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Stuttgarter Zeitung

21 November 2017

Flüchtlinge auf Sizilien

Freitag ist für Signora Anna ein Festtag

Die Organisation Comunità di Sant‘ Egidio hilft auf Sizilien den ankommenden Flüchtlingen. Die werden nicht nur gefördert, sondern auch gefordert.

 
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Immer am Freitag: die „Communità die Sant’ Egidio lädt in Catania zum Mittagessen ein. Gekocht wird von Flüchtlingen für die Armen und Alten in der Stadt. Foto: Krohn
Immer am Freitag: die „Communità die Sant’ Egidio lädt in Catania zum Mittagessen ein. Gekocht wird von Flüchtlingen für die Armen und Alten in der Stadt. Foto: Krohn

 

Catania - Signora Anna ist spät dran. Mit schnellen Trippelschritten hastet die alte Dame über das Pflaster und biegt in die Via Castello Ursino im Stadtzentrum von Catania ein. An der Tür mit der Hausnummer vier wird Signora Anna von Joseph überschwänglich begrüßt. Vorsichtig hilft ihr der junge Mann aus Gambia über die Steinschwelle des antiken Gebäudes.

 

 

Freitag ist ein besonderer Tag

Es ist Freitag, für Signora Anna ist es ein besonderer Tag, für den sie sich auch etwas herausputzt. Jede Woche bittet die gemeinnützige Organisation Comunità di Sant‘ Egidio zum Mittagessen. Es ist aber weniger der Hunger, der die alte Dame zur Eile treibt. Sie liebt die Gesellschaft, die ausgelassene Laune der jungen Menschen an diesem „gesegnet Ort“, wie Signora Anna sagt. Gekocht wird von den Flüchtlingen, die in einer Wohnung in dem großen Haus wohnen. „Das Essen ist einfach, aber wir sind einfache Leute“, sagt Signora Anna. Pasta mit Tomatensoße, etwas Mozzarella, Salat und Kekse zum Nachtisch.

Neun junge Männer leben in dem alten Gebäude in der Via Castello Ursino. Joseph ist einer davon. Er überlegt kurz. „Gambia, Eritrea, Nigeria“, zählt Joseph auf, dann muss er passen. Er weiß nicht, woher all seine Mitbewohner stammen. So vielfältig wie die Herkunft sind auch die Ursachen ihrer Flucht: Krieg, Verfolgung, Missernten, Hoffnungslosigkeit. Gemeinsam ist allen aber das Ziel ihres Wegs: Europa.

Hilfe für die Ärmsten der Armen

Keiner wird es mir glauben, aber ich habe Glück“, sagt der Gambier. Glück heißt: ein Dach über dem Kopf, jeden Tag etwas zu essen, Arbeit und Menschen, denen er vertrauen kann. All das findet er in der Comunità di Sant‘ Egidio. Seit rund einem halben Jahrhundert hilft die nicht kirchliche Organisation den Ärmsten der Armen. Finanziert wird sie vor allem durch private Spenden und öffentliche Zuschüsse.

Eine Art Wendepunkt in der Arbeit der Helfer auf Sizilien war der 10. August 2013. „Damals ist vor der Küste von Catania ein Flüchtlingsschiff mit knapp 100 Menschen gekentert“, erzählt Emiliano Abramo. „Sechs Menschen sind jämmerlich ertrunken, ihre leblosen Körper wurden im Morgengrauen an der Küste angespült.“

Eine zusammengewürfelte Gemeinschaft

Nach diesem Unglück beschlossen die Helfer der Comunità di Sant‘ Egidio, sich auch um die Flüchtlinge zu kümmern. Emiliano Abramo ist der Leiter der Organisation auf der Insel. „Wir gehen an den Hafen, wenn ein Flüchtlingsschiff nach Catania geschleppt wird, und empfangen die Menschen“, erzählt Abramo, der im Hauptberuf als Dozent an der Universität arbeitet. Die Neuankömmlinge werden allerdings nicht nur gefördert, sondern auch gefordert. „Es ist wichtig, den Menschen Arbeit zu geben, das ist gut für das Selbstwertgefühl“, erklärt Abramo. So setzen sich die Flüchtlinge für die Gemeinschaft der Bedürftigen ein. Sie machen Einkäufe für alte Leute, erledigen kleinere Handwerksarbeiten oder sind einfach nur da, um mit den Einsamen in der Gemeinde etwas zu unternehmen. Emiliano Abramo: „Wir sehen die vielfältigen Möglichkeiten, die ein Mensch in sich trägt. Und wenn die Hilfe für die Flüchtlinge und deren Integration Hand in Hand geht, haben doch beide Seiten gewonnen.“

Das freitägliche Mittagessen gibt es schon länger – und doch hat sich seit der Ankunft der Flüchtlinge viel verändert. Knapp 50 Leute sitzen an den langen Tischen und lassen es sich schmecken. Manche der alten Männer und Frauen sind gekommen, weil sie sich nicht jeden Tag ein warmes Essen leisten können. Zwei Männer erzählen, sie seien seit dem Tod ihrer Frauen alleine und säßen den ganzen Tag in ihren Wohnungen. Nun sind sie hier und genießen die Zeit in der Gemeinschaft. Nach dem Essen helfen alle Gäste beim Abräumen, die Tischdecken werden akkurat zusammengefaltet und in Taschen gepackt, Treffen für die kommende Woche ausgemacht. Mit großem Hallo verabschiedet man sich schließlich voneinander.

Am Nachmittag sitzt Emiliano Abramo in seinem Büro. „Ich weiß, auf Sizilien befinden sich Tausende Flüchtlinge“, sagt er. „Wir können nur wenigen Menschen helfen. Aber wir geben damit ein Zeichen.“ Das sei nur ein kleiner Schritt – aber auch mit vielen kleinen Schritten könne man einen weiten Weg zurücklegen.


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