ein italienischer Fußsoldat schrieb seiner Frau im ersten Weltkrieg: Der Krieg ist schrecklich, denn man landet unter der Erde. Wir müssen vom Schrecken des Krieges erzählen. Die Generation, die den zweiten Weltkrieg miterlebt hat, ist fast ausgestorben – und wir tanzen am Abgrund. 

Es scheint ja so zu sein, als ob die Welt bei vielen Konflikten regelrecht die Augen verschließt.

Die Welt verschließt die Augen oder vielleicht richten sich die Augen der Welt mehr auf die finanziellen als auf die menschlichen Werte, auf die Toten der vielen Kriege. Das macht mir große Sorgen. Und ich glaube, dass Deutschland hier eine Verantwortung trägt. Ich glaube, dass Deutschland dazu berufen ist, eine Verantwortung für den Frieden zu übernehmen und die Europäische Union dazu zu bewegen, ihre Friedensmission noch bestimmter anzugehen. Deutschland weiß noch, was der Krieg ist. Denn Deutschland hat die Auswirkungen erlebt, solange das Land geteilt war. Wir Italiener haben den Krieg vergessen. In Deutschland gibt es viele, die sich daran erinnern. Doch wir Europäer haben Angst vor der Welt. Weil die Welt groß, global geworden ist und wir uns hinter Mauern in Sicherheit bringen wollen. Sant’Egidio glaubt an Brücken, nicht an Mauern. Brücken schützen, denn bringen uns zusammen, sie schaffen Sympathie. Die Mauern nicht. In dieser Zeit der Angst, die die Welt hat, entstehen islamischer Fundamentalismus, Radikalismus oder der Radikalismus von uns Europäern, der neue Faschismus, der ein Phänomen aller europäischen Länder ist. Das ist der Radikalismus der Europäer.

Es gibt weltweit viel Gewalt, die im Namen von Religionen verübt wird. Nun sagen viele, auch Papst Franziskus, die Religionen seien nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Es gibt aber auch viele, die das anders sehen. Was antworten Sie denen?

Ich glaube, dass die Religionen heutzutage eine große Rolle. Und: sie können eine Ideologie sein, die den Krieg rechtfertigt. Das ist normal. Doch keine Religion hat die Gewalt in ihren Genen, das hat Papst Franziskus sehr klar zum Ausdruck gebracht und ich glaube das. Die Religionen können das Benzin sein, das das Feuer des Krieges entfacht, aber sie sind auch das Wasser, das das Feuer des Krieges löschen und Frieden stiften kann.

Was kann da heutzutage der Beitrag der Gemeinschaft Sant’Egidio sein?

Das ist ein täglicher Beitrag, um unsere Randgebiete wieder in Ordnung zu bringen. Ich denke an die Solidarität mit den Armen, mit den alten Menschen, die in Europa, in Deutschland ein großes Problem sind. Alte Menschen, die allein zurückbleiben. Wir leben zwar länger, aber das Leben wird für die alten Menschen trist, und wir müssen verhindern, dass sie sich einsam fühlen. Dann das Thema Integration, die Schule für die Migranten. Die Kinder, die Behinderten, die Armen eben, die Armen unserer Städte, von denen es in unserer reichen Gesellschaft viele gibt.  Das ist schon Friedensarbeit. Dann ist da der interreligiöse Dialog, die Ökumene. Wir haben sehr aufmerksam das 500. Reformationsjubiläum in Deutschland verfolgt, das ein Erfolg war. Das hätten auch Feierlichkeiten werden können, die entzweien, doch das Jubiläum ist mit einem starken ökumenischen Zeichen zuende gegangen. Ich glaube, dass der Dialog zwischen den Christen für den Frieden sehr wichtig ist, so wie der Dialog zwischen den Religionen. Und dann sind da unsere Friedensmissionen, aktuell zum Beispiel in der Zentralafrikanischen Republik.

Wenn man ihre Mitarbeiter trifft, die in Friedensprozessen, zum Beispiel in Kolumbien aktiv sind, dann fällt auf, dass sie ihre Arbeit oft fern von jeder Öffentlichkeit machen. Da wird nicht viel Werbung gemacht, wie kommt das?

Nun, im Leben weiß man nie, wie man sich verhalten soll. Wenn du darüber sprichst, sagen sie, dass du Werbung für dich machst. Wenn du nicht drüber sprichst, sagen sie dass du etwas verschweigst. Wichtig ist die Arbeit – arbeiten und Ergebnisse erzielen, Frieden schaffen für die Kinder, für unsere Kinder, für die Kinder Afrikas. Ich glaube, dass der Frieden möglich ist. Wir dürfen nicht akzeptieren, dass der Krieg für gewisse Länder eine chronische Krankheit ist.

Sie sind eine christliche Gemeinschaft: wie kommt es, dass auch aus der Welt des Islam, zum Beispiel auf den Philippinen, Bitten um Vermittlung an Sie herangetragen werden?

Wir haben zum Beispiel eine sehr enge Beziehung zu moslemischen Bruderschaften in Indonesien. Das ist die DNA des Dialogs, der uns auszeichnet.

Zum Abschluss noch: Was wünschen Sie sich für die nächsten 50 Jahre?

Dass wir Christen sind, die die Armen lieben, und keine Angst haben.

2009 wurde Sant-Egidio-Gründer Andrea Riccardi für den Einsatz seiner Gemeinschaft für Frieden und Versöhnung mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet.


[ Jan-Christoph Kitzler ]