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Papst Franziskus richtet den Sonntag des Wortes Gottes ein. Andrea Riccardi: Heilige Schrift, Kraft des Gottesvolkes

1 Oktober 2019

Papst FranziskusAndrea Riccardi

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"Deshalb lege ich fest, dass der Dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet sein soll... denn die Heilige Schrift zeigt denen, die auf sie hören, den Weg, der beschritten werden muss, um zu einer authentischen und soliden Einheit zu gelangen." DAS GESAMTE DOKUMENT "APERUIT ILLIS

Andrea Riccardi gibt in AVVENIRE eine Einführung und Erklärung zu diesem Übergang im Leben der Kirche: Die Heilige Schrift als Kraft des Gottesvolkes

Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils bringt auch nach über fünfzig Jahren noch weitere Früchte in der Kirche hervor, wie es im Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus Aperuit Iilis deutlich wird, durch das der Sonntag des Wortes Gottes eingerichtet wird.

Es ist keine unbedeutende Entscheidung, einen gesamten Sonntag der Feier des Wortes Gottes zu widmen. Gewissermaßen ist es ähnlich wie das Fronleichnamsfest, das im christlichen Volk tief verwurzelt ist und 1264 von Urban IV. eingeführt wurde, um die Verehrung der Eurcharistie zu verbreiten.

Denn das Konzil sagt in der dogmatischen Konstitution Dei Verbum: "Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht." Dieses Bewusstsein hat sich vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stark verbreitet, das - wie Franziskus sagt - "einen bedeutenden Impuls für die Wiederentdeckung des Wortes Gottes" gegeben hat. Man erinnere nur daran, dass das Volk durch die Liturgiereform die Lesungen aus der Bibel wieder in der eigenen Sprache hört. Der leidenschaftliche Vertreter der Lectio Divina, Mariano Magrassi, sagt, dass das Konzil durch diese Reform und die Umgangssprache beim Gottesvolk angekommen ist. Es soll hier nicht auf die Geschichte des halben Jahrhunderts eingegangen werden und die Initiativen, Begeisterung, das Studium und Engagement. Leider hat die Bischofssynode von 2008 mit der von Benedikt XVI. im schönen Text von Verbum Domini verbreiteten Botschaft nur geringe Auswirkungen gehabt. Am Ende des Jubiläums der Barmherzigkeit hat Franziskus dazu eingeladen, einen Sonntag ganz dem Wort Gottes zu widmen und damit eine Grundlage geschaffen. Jetzt legt der Papst mit diesem Brief fest, dass der dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidment sein soll: ein Auftrag für die Ortskirchen und die Gemeinden. Das Datum befindet sich im Zeitraum der Gebetswoche für die Einheit der Christen und des dem jüdisch-christlichen Dialog gewidmeten Tages. Die Entscheidung rezipiert die vielen nachkonziliaren Erfahrungen und weist - als einen einzigen Weg - in die Zukunft.

Einsatz und Kreativität für eine gemeinsame Leidenschaft sind erforderlich: das Wort Gottes soll unter den Gläubigen und in der Kirche wachsen. Damit wächst das Bewusstsein der Kirche: "Die Beziehung zwischen dem Auferstandenen, der Gemeinschaft der Gläubigen und der Heiligen Schrift ist für unsere Identität äußerst wichtig", sagt Aperuit.

Ein Wachstum der Spiritualität und des Bewusstseins vollzieht sich, wenn das Wort Gottes gelesen wird, lehrt Gregor der Große. Dei Verbum hat die alte Weisheit in Erinnerung gerufen: "Es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben." Das Wort wächst in der Kirche. Der Mönch Benedetto Calati, ein Förderer des Hl. Gregor des Großen, betont mit Begeisterung diese Dynamik, die auch die Gläubigen durch das Hören und die spirituelle Erfahrung stärkten. Er sagte: "Die gesamte kirchliche Gemeinschaft (...) besitzt ihre prophetische Aufgabe in der gemeinsamen Einsicht und im Wachstum des Wortes." In der Vernachlässigung eines solch wesentlichen Aspektes, liegt vielleicht der Grund für die spirituelle Unreife.

Johannes Chrysostomus erklärte den gläubigen Laien in der Predigt: "Man könnte sagen: Ich bin kein Mönch, ich habe eine Ehefrau und Kinder, ich muss mich um ein Haus kümmern. Das hat alles zugrunde gerichtet: Meint ihr, dass sich die göttlichen Schriften nur an diese [die Mönche] richten, während ihr sie viel nötiger habt als sie."

Es wird eine spirituelle Unreife oder eine mechanische und lehrhafte Unterweisung bevorzugt, statt ein lebendiger Kontakt mit den Schriften. Das Konzil erinnert zudem an den Hl. Hieronymus, der sagt: "Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht." Der Text von Aperuit illis ist schön und tief und enthält viele Anregungen. Die Aufnahme dieser Botschaft in den Gemeinden ist von einem grundlegenden Bewusstsein getragen: "Die Bibel kann nicht nur einigen wenigen gehören... Sie gehört vor allem dem Volk, das versammelt ist, um sie zu hören und sich in diesem Wort selbst zu erkennen." Sie ist nicht "bestimmten Kreisen oder ausgewählten Gruppen" vorbehalten, denn die "Bibel ist das Buch des Gottesvolkes".

Dies bedeutet, dass eine "Verehrung" des Volkes für die heiligen Seiten der Bibel, wie ich es nennen möchte, eingerichtet oder gestärkt wird, indem sie gelesen, gelebt, verehrt und in den Mittelpunkt des Lebens und der Gemeinde gestellt wird. Dies ist ein langer Prozess - doch wir stehen nicht erst am Anfang - der Engagement und Kreativität erfordert im Bewusstsein: "Wer sich jeden Tag vom Wort Gottes nährt, wird wie Jesus zu einem Zeitgenossen der Menschen, denen er begegnet." In dieser komplexen Welt unserer Zeit und in den Begegnungen und Auseinandersetzungen der Identitäten darf man sich nciht hinter Mauern verschanzen, aber andererseits auch nciht in einem Konformismus auflösen, den Fromm als "Religion unserer Zeit" bezeichnet hat. Um der heutigen Komplexheit zu begegnen, sind die gläubigen Frauen und Männer aufgerufen, ihr Herz im Hören auf das Wort zu vereinen und sich für die Vielfält der Begegnungen und Wege zu öffnen. Johannes Chrysostomus, der Meister des Hörens auf das Wort Gottes lehrt: "Seid einfach mit Intellenz."