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13 September 2011 09:00 | Residenz, Vier-Schimmel-Saal

Das Geschenk des Alters von Serafim



Serafim


Orthodoxer Metropolit, Rumänisches Patriarchat

Einleitung

Die Gegenwart von Alten, beziehungsweise sehr Alten, in unserer Gesellschaft stellt eine beträchtliche moralische und geistliche Herausforderung für alle dar, und ganz besonders für die Christen. „Unser Leben währt siebzig Jahre und wenn es hoch komm, sind es achtzig. Das Beste daranist nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin“  (Ps. 89/90, 10).

Das Alter geht uns nicht nur wegen der Gegenwart von Alten unter uns an, sondern es fordert uns heraus, da es unser eigenes Alter ist. Das Altern be-trifft das Menschsein, ebenso wie es das Sein der Tiere und Pflanzen betrifft. Die Steine und die Gebäude scheinen von der Zeit verschont zu bleiben: doch in Wirklichkeit altert das Mineral ebenso wie wir; die Sterne und Planeten selbst sind betroffen vom Verschleiss und schliesslich vom Tod. Nur Gott al-lein altert nicht - Der Hochbetagte, der dem Profeten Daniel erschien ist die Gestalt der ewigen Weisheit Gottes; die unvergängliche Jugend des Herrn ist in der Jugend Christi erschienen, der als Gott durch den Tod hindurchgegan-gen ist und doch nicht altert. 

Es ist paradox, dass Er alles menschliche Leid kannte, ausser dem des Al-terns.

Altern heisst Sterben. Kaum geboren – ja kaum schon gezeugt – ist das menschliche Wesen bereits in diesen Vorgang des Alterns und der Sterblich-keit einbezogen. Zuvörderst scheint das menschliche Wesen, wie alle Kreatur, „ein Sein-zum Tode zu sein“, und die alten Mythen überliefern das Entsetzen des menschlichen Bewusstseins vor einem menschenfressenden Saturn und vor einem unumschränkt regierenden Thanatos (dem Tod). 

Doch das biblische und christliche Bewusstsein antwortet auf diese Heraus-forderung, auf diese Angst und auf dieses Entsetzen mit den Worten des Psalmisten: „die Freundlichkeit des Herrn sucht uns heim und unterweist uns“ – und durch den Glauben an die Auferstehung. Dem Widerwillen, den das Altern hervorruft, und dem Leid, das die sehnsüchtige Erinnerung an die Jugend hervorruft, besonders zu unserer Zeit, begegnet der Christ mit der Erfahrung der Heiligen, die keine andere ist, als die Erfahrung des neuen Le-bens, das von der Auferstehung des fleischgewordenen Wortes ausgeht.

1. Das Altern wurde und wird oft als Fluch erfahren. Die Gegen-wart von Alten ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem; es ist vor allem eine Frage, die mit dem Sein des Menschen verbunden ist: es ist kein Unfall, ebenso wie der Tod kein Unfall ist.  Das eine wie das andere sind Folgen der Ursünde Adams. Das Altern wird als Fluch erfahren, weil es allgemein eine Abnahme der körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten der Men-schen ist, die wir kennen und die wir lieben; und wir bemerken früher als uns lieb ist, in unserer eigenen Existenz, die Vorzeichen dieses Abbaus.  Gestehen wir uns realistisch ein, dass das Alter in unserer Zeit gerade aufgrund der ge-stiegenen Langlebigkeit, im Vergleich zu früher, die ganze Gebrechlichkeit des Menschen zur Erscheinung bringt: der Verlust der geistigen Fähigkeiten lässt den Alten oft zu einem Wesen werden, das seine ihm Nahen nicht wiedererkennt, das nicht weiss wo er ist oder wer er ist. Was die schrecklichen Krankheiten betrifft, die sich zu Alter gesellen, so ist der Alte jemand geworden, den man beaufsichtigen muss, den man beschützen muss, oder den man in eine besondere Einrichtung einweisen muss. Sicherlich fördert man in vielen Ländern Europas den medizinischen Beistand für Alte zu Hause, der es ihnen ermöglicht, mit ihrer äusseren Umgebung und ihren Gewohnheiten verbunden zu bleiben. Jedoch selbst so bleibt der erniedrigte und entstellte Bruder, der „ohne Gestalt noch Hoheit ist“, wie es der Profet Jesaja ausgedrückt hat, sehr oft ein ausgeschlossener und marginalisierter Bruder. Höchst selten in der Familie versorgt, wird sich der Alte häufig an der Härte, der Gleichgültigkeit oder der Ungeduld seiner Nächsten stossen. In unserer Zeit sind es oftmals die Alten, die sich das Leben nehmen, oder die sich selbst halb bewusst sterben lassen, so sehr empfinden sie sich als abgeschnitten und nutzlos; sie haben keinen Platz mehr, sie sind überzählig. 

Vereinzelt wird die Euthanasie ins Gespräch gebracht, als eine Lösung, die der Mensch, der altert und abbaut, in Ausübung einer vorgeblichen Freiheit wählen könnte. In Wirklichkeit ist der seelische Druck so gross, dass der Alte schliesslich den Tod als eine Erleichterung für seine Angehörigen und für sich ansieht. Das wiederum setzt voraus, dass er noch in einer Verfassung ist, seinen Tod herbeizuführen oder zu wünschen...

Jedenfalls erwecken die Alten in unserer heutigen Welt, zumeist weder den Eindruck, glücklich zu sein, noch im Frieden zu sein, noch Weisheit zu haben.

Unsere moderne Gesellschaft, die dem Kult der Jugend und der Schönheit anhängt, erweist sich als recht grausam. Der Alte – das Wort hat einen abfäl-ligen Beigeschmack bekommen – ist der, der die Familie teuer zu stehen kommt, und mehr noch die Allgemeinheit. Er ist eine wirtschaftliche Belas-tung. Die Behandlung der Alten, ihre Medikamente und Krankenhausaufent-halte sind teuer. Doch zugleich sind sie, paradoxerweise,  diejenigen, die das Geld haben, finanzielle Mittel, die man ihnen auf die eine oder andere Weise entziehen möchte. In den Familien möchte man so schnell wie möglich erben; und die Gesellschaft sucht nach Wegen, das Geld der Ruheständler und derer, die etwas beiseite gelegt haben, in den Umlauf zu bringen. Zynischerweise sind die Alten eine Belastung für die Gesellschaft und zugleich stellen sie einen Markt dar: Was kann man ihnen verkaufen?

Betrüblich ist, des Weiteren, die Tatsache, dass die Alten in unserer Zeit häu-fig pflegebedürftig geworden sind und als Unmündige behandelt werden. In gewisser Weise tut die Gesellschaft alles für sie, für ihr Wohl und ihren Kom-fort. Aber man verlangt nichts von ihnen; und sie selbst lassen sich schliess-lich verhätscheln, aber weigern sich häufig, aktiv zu sein und eine Rolle in der Familie oder Gesellschaft wahrzunehmen. Sie nutzen also die gesellschaftli-chen und medizinischen Vorzüge ihres Alters, aber sie tragen nichts zur Ge-meinschaft bei. In der Tat sucht die moderne Gesellschaft weniger die Wahr-heit und die Weisheit, als auf, geradezu obsessive Weise, den Besitz und das Vergnügen.  Der Profit, das Vergnügen, die Ablenkung, und die Zerstreuung für alle, der Traum vom Urlaub und endlos verlängerter Freizeit – so viele Weisen den Tod zu vergessen zu suchen. Also erinnert uns der Alte an den Tod, der uns Entsetzen verursacht, und nichts hat der Alte beizutragen, als seine Lebenserfahrung, seine Weisheit und seine Kenntnisse, womit wir nichts anzufangen wissen!

2. Dieser umrisshaften Zeichnung eines Alters ohne Gott, in einer Gesellschaft, die Idole aber keinen Herrn hat, sucht der Christ zu begeg-nen mit dem Glauben und dem mystischem Wissen um das Sein und die Zukunft des Menschen, das er daraus erfährt. Der Tod ist nicht die einzige Zukunft des menschlichen Wesens; es gibt eine Zukunft für die Alten, das heisst, für jedes menschliche Wesen, für alle Kreatur. Wenn es wahr ist, dass das Alter eine Prüfung darstellt, so hat diese  Prüfung die Bedeutung und die Gestalt des Kreuzes, mit anderen Worten, der Pforte zum ewigen Leben.

Alle Kulturen stellen die Gestalt des Alten als einen Typos verwirklichter Weisheit dar. Die biblische und kirchliche Überlieferung stellt zahlreiche Bei-spiele von Hochbetagten vor, in denen die göttliche Weisheit aufleuchtet: Noah, Abraham und Sarah, die heiligen Gottesahnen Joachim und Anna; und ein besonderer Sonntag ist, vor dem Weihnachtsfest, dem Gedächtnis der Al-ten, von Adam bis Christus, gewidmet. Christus selbst gab mit zwölf Jahren in Seiner heiligen Menschlichkeit Seine Weisheit eines Alten zu erkennen. Die „schönen Alten“ werden auf dem Heiligen Berg Athos als Beispiele der Weisheit und der göttlichen Erkenntnis verherrlicht: Es sind die Alten zu denen man geht, um Rat auf dem Weg des Heils zu suchen. In geistlicher Hinsicht wird das Alter als Weg zur geistlichen Erfüllung angesehen, wohl verstanden durch das Kreuz: aber es gibt keine geistliche Erfüllung ohne das Kreuz. Der heilige Apostel Paulus lehrt mehrfach die beständige Erneuerung des Seins, das in Christus gelebt wird, das heisst, gemäss dem Neuen Menschen. Die menschliche Existenz – und vielleicht die kosmische Existenz – ist eine Metamorphose, die man durchläuft, unter der Voraussetzung, in Christus eingepflanzt zu sein, von einem Sein „zum Tode“ zu einem  Sein „für das ewige Leben“. „Sondern ob auch unser äusserlicher Mensch verfällt, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert“ (2. Korinther 4, 16). Dem unübersehbaren äusserlichen Altern, welches das menschliche Dasein befällt, entspricht bei den Heiligen eine unsichtbare innere Verjüngung während eines guten Teils des Lebens, und diese wird eines Tages deutlich sichtbar wenn der Christ durch die Gnade des Heiligen Geistes erstrahlt. Das einfachste Beispiel, das man hierfür geben kann, ist das des Heiligen Serafim von Sarow: sehr alt geworden, gealtert nicht nur durch die Jahre als vielmehr durch das Schlimme, das er erlitten hatte, gekrümmt und bucklig wie er (dadurch) geworden war, strahlte er doch durch die Gnade des Heiligen Geistes, gemäss dem Wort der Heiligen Schrift, das da lautet: „Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne“. In einem Beispiel wie diesem ist das Alter nicht mehr eine Zeit, in der man mit Bitterkeit und Bedauern auf die Welt blickt, die mit ihren Freuden dahin geht: Es ist (vielmehr) die Zeit in der man sich mit Ungeduld der Welt zuwendet, die kommt und in der man schon erstrahlen kann von dem Licht der jenseitigen Welt um einen herum. Wir haben solche Beispiele um uns herum in unseren Kirchen: heilige Ehegatten, die „miteinander alte werden“, dem Gebet des Tobias entsprechend, in Glauben und Frömmigkeit und auch heilige Mönche die Gestalten von heiteren und friedevollen Alten sind. Das gesegnete und heilige Alter ist eine Wirklichkeit der Kirche zu allen Zeiten.

Die Vorbereitung auf das Alter und auf den Tod hängt von einer fundamenta-len Unterweisung ab, die den grossen Einsatz mit der Taufe ins Bewusstsein bringt: Kampf gegen den geistlichen Tod und um das ewige (unvergängliche) Leben; asketischer Abschluss mit den Leidenschaften an die der Mensch sich an die Welt und an ihre Vergnügungen klammert; eine Gewöhnung von Kindheit an, den Herrn um Vergebung für die eigenen Sünden zu bitten und ihm Dank zu sagen für alles, was man weiss und was man nicht weiss; eine Kultur der Nächstenliebe und besonders der Feindesliebe; Vertrautheit, durch Lektüre der Lebensgeschichten der Heiligen und durch persönliche Begegnungen, mit jenen alten Männern und Frauen, die die Beispielhaft für die Weisheit und für den Frieden Gottes in der Kirche sind, Gedenken des Todes; tägliche Versöhnung miteinander; Verehrung des heiligen und lebendigmachenden Kreuzes (u.s.w.)... Eine kirchliche Unterweisung, gerich-tet vor allem an Familien, ist nötig im Hinblick auf das, was die Lebensalter betrifft, sowohl die Altersstufen des Körpers als auch des geistlichen Lebens. Wir haben Bewegungen von Jungen und Alten: Sehen wir zu, dass die Älteren unter uns an diesen Bewegungen nach dem Mass ihrer Kräfte  an diesen Bewegungen teilnehmen; ermutigen wir sie; die (kirchliche) Unterweisung richtet sich an sie; doch ist es ebenso nötig, sie anzuregen, dass sie ihre geistlichen Erfahrungen den Jüngeren mitteilen; erinner wir sie daran, dass die Zeit, die ihnen gegeben ist, Zeit zum Gebet für uns und für die Welt ist; befragen wir sie um Rat.

Schliesslich bleibt der sehr angespannte Zustand derjenigen, die alt und krank sind, die auf sehr wenige Fähigkeiten beschränkt sind und die sich nicht mehr mitteilen können. Wenn es die Rolle der kirchlichen Gemeinschaft ist, den Sinn für Verantwortung bei den rüstigen Alten zu wecken, so ist es ihre Aufgabe, denen, die behindert sind, den Trost und das göttliche Mitleid zu erweisen und sie den Frieden schmecken zu lassen. „Ob auch unser äusserliche Mensch verfällt, so wir doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert“ sagt der Apostel. Wir altern und wir sterben, aber Christus lebt in uns und wird grösser. Was will das besagen: Christus wird gross in uns ? Es will sagen, dass, die Liebe in uns wächst.  Das Alter, wie die Krankheit, das Leid und der Tod uns gegeben sind als gesegnete Gelegenheiten, Liebe zu erweisen. Nur unsere Leidenschaften hindern uns daran, zu lieben: nicht Alter, nicht Krankheit, nicht körperliche oder geistige Behinderung, noch der Tod hindern uns daran, zu lieben, das heisst, sie verhindern nicht, dass die Gegenwart des auferstandenen und lebendigen Christus jemals in seiner Kirche offenbar wird. Das Gebet der Väter, Mütter und Brüder, die durch Krankheit und Alter geschwächt sind; das Gebet für sie, die Anstrengung, mit ihnen zu kommunizieren, wenn nicht durch Worte, so doch oft durch einen einfachen Händedruck, durch ein Streicheln des Gesichtes – alles das kann Sakrament des Friedens des Herrn sein. Die Begleitung der behinderten Alten beruht nicht auf einer Verpflichtung, sondern auf der Gnadengabe der geschwisterlichen Liebe und auf dem Sakrament der Geschwisterlichkeit. 


 


München  2011

Botschaft
von Papst
Benedikt XVI


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