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Papst Franziskus, Giovanna, eine alte Frau von Sant’Egidio: „Wir haben eine Mission in der Kirche, das Alter neu zu erfinden ausgehend vom Gebet”

11 März 2018 - ROM, ITALIEN

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Heiliger Vater,
ich heiße Giovanna und bin fast 80 Jahre alt. Für mich ist es eine große Freude, Sie zu treffen. Ich bin alt, und heute ist das Alter schwierig. Das Leben ist länger geworden, doch die Gesellschaft hat sich nicht auf dieses Leben „eingestellt“, wie Sie gesagt haben. Das Alter wir oft als eine Art Krankheit angesehen, von der man sich fernhält, solange man kann. Das habe ich gemerkt, als ich in Pension ging. Bis dahin hatte ich das Alter ignoriert, doch nun konnte ich es nicht mehr von mir fernhalten. Ich hatte vorher nie viel Zeit für mich. Wie sollte ich sie jetzt füllen?
Meine Angehörigen sagten: endlich kannst du ein wenig an dich denken! Das tun viele meiner Altersgenossen: Reisen, neue Hobbies, vielleicht auch etwas Sport. Nichts Schlechtes. Doch ich wollte noch nützlich sein!
Was tun? Vorher hatte ich nicht einmal Zeit, mir diese Frage zu stellen… Dann die Arbeit, die Familie… alles bestätigte mir, dass ich nützlich war. Und nun?
Ich danke Ihnen, weil sie uns alte Menschen daran erinnern, dass wir eine Mission in der Kirche haben und dass „man nicht das Ruder ins Boot einziehen muss“. Sie haben zu uns gesagt, dass „wir das Alter ein wenig erfinden müssen“. Ich habe versucht, das zu tun, und die erste Art, die ich fand, war das Gebet.
Als alte Frau habe ich mit dem Beten begonnen. Nicht immer habe ich dem Gebet in meinem Leben Zeit und Bedeutung zugestanden. Ich hatte zu viel zu tun, war mit zu vielen Dingen beschäftigt.
Heute lebe ich das Gebet auch als Dienst für die anderen. Nicht nur für die, die ich kenne und die mir nahe stehen, sondern auch für die Kranken, die Gefangenen, die Opfer von Elend und Krieg. Durch das Gebet habe ich die beste Art des Reisens entdeckt, durch das ich an viele Orte der Welt komme.
Zusammen mit dem Gebet habe ich auch entdeckt, dass ich viel zu geben habe. Wir alten Menschen haben noch Beine, die auf andere zugehen können, Arme, die Hilfe anbieten können, Worte, die trösten können, und vor allem viel Zuneigung, die jungen Menschen mit einem leeren Leben ohne Liebe Wärme und Freude schenken kann.
Heiliger Vater,
wir haben noch Kraft und Energie, und wenn Gott will, etwas Leben vor uns! Wir bitten Sie, dass die Kirche uns mehr als Arbeiter in ihrem Weinberg einbezieht! Die Kirche sollte mehr verstehen, dass es die alten Menschen gibt und dass sie eine Stärke sind auch in Zeiten der Schwäche.
Wir können anderen auf vielerlei Weise helfen: indem wir andere alte und kranke Menschen besuchen, auch wenn sie im Heim sind, indem wir Gefangene besuchen und auch mit Jugendlichen sprechen, die oft allein leben. Das tue ich mit meinen Enkeln und merke, wie sinnvoll das ist!
Einige alte Menschen der Gemeinschaft haben auch angefangen, Flüchtlingen zu helfen und Sprachunterricht zu erteilen. Die alten Menschen können die Integration fördern! Diese jungen Leute finden in uns Väter und Mütter und vor allem Großeltern.
Dann, Heiliger Vater, sind wir Alten für den Frieden! Wir haben schon genug unter dem Krieg in Europa gelitten und kennen seine Schrecken. Wir sind davon überzeugt, dass wir alte Leute Friedensarbeiter in der Gesellschaft sein können, wenn wir Wertschätzung erfahren. Möge die Kirche auf uns hören und uns helfen, Gehör zu finden!