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8 Jahre nach dem Tod von Kardinal Martini erinnern wir an seine Botschaft beim Friedenstreffen von Mailand 1993

31 August 2020

KircheFriedensgebet

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VII. Internazionales Treffen Menschen und Religionen

Erde der Menschen, Gebet zu Gott
Mailand, 19.-22. September 1993

Botschaft von Kardinal Martini

Unser Planet ist heute von tiefen Spaltungen gezeichnet, die nicht nur Ost und West betreffen, sondern vielleicht noch traumatischer und gefährlicher den Norden und Süden der Welt. Diese Spaltungen, die auf die Distanz zwischen uns und den Ländern des Hungers hinweisen, schienen einst weit entfernt zu sein, doch heute betreffen sie uns im Innersten: auch Europa wird zu einer multiethnischen Welt, daher kommt es zu alten Widerständen, rassistischen Bestrebungen, Misstrauen und Vorurteilen. Die Gesellschaften tun sich immer schwerer, die Gründe für das eigene Zusammenleben darzulegen: das erkennen wir auf alarmierende Weise in den Ländern des postkommunistischen Europas. Das erkennen wir auf ethnischer und politischer Ebene in den Regionen von Mittel- und Osteuropa; das erkennen wir in sehr schwerwiegender Weise im ehemaligen Jugoslawien; das erkennen wir in allen Staaten der ehemaligen Sowjetunion; das erkennen wir auch bei den verschiedenen ethnischen Minderheiten in anderen Ländern (Rumänien, Ungarn, der ehemaligen Tschechoslowakei). Wenn wir den Blick weiten, können wir noch dramatischere Züge wahrnehmen, denn weitgehend ignoriert sehen wir sie bei den schwierigen Friedensverhandlungen und vergessenen Kriegen in den afrikanischen Ländern. Das Zusammenleben ist jedenfalls zunehmend mühsamer geworden; da die gewohnten Bindemittel der gegensätzlichen Ideologien fehlen, wurden alle Individualismen freigesetzt, die nie mit Frieden erfüllt wurden, die nie gelernt haben, sich auf einige Werte zu einigen. In dieser neuen Zeit hat nicht nur das Elend die Hände bewaffnet, wir erleben neue und ungeahnte Wege oder Versuchungen, das Bewusstsein zu militarisieren, so im Nationalismus und im Fundamentalismus. Die Anwesenheit von Ausländern in unserem Europa, die oft eine Minderheit sind und selten illegal hier leben, wird allgemein nicht gern gesehen. Teilweise zeigen die Reaktionen fremdenfeindliche Züge, angesichts derer nicht beachtet wird, dass der fremde Immigrant wirklich ein Armer in unseren heutigen europäischen Gesellschaften ist. Durch Worte und Haltungen im Alltag zeigt sich auf verschiedene Weise und immer häufiger ein instinktives Gefühl der Feindseligkeit gegenüber dem anderen: das ist der einfachste und spontane Weg, um die eigene Identität zum Ausdruck zu bringen. Es zeigen sich wieder Formen von Rassismus in verschiedener Gestalt, in vielen Ländern tragen sie scheinbar Züge eines Massenphänomens: das ist keine Ideologie, sondern ein Alltagsverhalten in Gesellschaften ohne Ideologie, die mit internen Problemen beschäftigt sind und der Versuchung erliegen, Abkürzungen durch "Sündenböcke" zu suchen. Wer den Fremden nicht aufnimmt, pflanzt Wurzeln der Spaltung und des Bösen in den Wohlstandsgesellschaften, die einen fruchtbaren Boden im verbreiteten Gefühl von Unsicherheit und Unzufriedenheit finden. Wir befinden uns heute in einer in der Geschichte nie dagewesenen sozialen Lage. Wir sind in eine neue Zeit der Menschheitsgeschichte auf der Erde eingetreten: alte ideologische und politische Strukturen sind zerfallen, neues Gleichgewicht wird in verworrener Weise gesucht, man spürt die Notwendigkeit einer neuen internationalen Ordnung: die Geographie der Welt wandelt sich. Zwar wurde die Mauer, die Europa spaltete, eingerissen, doch man spürt den Drang, viele neue Mauern zu errichten, manchmal noch höhrere, im Namen des Schutzes der eigenen Sicherheit. Mauern innerhalb der Staaten, Mauern zwischen Volk und Volk, eine große Mauer zwischen dem Norden und dem Süden der Welt. Der Norden ist versucht, sich zurückzuziehen und eine große Barriere zu errichten, die ihn vor aus dem Süden kommender Unsicherheit und Instabilität schützen soll: die hohe Mauer, die das römische Reich der Antike vor den Barbaren schützen sollte. Nachlassende Solidarität, zunehmender Individualismus, Privatisierung des Bewusstseins, Ängste und Unsicherheiten drängen das Individuum dazu, sich ins Private zurückzuziehen. Es sind Symptome für ein allgemeineres Problem: man will nicht über ein universales gemeinsames Schicksal im Hinblick auf Frieden und Gerechtigkeit nachdenken. Doch die aktuelle historische Lage bietet dem Norden der Welt eine einzigartige Chance, um seine Beziehung zum Süden umfassend zu erneuern, während zugleich das Beste aus der geschichtlichen Tradition und der Kultur aller Völker bewahrt werden kann. Vielleicht gibt es zum ersten Mal in der modernen Epoche die Möglichkeit, ein Zusammenleben der Bürger aufzubauen, dass keine Gegensätze kennt. Es ist die Herausforderung, eine Gesellschaft ohne Feinde und Gegner aufzubauen - das heißt aber nicht ohne Identitäten - eine Gesellschaft, in der die Unterschiede versöhnt und integriert sind. Immer wichtiger scheint die Verbundenheit zwischen dem Problem des Friedens und der Frage der Entwicklung zu werden: es könnte nicht utopisch, sondern realistisch und damit auch weitsichtig sein, die Wirtschaft neu auszurichten und sie für das Universum der Werte und der Kulturen zu öffnen, für die Beziehung zur Menschenwürde, zur Freiheit und zur Hoffnung. Neue und umfassende Entwicklungs- und Handlungsstrategien werden benötigt, damit die internationale Gemeinschaft wirtschaftliche und politische Regeln neu entdeckt: die Wirtschaft muss zu einer Wissenschaft und Alltagspraxis werden, die im Namen der Ethik über die eigenen Grenzen hinwegschaut und so ihren Erkenntnis- und Tätigkeitshorizont erweitert. Das alles ist keine Frage eines guten Herzens, es ist auch die intelligenteste Haltung, um die großen heute anstehenden Herausforderungen zu meistern. Es muss wieder Gefallen und Bereitschaft gefunden werden, gemeinsam und solidarisch unterwegs zu sein: das ist das Zeichen und die Garantie einer erwachsenen Gesellschaft. Man muss wieder "große Gedanken und Ideen" wagen, die verbreitete Versuchung überwinden, sich mit provisorischen und unbedeutenden Lösungen zufrieden zu geben, die nur die bestehenden Interessen im Blick haben, doch eine weitsichtige Vision nicht erfassen und sich nicht dazu abstimmen können. Es muss wieder ein gemeinsames humanistisches Gespür entwickelt werden: man muss aus dem Käfig der Eigeninteressen herauskommen und über die Erde der Menschen sprechen. Bei den Friedensprozessen, die oft widersprüchlich sind und aktuell in verschiedenen Teilen der Welt durchgeführt werden, können und müssen die Religionen heute eine wichtige und unersetzbare Rolle spielen. Die Religionen sind in der Lage, Brücken und Beziehungen zwischen Einzelnen und Völkern aufzubauen: sie haben die Kraft und die Fähigkeit, die zu einem Land und einer Kultur gehörenden Grenzen zu überwinden. Ihre Kraft ist schwach, nicht vergleichbar mit der Macht der Waffen, der Gesetze, der Wirtschaftssysteme. Es ist eine spirituelle Kraft, die den Menschen von innen her verwandelt und ihn gerecht und barmherzig macht. Diese Kraft wird heute benötigt: Sowohl die Einzelnen als auch die Völker brauchen sie, wenn sie den Sinn der Vergangenheit, die Bedeutung der Gegenwart und die Hoffnung für die Zukunft neu erfassen wollen. In ihrer Armut besitzen die Religionen den Reichtum von universalen Zielen: alle erinnern daran, dass der Mensch ein gemeinsames Schicksal besitzt im Gegenüber zu den anderen Menschen und zu Gott. In ihrer Schwäche besitzen sie jedoch genügend Energien, um zu allen Menschen zu sprechen und ihnen einen Weg zu weisen, ohne sich vor der Geschichte zu fürchten. Sie können es tun, denn sie sind frei von großen, politischen, strategischen und wirtschaftlichen Interessen, die unsere Gesellschaft beherrschen. Ihre Stärke liegt in dieser Freiheit. Denn der Gläubige muss nicht stark sein, um Stärke zu vermitteln, um Hoffnung zu schenken, muss er nicht selbstsicher sein, um Freude zu schenken, muss er nicht frei von jeglicher Prüfung sein. Johannes XXIII. lehrte mit einem offenen und weisen Herzen des Gläubigen die Christen und alle Menschen guten Willens: "Jeder Gläubige muss in dieser Welt ein Lichtstrahl sein, ein Ort der Liebe, ein lebendiger Sauerteig in der Masse: Je mehr er so lebt, umso mehr lebt er im Innersten von sich selbst in Gemeinschaft mit Gott." Das Gedenken an den dreißigsten Jahrestag von Pacem in Terris - der Enzyklika, die sozusagen das Testament eines weitsichtigen Papstes ist, der wie ein weiser und vorsoglichen Vaters zur ganzen Menschheitsfamilie sprach, die damals wie heute durch Gegensätze und widersprüchliche Interessen gespalten war - ist ein Aufruf an die Christen, die Spaltungen der Welt zu überwinden und mit neuem Verantwortungsbewusstsein die Aufgabe zu übernehmen, gemeinsam mit den Gläubigen der anderen Religionen und allen Männern und Frauen guten Willens den Frieden aufzubauen. Es muss offenkundig werden, dass durch verschiedene Erfahrungen in diesen Jahren das gemeinsame Bewusstsein gewachsen und bekannt geworden ist, dass der Friede ein gemeinsames Geschenk und ein transzendentes Gut ist, das nicht nur auf gemeinsame menschliche Bemühungen zurückgeführt werden kann und das daher in jener "Wirklichkeit" zu suchen ist, "die uns alle übersteigt". Dieses Bewusstsein spielt eine grundlegende Rolle für religiöse Menschen, die trotz der Armut ihrer Mittel berufen sind, ihre Stimme zu erheben, um das Gewissen der Menschen aufzurütteln und ihre Herzen zu verwandeln. Johannes Paul II. sagte beim Tag in Assisi: "Der Friede wartet auf seine Propheten." Zweifellos hat gerade in unseren Tagen auf alte und auch auf neue Weise der Krieg vielleicht nicht Propheten gefunden und findet sie, aber zumindest Anhänger. Man darf nicht auf verschiedenen Seiten den Versuch ignorieren, Entscheidungen für den Krieg zu legitimieren als äußerster und doch immer rechtmäßiger Weg, um mittels der Religionen das eigene Recht durchzusetzen. Diesen Versuch hat es immer in der Geschichte gegeben, doch heute kann dies geschehen, indem jede religiöse Tradition innerlich ausgehöhlt wird. Der authentische Frieden, der nicht auf dem prekären Ende des Krieges und des Sieges gegründet ist, was immer mit der Niederlage für die anderen verbunden ist, ist ein unteilbares Gut, woran Johannes Paul II. unaufhörlich erinnert. Angesichts der Leiden und Kriege, der Ungerechtigkeiten und Unterdrückung, der Nöte und Erwartungen vieler Völker der Erde haben die religiösen Menschen angefangen, sich solidarisch auf die Suche nach dem Weg des Friedens zu machen und ihn aufzubauen. Dieser Friede ist ins Herz einer jeden Religion eingeschrieben, er bedeutet nicht nur das Ende von Krieg, sondern ist eine viel größere und tiefere positive Wirklichkeit, das wahre Ziel der Menschheit. In der Botschaft von Papst Paul VI. zum 1. Januar 1970 zur Feier des Weltfriedenstages lesen wir: "Wenn wir über Frieden sprechen, dann machen wir, liebe Freunde, keinen Vorschlag einer demütigenden und egoistischen Unbeweglichkeit. Frieden genießt man nicht, man schafft ihn. Friede ist kein mittlerweile erreichtes Niveau, er ist ein höheres Niveau, nach dem alle und jeder von uns streben muss. Er ist keine einschläfernde Ideologie; er ist ein deontologisches Konzept, das uns alle für das Gemeinwohl verantwortlich macht und uns zwingt, alle unsere Kräfte für seine Sache einzusetzen, für die wahre Sache der Menschheit. Uns ist die paradoxe Erscheinungsform dieses Programms bewusst; es scheint außerhalb der Realität zu stehen, außerhalb jeder instinktiven, philosophischen, sozialen, historischen Realität (...) Der Kampf ist das Gesetz. Der Kampf ist die Macht des Erfolgs. Und auch: der Kampf ist Gerechtigkeit. (...) Dass der Kampf zu Erfolgen führen könnte, kann niemand bestreiten. Doch Wir sagen, dass er nicht die erleuchtende Idee darstellen darf, die die Menschheit benötigt. Wir sagen, dass es für die Kultur an der Zeit ist, sich von einer anderen Auffassung inspirieren zu lassen als diesen Kampf, als Gewalt, Krieg, Unterwerfung, damit die Welt auf den Weg der wahren und gemeinsamen Gerechtigkeit geführt werde." Die Ressourcen, die den Gläubigen zur Verfügung stehen, schöpfen alle ihre Kraft im Gebet, das ihre Grundlage ist. Es erleuchtet das Leben eines jeden Gläubigen, es schenkt seiner Anwesenheit in der Welt Orientierung, es vermittelt Energien für seinen Einsatz beim Aufbau des Friedens. Denn das Gebet öffnet einerseits für die Begegnung mit Gott und macht dann das Herz eines jeden bereit für die Begegnung mit dem anderen, während es eine Hilfe ist, mit allen und ohne Unterschiede Beziehungen des Respekts, des Verständnisses, der Liebe und der Zusammenarbeit aufzubauen. Das Gebet ist die friedliche Waffe des religiösen Menschen. Wie Johannes Paul II. in Assisi beim Treffen der Religionsvertreter am vergangenen 9. Januar gesagt hat: "Jeder von uns weiß, dass die eigene religiöse Auffassung den Respekt eines jeden Menschen in all seinen Rechten umfasst und nicht für die Unterdrückung des Menschen durch einen Menschen steht; sie ist für das friedliche Zusammenleben der Ethnien, Völker und Religionen, nicht für gewalttätige Gegensätze oder Krieg. Angesichts dieser gemeinsamen Überzeugung, die für die hier anwesenden Religionen aus einem genauen Gespür für die Menschenwürde hervorgeht, muss uns das Schauspiel der Schrecken der aktuellen Kriege auf dem Kontinent, vor allem auf dem Balkan, anregen, zu dem Mittel zu greifen, das den Gläubigen zur Verfügung steht; dieses Mittel ist das Gebet." Die Religionsvertreter haben eine Aufgabe, die sich von denen der Politik sehr unterscheidet. Diese diskutieren über Frieden und Krieg und finden häufig keine Einigung: Meinungen, Strategien, Interessen sind von sehr unterschiedlicher Natur. Oft wollen sie Frieden, doch man möchte nicht die Kosten tragen, die der Friede erfordert. Die Gläubigen dürfen sicherlich nicht den Platz der Politiker in ihren wesentlichen Verantwortungen einnehmen; doch sie haben eine eigene, einfache und zugleich sehr wichtige Aufgabe: sie sind aufgerufen, wachsam zu sein, indem sie auf die Erwartungen und Hoffnungen der Menschen achten, einen ehrlichen Dialog mit allen führen, für den Frieden beten und ihn fortlaufend suchen. So schreibt Papst Paul VI. in der schon zitierten Botschaft weiter - und das könnte sehr gut die aktuelle Aufgabe der Religionsvertreter umschreiben - : "Uns steht es nicht zu, die aktuellen Streitfragen zwischen den Völkern, Rassen, Stämmen und sozialen Klassen zu steuern. Doch Unsere Sendung besteht darin, das Wort an die Menschen zu richten, die einander bekämpfen. Unsere Sendung besteht darin, die Menschen daran zu erinnern, dass sie Geschwister sind. Unsere Sendung ist die Unterweisung der Menschen, dass sie sich lieben, versöhnen und zum Frieden erziehen." Als Christen dürfen wir nicht nachlassen, auf eine besondere Berufung hinzuweisen, um ein einträchtiges Zeugnis für das "Evangelium des Friedens" abzulegen. Der wahre Friede ist ein kostbares Geschenk des auferstandenen Herrn und kein exklusives Gut für die Seinen, im Gegenteil er ist die Quelle einer schwerwiegenden Verantwortung für die Männer und Frauen aller Sprachen, Kulturen und Traditionen "bis zu den Enden der Erde". Als Christen müssen wir auf die großen Herausforderungen der heutigen Welt Antwort geben, indem wir offen sind für die Solidarität mit den anderen Gläubigen, um das große Werk für den Aufbau des Friedens zu vollbringen, den die Welt erwartet, den sie sich zugleich nicht geben kann. Die Botschaft vom 1. Januar 1970 sagt abschließend: "Die Verkündigung des Evangeliums der Vergebung ist scheinbar absurd für die menschliche Politik, denn in der natürlichen Wirtschaft wird Gerechtigkeit oft nicht erlaubt (...) Der Friede, der einen Konflikt beendet, ist gewöhnlich aufgezwungen, eine Unterwerfung, ein Joch (...) Diesem oft geheuchelten und instabilen Frieden fehlt die vollkommene Lösung des Konflikts, also die Vergebung, der Verzicht des Siegers auf die erzielten Vorteile, die erniedrigen und den Besiegen unvermeidlich unglücklich machen; dem Besiegten fehlt zugleich die Seelenkraft der Versöhnung. Kann sich ein Friede ohne Gnade wirklich als solcher bezeichnen? Kann ein vom Rachegeist gesättigter Friede wirklich ein solcher sein? Von der einen und anderen Seite muss an diese höhrere Gerechtigkeit appelliert werden, die Vergebung heißt, die unlösbare Fragen des Ansehens auflöst und Freundschaft noch möglich macht. Eine schwere Lektion; doch ist sie nicht wunderbar? Ist sie nicht vielleicht aktuell? Ist sie nicht vielleicht christlich?" Mit den schwachen Waffen des Gebets und der gemeinsamen Suche, die solidarisch mit den Leiden der Männer und Frauen aller Länder ist, wollen die Anhänger der Religionen weiter als Pilger in dieser Welt unterwegs sein und den Einsatz erneuern, den Frieden aufzubauen und in den verschiedenen Sprachen und Traditionen ihre Bitten zu Gott im Himmel erheben. Mit Freude, Vertrauen und Hoffnung freue ich mich, das kommende Internationale Treffen der Menschen und Religionen anzukündigen mit dem Titel "Erde der Menschen, Gebet zu Gott", das vom 19. bis 22. September 1993 in Mailand stattfinden wird. Es ist eine weitere, nicht unwesentliche Etappe auf diesem Pilgerweg, den Papst Johannes Paul II. selbst in Assisi 1986 begonnen hat, als er Vertreter der christlichen Kirchen und der großen Weltreligionen einberief, um gemeinsam für den Frieden zu beten. Dieser Weg, der seitdem von der Gemeinschaft Sant'Egidio organisiert und unterstützt wird - die den Aufruf des Papstes in der Abschlussbotschaft an jenem historischen Tag aufgeriffen hat - hat in diesen Jahren verschiedene europäische Städte erreicht: Rom, Warschau, Bari, Malta, Brüssel. Über dreihundert Religionsvertreter haben sich für die Tage im September in Mailand verabredet, um sich Fragen zu stellen und die eigene Suche zu vertiefen, um ihren gemeinsamen Einsatz angesichts der Welt zu erneuern und um vor allem den Frieden von Dem zu erbitten, der ihn allein den Menschen schenken kann. Angesichts dieses Ereignisses spürt unsere Ortskirche als Glied der katholischen Gemeinschaft und innerhalb dieser als Trägerin einer eigenen Tradition im Westen - dessen kostbares Zeichen der liturgische Ritus ist mit dem Namen des Hl. Ambrosius - die große Freude, die Friedenspilger willkommen zu heißen, während sie in der eigenen Identität als lateinische Kirche mit Offenheit gegenüber dem Orient die Grundlagen eines aktiven und gemeinschaftlichen Dienstes an der Kommunion wiederfindet. Daher sagen wir allen Teilnehmern unser "Willkommen in Mailand!" Dabei wünschen wir, dass dieses weitere Treffen den Geist der Solidarität und der Zusammenarbeit unter den Gläubigen stärkt und wachsen lässt, der so wertvoll und unerlässlich ist für unsere Zeit. Ich möchte an die Worte von Msgr. Pietro Rossano erinnern - ein bedeutender Mann des Dialogs, der vor ca. zwei Jahren verstorben ist und von Anfang an diese Treffen gewünscht und dafür gearbeitet hat -, die er an die Religionsvertreter beim Internationalen Treffen in Warschau 1989 richtete: "Wir wollen ein Zeichen sein für die Notwendigkeit eines transzendentalen Horizionts für den Menschen in den heutigen Gesellschaften (...) Wir sind uns bewusst, dass die Religion in sich eine schwache Kraft darstellt. Waffen, Geld, politische Macht sind ihr fremd. Doch sie besitzt die Kraft des Geistes, der sie stark, unbesiegbar und letztlich siegreich macht. Wir glauben, sagen zu können, dass die Heiligkeit die Welt retten wird." Der Gemeinschaft Sant'Egidio, den Verantwortlichen der Diözese und allen, die sich schon lange für die Vorbereitung der Initiative einsetzen, wünsche ich eine fruchtbare Arbeit und hoffe auf eine großzügige Zusammenarbeit aller Gläubigen und Menschen guten Willens für ein gutes Gelingen des Treffens im September. Möge Mailand in diesem Jahr und in Zukunft ein Zeichen der Solidarität, des Zusammenlebens und des Friedens für alle Völker sein!

Carlo Maria Kardinal Martini, Erzbischof von Mailand