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17 November 2008 09:30 | Hilton Cyprus - Akamas Hall

Daniel Deckers



Daniel Deckers


Journalist, FAZ, Deutschland

Wer als Zeitungsredakteur (political editor) seit Jahren Tag für Tag mit allen Höhen und Tiefen des Lebens konfrontiert ist, der entwickelt mit der Zeit mit großer Wahr-scheinlichkeit nicht nur eine gewisse Aversion gegen hochtrabende Rhetorik, son-dern auch gegen hochtrabende Fragestellungen, die vielfach die Ursache solcher Rhetorik sind. (Das gleiche gilt im übrigen für die entsprechende religiös-kirchliche Rhetorik und die entsprechenden hochtrabenden Fragestellungen).

So war ich auch nicht amüsiert (not amused), als mir die freundliche Bitte übermit-telt wurde, mich doch zu der Frage zu äußern, ob jetzt Europas Stunde geschlagen hätte – und das auch noch in dieser illustren Runde.

Freilich haben wir als Redakteure auch gelernt, unsere Gefühle zu beherrschen, wozu wir uns nicht nur auf subtile Techniken wie Yoga verlassen müssen. Vielmehr steht uns eine ganz banales Verfahren zur Verfügung, das auch noch den Vorteil hat, auf einen sehr einfachen Namen zu hören. Es ist die W-Verfahren.

Sollten Sie jetzt an einen Politiker denken, dessen zweiter Vorname Walker lautet und gemeinhin mit W abgekürzt wird, dann sind Sie auf dem Holzweg. Mir George W. Bush hat das Gemeinte nichts zu tun. Viel einfacher: Hinter W verbergen sich kurze, präzise Fragen: „Wer? Was? Wann? Wie? Warum? Welche Quelle?“

Lassen Sie mich versuchen, anhand dieser W-Technik in aller Kürze eine Antwort auf die mir gestellte Frage zu finden.

Erste Antwort: Die Antwort auf die Frage „Has Europe´s time come?“ kann nur eine Gegenfrage sein: „Was heißt ,Europa’?

Wie aber könnte die Antwort auf diese Frage lauten? Der italienische Schriftsteller Claudio Magris hat unlängst mit Hilfe des Kirchenvaters Augustinus eine Antwort gefunden: „Ich fühle mich als Europäer, aber mit Europa ergeht es mir wie Augus-tinus mit der Zeit: ‚Wenn man mich nicht danach fragt, was es ist, weiß ich, was es ist. Wenn man mich danach fragt, weiß ich es nicht mehr’.“

Mir geht es nicht anders. Auch ich fühle mich als Europäer, aber von welchem Eu-ropa die Rede ist, wenn vor allem die politischen Eliten von der Stunde Europas sprechen, weiß ich nicht.
 
Immerhin: Von außen betrachtet ist die EU eine Erfolgsgeschichte, geschrieben ge-wissermaßen als Palimpsest auf der Landkarte eines von Nationalismus und Hass immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung gebrachten Kontinents. Sechzig Jahre Frieden in Mittel- und Westeuropa, und das bei stetig steigendem Wohlstand von immer mehr Bürgern – das gab es seit Menschengedenken nicht. Wenn das nicht Erfolg und Verpflichtung zugleich wäre, zumal die Europäische Union des beginnenden 21. Jahrhunderts zumindest geographisch nicht mehr allzu viel mit der EWG der unmittelbaren Nachkriegszeit verbunden sind ….

Doch ist Europa nicht nur im Inneren friedlicher und einiger, sondern auch nach Außen handlungsfähiger und handlungswilliger geworden? Gegenwärtig deutet nicht viel darauf hin, dass dies so sein könnte. Wenn mich nicht alles trügt, dann steht dem europäischen Projekt ad intra, dem „gemeinsamen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“, kein gleichwertiges Projekt ad extra gegenüber.

Kann es ein solches überhaupt geben?

Lassen Sie mich nur einen Faktor nennen. Was in der Sprache der Politik als „Ost-Erweiterung“ der EU bezeichnet wurde, war für Papst Johannes Paul II etwa ganz anderes: eine Wiedervereinigung. Diese Wiedervereinigung freilich führte zusam-men, was nicht freiwillig getrennt war. Wenn für den Westen Europas die Epoche des Totalitarismus 1945 endete, so dauerte sie in Mittel- und Osteuropa mehr als vier Jahrzehnte länger. Das prägt.

Bis heute erzählen die Staaten im Einflussbereich der Sowjetunion nicht nur die Geschichte des 20. Jahrhunderts anders als die demokratisch verfassten Gesell-schaften des Westens. Sie lesen auch die Gegenwart anders und haben andere Be-fürchtungen für die Zukunft, wie sich im Sommer während des bewaffneten Kon-fliktes zwischen Russland und Georgien – zweier sich als christlich verstehender Völker – überdeutlich zeigte.

Wie lange die Traumata des 20. Jahrhunderts noch weiterleben, vermag ich nicht zu sagen. Aber man muss kein Prophet sein um zu ahnen, dass noch Jahrzehnte ins Land gehen werden, ehe Europa politisch so agieren kann als seien sie die Ver-einigten Staaten von Europa – wenn überhaupt.

Denn nicht erst in Jahrzehnten, sondern schon in wenigen Jahren wird sich wieder die Frage nach den äußeren Grenzen Europas stellen. Geographisch nicht sie ein-deutig zu beantworten. Jede politische Antwort aber wird unvermeidlich heftige po-litische Verwerfungen mit sich bringen. Soll die Ukraine etwa ausgeschlossen blei-ben, wenn die Türkei aufgenommen wird? Soll die Türkei aufgenommen werden, weil die Ukraine nicht berücksichtigt wird? Oder sollen beiden Staaten vor der Tür stehen? 

Kurz: War die politische Basis einer „Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik“ schon im „alten Europa“ nicht sonderlich breit (Balkan-Krieg), so ist sie durch die europäische Wiedervereinigung eher schmaler geworden.

Wenn wir aber glauben, dass Europa alias EU die Stunde nicht geschlagen hat, ist nur die Was-Frage beantwortet. Doch wie steht es mit der Wer-Frage?

Man kann mit guten Gründen argumentieren, dass jeder politischen Definition Eu-ropas eine kulturelle vorausliege: Wenn man schon nicht weiß, was Europa ist, so kann man doch fast intuitiv wissen, wer ein Europäer ist und was ihn ausmacht. Lassen Sie mich nochmals Claudio Magris zitieren: „Wenn man aber in der Vielfalt Europas von Spanien bis zum Polarmeer Gemeinsamkeiten sucht, muss man wohl zuerst die Betonung des Individuellen nennen: die Würde des Einzelnen gegen alle totalisierenden Verschmelzungen im Ganzen.“

Allerdings ist Europa nicht nur Wiege der Vorstellung universaler Menschenrechte, deren weltweiter Durchsetzung im übrigen sich die Geisteseuropäer jenseits des Atlantiks auf die Fahnen geschrieben haben. Allerdings geht das amerikanische Projekt mit einer Art kultureller Amnesie einher. Sie glauben nicht mehr wie das alte Europa, das die Betonung des Individuellen einer einhegenden Begrenzung durch eine politische und eine wirtschaftliche Ordnung bedarf.

Freilich ist auch das alteuropäische Ordnungsgefüge einigermaßen in Unordnung geraten – ob es sich in den Stürmen der Globalisierung und den Hurrikanen von weltweiten Rohstoffhausses oder auch Finanzkrisen bewährt, muss sich noch zei-gen.

Auch die Hochschätzung des Individuums ist nicht ohne Risiko. Ich könnte Ihnen aus den Schriften Joseph Kardinal Ratzingers eine Fülle von Zitaten anführen, in denen er das Europa der Neuzeit nicht weniger heftig kritisiert als es heute manch ein muslimischer Würdenträger tut. In der Tat weisen sinkende Geburtenraten, die schwindende Achtung vor dem werdenden und dem verlöschenden Leben und ein instrumentelles Verhältnis zur Natur, die längst nicht mehr als Gottes Schöpfung erscheint, darauf hin, dass Europa seine Zeit nicht vor, sondern hinter sich haben könnte, weil es „von innen her leer“ (Ratzinger) geworden ist .

Ein hartes Urteil. Doch nehmen wir zum Beweis nur die christliche Prägung Euro-pas. Sicher verdankt die Ordnung des Zusammenlebens der Europäer vieles dem Christentum. Aber dass zwei Drittel der Christen weltweit in Europa lebten, liegt hundert Jahre zurück. Heute leben zwei Drittel der Christen außerhalb Europas, Tendenz steigend, und mit der Einwanderung aus ehemaligen Kolonien oder Län-dern, in denen es billige Arbeitkraft in Hülle und  Fülle gab, wandern nicht nur so-ziale Konflikte in die europäischen Gesellschaften ein. Auch der religiöse Pluralis-mus nimmt mit einer Geschwindigkeit zu, die das Christentum an vielen Orten im wahrsten Sinn des Wortes als eine alte Religion einer immer älter werdenden auto-chthonen Bevölkerung aussehen lässt. Doch muss das heißen, dass ein beträchtli-cher Teil der europäischen Eliten von den christlichen Wurzeln Europas nichts, a-ber auch gar nichts wissen …

Alles in allen haben wir Europäer keinen Grund überheblich zu sein und zu glau-ben, unsere weltgeschichtliche Stunde sei nun gekommen, etwa weil der Mann mit dem zweiten Initial W von der politischen Bühne abtritt. Bushs Nachfolger Obama wird Europa sicher mehr abverlangen als Bush – und das sicher nicht nur Freude der meisten Europäer. Doch was wäre Europa ohne Amerika? Nicht nur in der jüngsten Vergangenheit einschließlich des Bosnien-Krieges, sondern auch in Zu-kunft?

Wenn die Stunde Europas wirklich geschlagen haben sollte, dann – so will es mir scheinen - weniger auf politischen denn auf kulturellem Gebiet.

In einer Welt, in der pausenlos vom clash of civilizations gesprochen wird, sollten wir Europäer nicht müde werden, unserer eigene (Erfolgs-)Geschichte als Ergebnis eines clashes within civilisations zu erzählen.

Denn was und wer Europa ist, das hat sich erst im Laufe eines konfliktreichen, und auch für die Kirche nicht immer rühmlichen Prozesses herausgebildet. 

Wie mir scheint, stehen andere Regionen und Religionen erst am Beginn des Weges, den Europa und das Christentum schon zu einem Gutteil zurückgelegt haben. Wä-re es nicht sinnvoll, anderen Regionen und Religionen auf diesem Weg beizustehen?

Und sollte es wirklich soweit kommen, auch dann hätte Europa keinen Grund, ü-berheblich zu sein. Denn so wenig wie es ein Ende der Geschichte als solcher gibt (jede europäische Nation hat ihre „Leichen im Keller“), so wenig kann man davon ausgehen, dass Rückschläge auf dem Feld der politischen Kultur prinzipiell ausge-schlossen sind. Die Zeit der clashes ist zumindest an der Rändern Europas nicht beendet, und ob es nicht zu einem clash of civilizations im Maßstab vergangener Weltkriege kommt, wird niemand ausschließen können. Die Ereignisse in Kongo lassen nichts Gutes erahnen.

So oder so: Das Recht auf Leben (right to life, right to live) braucht heute in jeder Beziehung wieder mehr Fürsprecher. 

Allerdings ist es zweifelhaft, ob Europa und die Europäer in diesem Zusammenhang heute noch die Autorität genießen, die sei einst genossen haben. Kein Geringerer als Joseph Kardinal Ratzinger hat wenige Jahre vor seiner Wahl zum Papst darauf hingewiesen, das den „Kulturen der Welt die „absolute Profanität, die sich im A-bendland herausgebildet hat,“ zutiefst fremd sei. „Sie sind überzeugt, dass eine Welt ohne Gott keine Zukunft hat. Insofern ruft uns gerade die Multikulturalität wieder zu uns selber zurück. Europa sollte ganz bewusst wieder seine Seele su-chen.“

Doch wer oder was ist dieses Europa, und wer oder was ist dessen Seele?

Im selben Zusammenhang wies Ratzinger mit den Worten des Historikers Arnold Toynbee darauf hin, dass Schicksal einer Gesellschaft „immer wieder von schöpferi-schen Minderheiten abhängt“. Auch die gläubigen Christen sollten sich als eine sol-che schöpferische Minderheit verstehen.

Ob Ratzinger damals schon Sant’ Egidio vor Augen hatte, weiß ich nicht. Aber nachdem er als Benedikt XVI. im vergangenen Jahr das Weltfriedenstreffen der Gemeinschaft in Neapel besucht hat, sollte man meinen, dass der Papst Sie (uns) zu diesen schöpferischen Minderheiten Europas zählen dürfte – im Gegensatz zu den mehrheitlich laizistischen Eliten, die heute in vielen Ländern Europas den Ton angeben.

Zu tun gibt es für diese Minderheiten viel, nicht zuletzt in dem Dialog mit dem Is-lam, zu dem Sant’ Egidio in der Vergangenheit viel beigetragen hat und der vor kur-zem mit dem katholisch-islamischen Forum in einen neue Etappe eingetreten ist.

Papst Benedikt hat die Aufgabe dieses Dialoges vor zwei Jahren in seiner Adress of to the members of the Roman Curia at the traditional Exchange of Christmas Greetungs so formuliert: “In a dialogue to be intensified with Islam, we must bear in mind the fact that the Muslim world today is finding itself faced with an urgent task. This task is very similar to the one that has been imposed upon Christians since the Enlightenment … As in Christian community, where there has been a long search to find the correct position of faith in relation to such beliefs - a search that will certainly never be concluded once and for all -, so also the Islamic world with its own tradition faces the immense task of finding the appropriate solutions in this regard.  The content of the dialogue between Christians and Muslims will be at this time especially one of meeting each other in this commitment to find the right solu-tions. We Christians feel in solidarity with all those who, precisely on the basis of their religious conviction as Muslims, work to oppose violence and for the synergy between faith and reason, between religion and freedom.”

In diesem Sinn ist die Stunde Europas und der Christen als einer schöpferischen Minderheit innerhalb Europas sicher gekommen.

 

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