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April 26 2010

Wurzburg: Liturgy hosted by M. Robert Zollitsch, archbishop of Freiburg and president of the German Bishops’ Conference, in the Franziskanerkirche

 
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On Sunday, April 25th the archbishop of Freiburg diocese, Dr. Robert Zollitsch, chairman of the German Bishops’ Conference, hosted a solemn liturgy together with the Community of Sant’Egidio in the Franciscan church in Würzburg

Between the 500 faithful  there were many friends of the Community, elderly, members of the movements “The Friends” and “Peace People”

After the liturgy the archbishop greeted some of them in the church cloister.

 

     

 

 Homily of Robert Zollitsch (DE)

Predigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch
anlässlich seines Besuchs der Gemeinschaft Sant’Egidio
in Würzburg am 25. April 2010
Apg 13,14.43b-52; Offb 7,9.14b-17; Joh 10,27-30


Hirtendienst in unserer Zeit

Liebe Schwestern, liebe Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens,
der vierte Sonntag in der Osterzeit wird allgemein der „Gute-Hirte-Sonntag“ genannt. Das legt sich schon von den Schrifttexten nahe, die an diesem Sonntag verkündet werden, und die Jesus Christus als den Guten Hirten darstellen, der sich um die ihm anvertrauten Schafe sorgt. Im Johannesevangelium haben wir die ermutigenden Worte Jesu gehört: „Meine Schafe hören auf meine Stimme. […] Ich gebe Ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ (Joh 10,27f) Welch hoffnungsvolle und Mut machende Botschaft, die von Vertrauen und Hingabe gekennzeichnet ist! Wir dürfen alles von Gott erwarten; und er sorgt für uns, weiß um das, was wir benötigen und brauchen! Das darf uns aufrichten und voller Zuversicht unseren Lebensweg gehen lassen! Gott ist bei uns und gibt uns, was wir zum Leben brauchen.
Dass sich Jesus Christus als der „Gute Hirte“ bezeichnet, kann für uns als Kirche dann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Denn wenn wir nach seinem Beispiel leben und handeln wollen, dann sind wir selbst gefordert, dieses Bild aufzugreifen, und unser Wirken als Kirche daran auszurichten. So ist es kein Zufall, dass wir das Handeln der Kirche als „Pastoral“ bezeichnen und in vielen norddeutschen Gebieten der Pfarrer „Pastor“ genannt wird. Beides leitet sich aus dem lateinischen Wort für „Hirte“ – Pastor – ab und lehnt sich bewusst daran an. Und doch zeigt sich darin auch ein Grundproblem der Kirche: Was passiert, wenn es weniger Pastoren, weniger amtliche Hirten in der Kirche gibt? Wer kann dann dieses kraftvolle Bild einer fürsorglichen, einer mitfühlenden und Richtung weisenden Kirche geben? Geschieht diese Seelsorge dann nicht in immer größerer Distanz zu den Gläubigen? Wo kann der Einzelne diese Erfahrung noch machen, dass es diese Hirtensorge in der Kirche gibt?
Diese Fragen beschäftigen Viele in unserer Kirche und deshalb ist der 4. Sonntag der Osterzeit auch der Tag, an dem wir dazu eingeladen sind, in besonderer Weise um geistliche Berufe für die Kirche zu beten. Denn wir alle spüren, dass wir Seelsorger in unserer Kirche brauchen, dass es deshalb notwendig ist, die Bitte darum im Gebet vor Gott zu tragen. Ich lade Sie ein, dies auch heute in diesem Gottesdienst zu tun; zugleich ist es aber auch über den heutigen Tag hinaus wichtig, das Anliegen um geistliche Berufe in unserem Herzen mitzutragen, junge Menschen zu ermutigen, auf die Stimme Gottes zu hören und seinem Ruf zu folgen. Und doch: Die Frage nach der Hirtensorge hat noch eine tiefere Dimension.
Schon vor sieben Jahren habe ich damals als Personalreferent vor Pfarrgemeinderäten einen Vortrag gehalten, der folgende provozierende Überschrift hatte: „Wenn Schafe zu Hirten werden.“ Was vielleicht auf der einen Seite Widerspruch und auf der anderen Seite Schmunzeln hervorruft, hat jedoch einen tiefen Hintergrund. Dort, wo weniger amtlich bestellte Hirten da sind, da werden diejenigen, die bisher ihrer Sorge anvertraut waren immer mehr selbst diejenigen, die für andere da sind. Da vollzieht sich – beinahe unbemerkt – eine Veränderung, die das Gesicht der Kirche in dramatischer Weise umgestaltet. Es stellt uns alle vor eine große Herausforderung, denn Hirte oder Mit-Hirte wird man nicht einfach so über Nacht. Dazu braucht es ein Einüben, dafür haben wir in die Schule des Guten Hirten zu gehen, der uns dazu den rechten Weg weist und in seinen Dienst einbezieht. Und doch ist es für uns als Kirche unerlässlich, dass wir diese Herausforderung annehmen, dass wir erkennen, was in den Texten des II. Vatikanischen Konzils schon lange enthalten ist, aber manchmal immer noch zu sehr in Vergessenheit geraten ist: Dass wir alle gemeinsam, Priester und Laien, Kirche bilden und den Auftrag haben, das Evangelium Jesu Christi zu leben und zu verkünden. Jeder von uns hat Fähigkeiten, die er dabei in der Nachfolge Jesu einbringen kann. Im Dekret des Konzils über das Laienapostolat APOSTOLICAM ACTUOSITATEM heißt es etwa: „Aus dem Empfang dieser Charismen, auch der schlichteren, erwächst jedem Gläubigen das Recht und die Pflicht, sie in Kirche und Welt zum Wohl der Menschen und zum Aufbau der Kirche zu gebrauchen.“ (AA 7)
Vieles könnte man auflisten, um zu zeigen, dass dies den Kernauftrag Jesu Christi berührt; dass wir alle dazu beitragen können, dass Kirche lebendig und kraftvoll erscheint und für die Menschen da ist. Denn es kommt nicht vordringlich darauf an, zwischen der sog. Amtskirche und dem Volk Gottes zu unterscheiden; erst wenn alle sich miteinander einbringen, dann werden wir Kirche bilden, die Gemeinschaft der Glaubenden, die in der Nachfolge Jesu steht.

Liebe Schwestern, liebe Brüder in der Gemeinschaft Sant‘Egidio,
genau hier hat Ihr Gründer, Andrea Riccardi angesetzt! Durch sein Beispiel wird deutlich, wie sehr auch und gerade Laien in gewissem Sinn am Hirtendienst in der Kirche teilhaben können! Er zeigt, dass dort Großartiges entstehen kann, wo ich mich vom Evangelium berühren lasse und in meinem Leben danach handle. Er verwirklicht das, was der Gründer von Taizé, Frère Roger Schütz, in diesem schlichten Satz ausgedrückt hat: „Lebe das, was Du vom Evangelium begriffen hast!“ Dieser einfache Auftrag ist es, der für die Welt ein großes Hoffnungszeichen werden kann. Und dass niemand zu schwach, zu jung oder zu gering ist, um diesem Auftrag zu entsprechen, das führt uns Andrea Riccardis Lebensgeschichte selbst vor Augen. Als Schüler hat er 1968 gemeinsam mit Mitschülern und Studenten Ihre Initiative ins Leben gerufen. Ohne große Ausbildung. Mit den geringsten Mitteln. Aber mit großem Gottvertrauen und mit der Gewissheit, sich für Jesus Christus einzusetzen! Und welch großartige Bewegung ist daraus entstanden: Der Einsatz für den Frieden in der Welt, die radikal gelebte Freundschaft mit den Armen, ja auch Ihr persönlicher Einsatz hier in Würzburg für diejenigen, die der Hilfe bedürfen. Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten. Das sind Früchte des Glaubens, und des Geistes die dort wachsen, wo wir uns ganz auf Jesus Christus einlassen, uns von ihm führen lassen und erkennen: Was wir dem geringsten unserer Brüder und Schwestern getan haben, das haben wir ihm getan. (vgl. Mt 25)
Indem Andrea Riccardi so gehandelt hat, ist er – ohne es anzustreben – in einem guten Sinn so etwas wie ein Hirte für viele geworden, weil er voran gegangen ist, um Jesus Christus heute eine Stimme zu geben. Und durch sein Beispiel hat er viele direkt und indirekt ermutigt, es ihm gleich zu tun: aus dem Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen, und über die Freundschaft zu Jesus Christus die Freundschaft zu den Menschen zu finden. Das Zeugnis, das auf diese Weise für den Glauben abgelegt wird, und das Sie hier in Würzburg in großer Treue leisten, ist es, das uns als Christen mit unserer Botschaft glaubwürdig macht. Denn es reicht nicht aus, uns mit schönen Worten für den Frieden in der Welt einzusetzen, aber keine konkrete Friedensarbeit zu leisten. Es ist zu wenig, wenn wir den Wert des Lebens in Diskussionen oder Redebeiträgen bezeugen, dann aber die Menschen mit ihren Sorgen allein lassen. All das ist wichtig und das ist der Auftrag des Evangeliums. Aber mehr noch ist es unsere Aufgabe, Tag für Tag zu zeigen, dass wir als Christen dies leben. Dass wir den Menschen beistehen, die unsere Hilfe brauchen; dass wir durch unser Tun dazu beitragen, dass Konflikte gelöst werden können. Hier zeigt es sich, wie wir unseren Glauben leben; daran erkennen wir, dass die Botschaft des Evangeliums nicht nur angenommen werden muss – das ist wichtig – sondern vor allem auch gelebt wird! Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie dies in Ihrer Gemeinschaft Tag für Tag tun! Dass Sie in diesen Zeiten, die für die Kirche so schwierig sind, weil wir mit ihrer dunklen Seite konfrontiert werden, zeigen, wohin das Engagement aus dem Glauben führt. Wenn wir in diesen Tagen zu Recht die Erneuerung der Kirche einfordern und anstreben, dann kann dies vor allem auf diesem Weg gehen, das Evangelium zu leben und in den Alltag neu zu buchstabieren.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
was braucht es, dass dies gelingen kann? Ich glaube, zwei Dinge. Zum einen brauchen wir den wachen Blick in die Gesellschaft hinein. Wir haben zu schauen, welche Probleme es sind, die den Menschen auf der Seele lasten. Welche Missstände, die es anzugehen gilt. Und wenn wir dann in der Nachfolge Jesu tätig werden wollen, haben wir etwas Zweites zu tun. Wir dürfen dann nicht sofort loslegen und aktivistisch alles schnell besser machen wollen. Wir brauchen zugleich eine Tankstelle für uns selbst, um uns für unser Tun zu stärken. Deshalb ist es so wertvoll, dass Sie nicht gleich mit der guten Tat beginnen, sondern an den Anfang das Gebet  gesetzt haben, regelmäßig miteinander die Eucharistie feiern. Nur wenn ich mich mit dem Guten Hirten verbinde, mich an ihn wende, kann ich selbst in seinem Namen handeln! Es wird oft übersehen, wie wichtig es ist, dass wir unsere eigenen Quellen lebendig halten. Die Begegnung mit Jesus Christus, das regelmäßige Gebet, die Gemeinschaft im Glauben: das ist es, was uns die Kraft gibt, uns für die Anderen einzusetzen. Sonst stehen wir in Gefahr, eine gesellschaftliche Gruppe unter vielen zu werden, die irgendwann austauschbar werden. Unsere Kraft und unseren Auftrag haben wir aber von Jesus Christus, der nicht nur hier auf Erden den Menschen Heil schenken will, sondern das Heil gibt, das bleibt, das über den Tod hinaus besteht! Dadurch, liebe Schwestern und Brüder, haben wir den Menschen viel zu geben; können wir Hoffnung und wirklichen Trost schenken! Ich freue mich und bin dankbar dafür, dass Sie dies in Sant‘Egidio hier in Würzburg und auf der ganzen Welt in zahlreichen Projekten tun. Auf diese Weise sorgen Sie dafür, dass es in unserer Zeit viele „Mit-Hirten“ gibt, die die Menschen zu unserem Guten Hirten führen und zu gelingendem Leben verhelfen. Das Sie diesen Dienst weiterhin mit Freude leisten können, dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen, um in der Begegnung mit ihm immer neu die Kraftquelle des Lebens zu erfahren.


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