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12 September 2011 09:00 | Residenz, Herkulessaal

‚Mission impossible‘ für Europa? - Rede von Maram Stern



Maram Stern


Stellv. Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses

Sehr geehrte Damen und Herren,


Zunächst möchte ich dem Erzbischof von München, Kardinal Marx, und der Gemeinschaft Sant'Egidio, sehr herzlich danken, dass sie mir die Möglichkeit geben, an diesem Runden Tisch als Vertreter des Jüdischen Weltkongresses zu sprechen. 

Seit 75 Jahren – wir haben gerade im August Jubiläum gefeiert – ist der Weltkongress der Zusammenschluss der jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt. 

Dieser Runde Tisch soll sich mit der Frage beschäftigen, was Europas Mission in der Welt ist. 

Der Begriff ‘Mission’ ein religiöser und auf die Politik übertragen wirkt er manchmal doch recht anmaßend: Ein politischer Missionar ist oft gleichbedeutend mit einem Eiferer. 

Doch der Begriff Mission hat auch noch eine andere Dimension: die des Emissaires, der eine gute Idee in andere Teile der Welt bringt, um sie dort zu verwirklichen. Angesichts des Kolonialismus muss man als Europäer natürlich vorsichtig sein, wenn man über Europas Mission in der Welt redet. Dennoch: Europa sollte sich in der Welt einbringen und sich nicht auf den Standpunkt zurückziehen, dass alles sei unmöglich oder unerwünscht, eine „Mission impossible“ also wie im Film.

Dieses Treffen wurde zum 10. Jahrestag des 11. September 2001 einberufen. Sicher erinnern wir uns alle, wo wir in jenem Moment waren und was wir gerade gemacht haben, als wir von den Anschlägen in Amerika erfuhren.  Der 11. September hat die ganze Welt dramatisch verändert, auch wenn er weit weg von Europa stattfand.

Unsere Zusammenkunft findet in einer Zeit statt, die geprägt ist von weltweiter wirtschaftlicher Unsicherheit, vom Wind des Wandels in Nordafrika und im Nahen Osten.  Und auch, da gibt es keinen Zweifel, von der Krise Europas, die sich auf vielen Ebenen manifestiert: institutionell, kulturell und wirtschaftlich. Die Frage ist daher: Welche Rolle soll und will Europa auf dem Kontinent selbst und in der Welt spielen?

Hier werden jetzt vielleicht einige unserer amerikanischen Freunde den Kopf schütteln und sich heimlich fragen, ob wir Europäer nicht in Wahrheit einen Psychiater brauchen. Ihnen sei aber gesagt: Wir Europäer zerbrechen uns viel lieber den Kopf darüber, welches die richtigen Fragen sind, anstatt Antworten auf Fragen zu geben. Wir glauben, dass wir auf diesem Weg wenigstens ansatzweise irgendwann zu Antworten kommen.

Ich möchte hier auch einige Fragen aufwerfen, um mich so meinem Thema, nämlich der Rolle, die Europa in der Welt spielen soll, zu nähern – unter Berücksichtigung der Frage, wie die jüdischen Gemeinden im Europa von heute verankert sind.

Auf politischer Ebene ¬– auf der ich arbeite – wird ‘Europa’ heute von den meisten gleichgesetzt mit ‘Europäischer Union’. Das ist problematisch, denn es vergisst die zahlreichen anderen europäische Organisationen, wie z.B. den Europarat in Straßburg. 

Es wird von Europa erwartet, dass es auf internationaler Ebene mehr Verantwortung übernimmt. Dass ist schon deshalb schwierig, weil in einem Konzert nicht alle die erste Geige spielen können, es aber in der europäischen Politik zu viele Solovirtuosen gibt und zu wenige Musiker, die bereit sind, ihre persönlichen Ambitionen denen des Orchesters unterzuordnen. Die europäischen Institutionen funktionieren aufgrund dieser Egoismen nicht so gut, wie sie könnten.

Das ist sehr schade, denn die Gründung des Europarats und die schrittweise Errichtung der Europäischen Union waren und ist ein Erfolgsmodell und hat dem Kontinent Versöhnung gebracht.

Europa hat sich viele politische und diplomatische Instrumente gegeben, um zu helfen und zu integrieren: es kann internationale Verträge abschließen, es hat zahlreiche Instrumentarien zur finanziellen und humanitären Hilfe, etc. Und dennoch: Das diplomatische und politische Gewicht der europäischen Institutionen ist all zu oft ineffektiv, und Europa verliert durch Kompetenzstreit und politischem Klein-Klein seine Handlungsfähigkeit. 

Im November 2009 erinnerte der neue EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy daran, dass Europa eine Wertegemeinschaft ist und eine wichtige Rolle in der Welt übernehmen muss. Wenn man sich den aktuellen Zustand ansieht, gibt es da wahrhaftig noch viel zu tun.

Was also muss Europa tun? Ich meine damit nicht nur die EU, sondern Europa im weiteren Sinne.

Zunächst denke ich, dass Europa nur dann eine führende Rolle spielen kann, wenn es auf seine soziokulturellen Traditionen besinnt und vom passiven Beobachter des Weltgeschehens zum Akteur wird. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen, die unsere Welt gerade erlebt, sind dramatisch, auch wenn sie im reichen und stabilen Europa momentan nur sehr wenig zu spüren sind.

In unserer zusehends interaktiven und schnelllebigen Welt geht es nicht mehr an, Probleme erst dann anzugehen, wenn sie auftreten – zum Beispiel die Flüchtlinge an unseren Grenzen. Man muss vielmehr vorbeugend und mit Weitblick handeln und künftige Krisen antizipieren.

Das “Politische Werk Europa” steht vor großen Herausforderungen, was seine Zukunft und sein Image auf dem Kontinent selbst und in der Welt angeht.

Europa hatte bisher immer Vorbildcharakter in der Welt. Es war eine Quelle der Inspiration, auch für die Völker anderer Länder und für die Zivilgesellschaften in Europa selbst. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Schutz der Menschenrechte sind bekanntlich europäische Erfindungen und gehören zu ihren Exportschlagern. Überall in der Welt motivieren sich Menschen in ihrem Kampf für Freiheit und Menschenwürde mit dem Erfolg, den diese Prinzipien und Werte in Europa hatten und haben. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg und nach Auschwitz, nach dem Verrat von Europas größter Nation an all diesen Werten, wurde aus dem „europäischen Projekt“ ein weltweites. 
Zum einen war endgültig klar, dass der europäische Einigungsprozess nur dann gelingen würde, wenn das politische Europa in allen seinen Teilen Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit verinnerlichen würde. Die Parole: „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz“ – weder hier noch anderswo auf der Welt - wurde nach dem Krieg zum Leitmotiv der Baumeister Europas. 
Zum anderen war nach dem Massenschlachten des Krieges und des Holocausts auch klar, dass Europa sich würde ändern und eine neue Mission, eine neue Aufgabe annehmen müssen: nämlich die Verbreitung der Demokratie, des Friedens und den Schutz der Menschen- und Minderheitenrechte in der Welt zu fördern. 
Das ist in meinen Augen die zentrale Mission Europas in der Welt.
Europa ist nicht Weltpolizist .
Europa sollte vielmehr jenem Gedankengut zum Durchbruch anderswo verhelfen, dass die Grundlage war für Wohlstand und Frieden auf unserem Kontinent. Dazu gehört auch – bei allen Konflikten, die es da und dort gab und gibt - das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Ethnien seit dem Zweiten Weltkrieg.
Mag sein, dass uns Amerika in dieser Hinsicht noch einiges voraus hat.
Dennoch denke ich, dass der Dialog, den wir hier führen, und den andere Glaubensgemeinschaften oder Volksgruppen auch führen, ebenso ein europäischer Exportschlager werden könnte.
Dieser Dialog nicht für mich ein integraler Bestandteil des „europäischen Projekts“. 

Das politische Europa ist bis vor kurzem vor dem Religionsfaktor etwas zurückgeschreckt, wohl wissend, dass es auf dem Kontinent eine Vielzahl länderspezifischer Modelle des Verhältnisses zwischen Staat und Glaubensgemeinschaften gibt.

Es geht mir hier nicht darum, bestehende Konkordate und Abkommen zwischen Staaten und Religionsgemeinschaften in Frage zu stellen, sondern ich will vielmehr betonen, dass Religionen auch eine kulturelle Dimension haben, welche im Leben viel Europäer nach wie vor präsent ist.

Die zunehmenden Spannungen in Europas Gesellschaften sind oft Konsequenz des Aufeinanderprallens von Menschen unterschiedlicher kultureller und weltanschaulicher Herkunft. 

Die Frage ist: Was kann dagegen getan werden? 

Kann Europa Vorbild sein für andere Weltgegenden bei der Überwindung dieser Spannungen?

Können wir, die Verantwortlichen in den Religionsgemeinschaften, etwas dazu beitragen, dass Menschen verschiedener Herkunft wieder einträchtig zusammenleben?

Für mich ist klar, dass die Religionen aktiv ihren Beitrag dazu leisten müssen. Es stellt sich nur die Frage des ‚wie‘. Religionsgemeinschaften sind keine Regierungen, sie sind auch keine politischen Parteien, die sich direkt in den politischen Prozess einschalten.
Dennoch können Religionsführer viele Dinge sagen, die gehört werden: Respekt und Offenheit gegenüber Fremden und Andersdenkenden, Aufforderung zur Teilnahme am öffentlichen Leben und an Treffen mit anderen Religionen, und vor allem: gemeinsames Handeln zum Wohle aller.
Aufgabe des interreligiösen Dialogs ist es, gemeinsam einen Weg, eine Verständigung zu finden, ohne die eigene Identität zu verleugnen oder die Identität des anderen zu negieren.
Dafür muss aber eine Basis geschaffen werden, die alle Teilnehmer am interreligiösen Dialog akzeptieren müssen: das Streben nach Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit, Frieden muss Konsens sein, sonst macht Dialog keinen Sinn. Hier darf es keine Formelkompromisse geben.
Europas Mission sollte es sein, diesen Werten anderswo in der Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Was vor gut 20 Jahren im sowjetischen Herrschaftsbereich geschah und was jetzt in einigen arabischen Ländern passiert, ist Ausdruck der Popularität, die diese Werte bei den Menschen überall auf der Welt genießen. Freiheit bricht sich selbst die Bahn; sie kann nicht aufoktroyiert werden – wie der Krieg in Afghanistan beweist.
Die Ereignisse des 11. September, und danach die vielen Attentate in anderen Ländern, in Bali, Madrid und London, die Kriege im Irak und in Afghanistan haben einen nachhaltigen Einfluss auf das Zusammenleben verschiedener Religionen – gerade hier in Mitteleuropa - gehabt. Sie haben auch Europas „Mission in der Welt“ verändert.
Obwohl in ganz Europa, verglichen mit anderen Weltgegenden, Religionsfreiheit herrscht und hier jeder mehr oder weniger nach seinem Glauben leben kann, ohne dafür diskriminiert oder gar verfolgt zu werden, muss man doch immer wieder das Wort Albert Camus in Erinnerung rufen, der einmal gesagt hat: „Demokratie ist nicht das Recht der Mehrheit, sondern der Schutz der Minderheit.“
Die Wirtschaftskrise, die Einwanderung und die Geschehnisse im Nahen Osten haben viele Menschen dazu gebracht zu glauben, dass Nicht-Christen kein natürlicher Teil Europas sind und Europa in Wahrheit ein christlich geprägtes Projekt ist. 

Wie sollen wir Juden denn die Worte eines wohlmeinenden ehemaligen niederländischen EU-Kommissars verstehen, der die Juden seines Landes jüngst aufforderte, nach Israel zu gehen, was Holland für sie nicht mehr sicher sei?

Was sollen die Juden im Schwedischen Malmös denken, wenn sie tagtäglich verbal angegriffen werden, und selbst der Bürgermeister der Stadt die antisemitischen Auswüchse rechtfertigt mit der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern?

Ich könnte hier noch viele Beispiele anführen.

Als Romano Prodi vor 12 Jahren Präsident der EU-Kommission wurde, führte ihn einer seiner ersten Besuche nach Auschwitz. Er erinnerte, dass dem Frieden, den wir heute in Europa genießen, die größte Tragödie der europäischen Geschichte vorausging. Er hat auch regelmäßig daran erinnert, dass Europa ein gemeinsames Projekt vieler Minderheiten ist, die sich gegenseitig respektieren.
Wir brauchen daher den politischen und kulturellen Willen, dem Extremismus und der Ausgrenzung den Dialog der Religionen und Minderheiten entgegenzusetzen.
Niemals dürfen Menschen im Namen der Religion dazu missbraucht werden, anderen Menschen Unrecht zuzufügen! Religiöse Eiferer und politische Extremisten müssen bekämpft werden, gerade in unseren eigenen Reihen, in unseren eigenen Ländern. 
Um das zu schaffen, müssen wir übrigens nicht die Religion aus dem öffentlichen Leben entfernen und sie ins Private verbannen. Wir müssen nur respektieren, dass verschiedene Religionen und Traditionen Teil des großen Ganzen sind. 
Die entscheidende Frage ist: Wie kann es gelingen, nicht nur Toleranz zu schaffen – das wäre zu wenig – sondern den Schatz, den diese in Europa vertretenen Gemeinschaften anzubieten haben, zu einem soziokulturellen Schatz werden zu lassen?
Die Globalisierung eröffnet heute Menschen Zugang zu und Kontakt mit einer religiösen Vielfalt, die früheren Generationen unbekannt war.
Noch ist nicht klar, wo die Reise hingeht in Europa. Es wird weiter gewerkelt am europäischen Haus, ohne das allen klar wäre, welches die Fundamente sind. Europas Politiker zögern noch, sich dem Reichtum, den die Glaubens- und Religionsgemeinschaften zu bieten haben, nutzbar zu machen. Die Skepsis ist weiter groß, das Religion Teil des europäischen Projektes sind.
Das sollte uns aber nicht davon abhalten, uns zu engagieren und eine wichtige Rolle beim Bau des Hauses Europa zu spielen. Die Bürger Europas verlangen Antworten auf brennende Fragen nach der kulturellen Identität, nach dem Charakter des europäischen Projekts, nach Europas Rolle in der Welt. Es wird Zeit, dass wir alle Antworten geben. 
 


München  2011

Botschaft
von Papst
Benedikt XVI


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