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"Jesus, der Lehrer des Gebets". Worte von Papst Franziskus

5 November 2020

GebetPapst Franziskus
Die Worte von Papst Franziskus

Katechese bei der Generalaudienz am 4. November 2020

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In seinem öffentlichen Leben schöpft Jesus fortlaufend aus der Kraft des Gebets. Die Evangelien sprechen davon, dass er sich an abgelegene Orte zum Gebet zurückzog. Das sind nüchterne und zurückhaltende Hinweise, die eine Vorstellung von diesem Dialog im Gebet erkennen lassen. Sie bezeugen zugleich eindeutig, dass Jesus auch in Zeiten verstärkter Hinwendung zu Armen und Kranken seinen vertrauten Dialog mit dem Vater niemals vernachlässigte. Je mehr er von der Not der Leute umgeben war, umso mehr spürte er das Bedürfnis, in der dreifaltigen Kommunion Ruhe zu finden, zum Vater und Geist zurückzukehren.
Im Leben Jesus findet sich somit ein Geheimnis, das menschlichen Augen verborgen ist und das Zentrum von allem darstellt. Das Gebet Jesu ist etwas Geheimnisvolles, von dem wir kaum etwas erahnen, doch es erlaubt uns, die rechte Perspektive seiner gesamten Sendung zu erfassen. In einsamen Stunden - vor Sonnenaufgabe oder des Nachts - taucht Jesus in seine Vertrautheit mit dem Vater ein, sozusagen in die Liebe, nach der jede Seele dürstet. Schon in den ersten Tagen seines öffentlichen Wirkens wird dies deutlich.
Einmal am Sabbat wird beispielsweise die Kleinstadt Kapharnaum zu einem "Feldlazarett": nach Sonnenuntergang bringen sie alle Kranken zu Jesus, und Er heilt sie. Doch vor Sonnenaufgang verschwindet Jesus: er zieht sich an einen einsamen Ort zurück und betet. Simon und die anderen suchen ihn, als sie ihn finden, sagen sie: "Alle suchen dich!" Wie antwortet Jesus? "Lasst uns anderswohin gehen, in dei benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen" (vgl.. Mk 1,35-38). Jesus ist immer ein wenig voraus, voraus im Gebet mit dem Vater und voraus in anderen Dörfern und Horizonten, um anderen Völkern zu verkünden.
Das Gebet ist das Steuer, das dem Weg Jesu Richtung schenkt. Die Etappen seiner Sendung werden nicht von Erfolgen oder Zustimmung und auch nicht in der verführerischen Aussage "alle suchen dich" bestimmt. Den Weg Jesu gibt die unbequemere Richtung vor, die jedoch der Eingebung des Vaters entspricht, auf den Jesus hört und den er in seinem einsamen Gebet aufnimmt.
Der Katechismus sagt: «Wenn Jesus betet, lehrt er uns schon beten» (Nr. 2607). Daher können wir dem Beispiel Jesu einige Charakteristiken des christlichen Gebets entnehmen.
Vor allem besitzt es einen Primat: Es ist der erste Wunsch des Tages; etwas, das im Morgengrauen praktiziert wird, noch bevor die Welt erwacht. Es schenkt eine Seele, wo sonst kein Atem vorhanden wäre. Ein Tag ohne Gebet läuft Gefahr, sich in eine unangehme oder öde Erfahrung zu verwandeln: was uns auch immer widerfährt, könnte sich in ein schwer erträgliches und blindes Schicksal verwandeln. Jesus erzieht jedoch zum Gehorsam gegenüber der Realität und daher zum Zuhören. Das Gebet ist insbesondere Zuhören und Gottesbegegnung. Die Alltagsprobleme werden daher nicht zu Hindernissen, sondern zu echten Aufrufen Gottes, um dem zuzuhören und zu begegnen, der vor uns steht. Die Prüfungen des Lebens verwandeln sich somit in Gelegenheiten des Wachstums im Glauben und in der Liebe. Der tägliche Weg mit den Anstrengungen wird in eine Perspektive der "Berufung" verwandelt. Das Gebet besitzt die Macht, in Gutes zu verwandeln, was im Leben sonst eine Strafe wäre; das Gebet hat die Macht, dem Denken einen weiten Horzont aufzutun und das Herz zu weiten.

Zweitens ist das Gebet eine hartnäckig zu pflegende Kunst. Jesus selbst sagt: klopft an, klopft an, klopft an. Wir alle können Gebete aus dem Stegreif sprechen, die durch momentane Regungen entstehen. Jesus erzieht uns zu einer anderen Art des Betens: zu einem Beten, das kontinuierliche Praxis erfordert, Disziplin und Übung, einen festen Platz im Alltag haben muss. Ein ausdauerndes Gebet führt zu einer schrittweisen Verwandlung, macht stark in Zeiten der Betrübnis, schenkt die Gnade, von Ihm gestützt zu werden, der uns liebt und immer behütet.
Eine weitere Charakteristik des Gebets Jesu ist die Einsamkeit. Wer betet, tritt nicht aus der  Welt hinaus, sondern bevorzugt einsame Orte. Dort, in der Stille, können viele, tief in unserem Herzen verborgene, manchmal unterdrückte Wünsche und Wahrheiten zum Vorschein kommen. Und vor allem: in der Stille spricht Gott. Jeder Mensch braucht einen Freiraum für sich, um sein innerliches Leben zu pflegen, dort findet das Handeln einen Sinn. Ohnen Innenleben werden wir oberflächlich, aufgeregt, ängstlich - wie schädlich sind die Sorgen!
Daher müssen wir uns dem Gebet zuwenden; ohne inneres Leben fliehen wir vor der Wirklichkeit, wir fliehen auch vor uns selbst und sind ständig Männer und Frauen auf der Flucht.
Letztlich ist das Gebet Jesu der Ort, an dem erfahren wird, dass alles von Gott kommt und zu Ihm zurückkehrt. Teilweise fühlen wir Menschen uns als Herren von allem, oder wir verlieren stattdessen jede Selbstachtung, wir laufen von einer Sache zur nächsten. Das Gebet hilft uns, in der Beziehung zu Gott, unserem Vater, und zur ganzen Schöpfung die richtige Haltung einzunehmen. Schließlich das Gebet Jesu besteht auch darin, sich in die Hände des Vaters zu geben, wie Jesus im Ölgarten, in dieser Angst: „Vater, wenn es möglich ist ... aber dein Wille geschehe". Gebt euch in die Hand des Vaters. Es ist schön, wenn wir aufgewühlt, besorgt sind und der Heilige Geist uns von innen heraus verwandelt, uns dazu führt, uns ganz die Hände des Vaters zu geben: „Dein Wille geschehe”.
Liebe Brüder und Schwestern, entdecken wir im Evangelium Jesus Christus als Lehrer des Gebets und gehen wir in seine Schule. Ich verspreche euch, dass wir die Freude und den Frieden finden.

(eigene Übersetzung)