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23 Juli 2016

Andrea Riccardi, Wir dürfen nicht vereinfachen und von "Wir" und "Ihnen" sprechen

Übersetzung aus dem Corriere della Sera

 
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Politische Mittel werden benötigt, beispielsweise die Staatsbürgerschaft für Kinder von Immigranten, um Ausgrenzung zu vermindern, die gefährliche Verbindungen zum Extremismus herstellen kann. Integration erfordert einen kulturellen Einsatz, durch den das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird, das sich dem Hass widersetzt

Donald Trump hat vor längerer Zeit erklärt: "Der Islam hasst uns". Hinter der schlimmen Gewalt stünde der Islam. Hollande hat nach dem Massaker von Nizza die Bombardierungen des syrisch-irakischen Gebietes vom Daesh verstärkt. Die Botschaft ist klar: der Terrorismus ist Teil des Krieges des "Kalifats" gegen uns. Seine Forderungen und seine Propaganda würden das bestätigen. Dahinter würde sich die islamische Welt mit Doppeldeutigkeit und Widersprüchen abzeichnen. Auf diese Weise greift man auf ein erfolgreiches Interpretationsmuster - einen Archetyp - zurück: auf den Kampf zwischen Westen und Islam. Dafür hat es im Westen bei Intellektuellen und Politikern Unterstützung gegeben; es war der Ursprung für den Irakkrieg 2003 und den Zusammenbruch des Systems im Nahen Osten.

Das haben Osama bin Laden und al Qaeda nicht ungern gesehen, denn - in der Opposition - erkannten sie ihre Führerschaft gegen den Westen. Das missfällt heute auch dem "Kalifat" nicht. Es wird eine kriegerische Stimmung geschaffen, die den islamischen Proselytismus fördert. Für Menschen im Westen zeichnet sich ein deutliches Schema ab (das gewissermaßen Sicherheit bietet). Wir wissen, wo die Gefahren lauern, denn wir haben einen Feind: den Islam, der insgesamt als feindselig oder doppelzüngig beschrieben wird, den man bekämpfen und zu einer Klarstellung zwingen muss. Nur so werden seine fünften Säulen unter uns gestoppt, die das Ergebnis eines globalen politisch-religiösen Systems sind. Ein ähnliches Interpretationsmodell spielt dem Gegner in die Hände und verschafft ihm eine wichtige Legitimation als Feind des Westens, als habe er nur einen Haupt. Bei uns wird dadurch der Populismus gefördert, der meint, dass uns nur eine Politik mit eiserner Faust, Mauern und Kampf beschützt. Es ist Ursache für einen misstrauischen Blick, der fast die Allgemeinheit der Muslime argwöhnisch betrachtet.

Das Modell ist eine Vereinfachung. Der französische Soziologe Raphael Liogier hat kürzlich in Le Monde erklärt: "Man muss das Schema des "Wir" gegen "Sie" ablehnen, das sich Daesh wünscht, und eine starke und positive Berichterstattung ermöglichen." Leider erscheint die Sprache des "Wir" und "Sie" in trauriger Weise beim Aufbau von Grenzen Sicherheit zu geben. Die Wirklichkeit ist anders. Es gibt zwei verschiedene Probleme, auch wenn sie miteinander verbunden sind. Es gibt den Totalitarismus von Daesh mit einem Territorium, Verzweigungen und eigener Propaganda, der sich in einer islamischen Welt entwickelt, die voller Widersprüche und Spaltungen ist (mit vielen muslimischen Toten durch den Terrorismus). Andererseits zeigen sich in Europa die Radikalen, die Wahnsinnigen, die gegen das System sind mit der Bereitschaft, sehr viel Schaden anzurichten; sie leben unter uns. Indem man gegen Daesh kämpft führt man einen Krieg im Nahen Osten. Doch es gibt keinen Krieg zwischen dem Islam und dem Westen, sondern einen wahnsinnigen Terrorismus in unseren Ländern. Das ist etwas Anderes und erfordert angemessene Mittel, um die Wahnsinnigen zu isolieren und sich zu verteidigen.

Man muss den Zerfall unserer Gesellschaften in Betracht ziehen, es gibt Peripherien, die außer Kontrolle geraten und vom sozialen und gemeinschaftlichen Leben abgeschnitten sind. Neben den Verantwortlichen und der Polizei müssen weite Bereiche des sozialen Lebens "zurückerobert" werden, es muss dort ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer nationalen Schicksalsgemeinschaft neu geschaffen werden, um die Menschen vor dem Abgleiten in nihilistisches Denken zu bewahren. Man denke an die französische Banlieu, an Molenbeek, das Brüsseler Stadtviertel, wo Terroristen heranwachsen, und an andere "menschliche" Peripherien, die auch in Italien Gefahren ausgesetzt sind. Man muss beachten - wie es auch der Corriere gezeigt hat - dass sich der Nihilismus von Menschen, die gegen das System sind, durch Internet und soziale Netzwerke radikalisiert, die gefährliche mentale Ghettos bilden. Wenn das behauptet wird, verlagert man die Verantwortung nicht von der politischen auf die soziale Ebene, sondern weist auf das Umfeld hin, wo sich Gefahren verdichten.

Der Europol-Bericht 2015 über den Terrorismus besagt, dass es keinen Beweis gibt, dass die Flüchtlinge ein Weg für Terroristen sind: dieses Thema wird von den Populisten in den Vordergrund gestellt. Er registriert dagegen ca. 5.000 foreign fighters aus Europa. Vor allem merkt er an, dass 35% der "einsamen Wölfe" (von 2010 bis 2015) unter mentalen Problemen litt. So werden auch die schnellen und einsamen Bekehrungen zur Gewalt erklärt, und auch die wahnsinnigen Darstellungen des Schreckens ohne politische Logik. Das Problem besteht in unseren Gesellschaften, vor allem bei Jugendlichen und Personen mit muslimischer Herkunft, wo der Islamismus als alles erklärende Ideologie des Hasses fungiert. Es hat keinen Sinn, die Ursache für alles jenseits des Meeres zu suchen. Der Nihilismus schleicht in unserer Mitte umher. Das bemerkt man bei den Ultras oder bei den Attentaten auf die Kirchen in Fermo. Er ist ein "beunruhigender Gast", hat Umberto Galimberti geschrieben. Die Welt muss besser gemacht werden. Die europäischen Gesellschaften sind ärmer geworden an gemeinschaftsfördernden Netzwerken, die Verbindungen herstellen: die traditionellen Vereinigungen auf der Zwischenebene - Parteien, soziale Bewegungen oder Anderes - befinden sich in einer Krise. Wie kann ohne Gefühle, gemeinsame Leidenschaften oder Einsatz ein sozialer Zusammenhalt hergestellt werden? Hier liegt das Problem der Integration und der sozialen Kontrolle.

In Italien gibt es eine schlimme Lücke, was die Staatsbürgerschaft der Immigrantenkinder betrifft, das Ius Culturae, über das oft gesprochen wird: eine "Zwischengeneration" wächst heran, die weder Italiener noch Fremde sind, sie sind "anders" als die italienischen Jugendlichen. "Ausgegrenzte" finden oft religiöse Anknüpfungspunkte, besonders zum Islam. Es geht nicht nur um die Bildung von im italienischen Geist ausgebildete Imame, wie es das Innenministerium vorsieht. Die Muslime müssen auch durch andere Vereinigungen integriert werden, indem Zusammenleben und Dialog gefördert wird. Erfahrungen wurden aufgegeben, die in Vergangenheit zur Zeit des Ministeriums für Integration geschaffen wurden, nämlich die Konferenz der Oberhäupter der verschiedenen Religionen. In einer so emotionalen Zeit müssen Gefühle der Anteilnahme geschaffen werden, die sich dem Hass widersetzen, der typisch ist für mentale und soziale Ghettos. Die Sozialpolitik ist grundlegend zur Vermeidung von Radikalisierungen. Auch die soziale und politische Leidenschaft ist grundlegend in zerfallenden europäischen Gesellschaften, die von schwachen Bindungen und einer allgemeinen individualistischen Verschlossenheit charakterisiert sind. Einsame Individuen und Strukturen können nicht integrieren: Es werden lebendige gemeinschaftliche Vereinigungen benötigt mit Gefühlen und Träumen für die Zukunft. Die Ereignisse erfordern nicht nur mehr Muskeln, sondern ein Fortschritt der Intelligenz des sozialen Ethos auf Seiten aller.


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