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11 September 2011 14:30 | Marstallplatz

Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Anschläge in den USA am 11. September 2001



Reinhard Marx


Kardinal, Erzbischof von München und Freising

Anrede,

die Bilder des Angriffs auf die beiden Türme des World Trade Center haben sich tief eingeprägt in das Gedächtnis der Menschheit. Es sind Bilder des Schreckens, der Gewalt, des Terrors, der Angst. Alle können wir uns erinnern an diesen Tag, wir wissen noch, was wir getan haben, was uns bewegt hat, können den Schock und die im Laufe der Stunden stetig wachsende Erschütterung nachempfinden.

Auch zehn Jahre danach ist diese Wunde nicht einfach verheilt, kann das, was passiert ist, nicht als aufgearbeitet gelten. Denn die Konsequenzen dieser menschenverachtenden Tat sind bis heute spürbar. Die Gewalt setzte sich fort in kriegerischen Auseinandersetzungen, in je neuen Reaktionen von Gewalt und Gegengewalt, eine Kette, deren Ende noch nicht absehbar ist. So fordert uns der heutige Tag neu heraus zum Nachdenken. Es geht dabei um ein Gedenken in umfassenden Sinn, um eine Erinnerung, die zum Auftrag wird.

Wir denken an die Opfer des 11. September und an die Opfer von Krieg, Gewalt und Terrorismus in den letzten zehn Jahren.
Wir denken an die ungeheure Hilfsbereitschaft, die am 11. September 2001 sichtbar geworden ist.
Wir denken auch an die Soldatinnen und Soldaten.
Wir denken an alle, die sich in den unterschiedlichen Bereichen dafür einsetzen, dass Gewalt und Terror ein Ende nehmen.
Und wir denken neu darüber nach, wie wir die Logik der Gewalt und der Angst, die Pamphlete des Hasses und der Abgrenzung überwinden können.

Denn die verabscheuungswürdigen Taten des 11. September 2001 hatten zwei Ziele: Zum einen das Ziel der größtmöglichen Zerstörung, der Vernichtung von Menschenleben, die Inszenierung von Bildern des Schreckens und der Angst. Und zum anderen das Ziel, die Welt, besonders die Völker der westlichen Zivilisation, hineinzuzwingen in die Logik der Gewalt und des
Terrors. Es ging und geht darum, die Agenda des politischen und gesellschaftlichen Geschehens durch den Terror vorzugeben und bestimmen zu lassen.

Und es ist ja wahr: Es braucht die Verteidigung gegen die, die mit Gewalt und einer unvorstellbaren Fantasie des Bösen gegen unschuldige Menschen vorgehen und die auf Vernichtung aus sind. Aber unsere Antwort muss größer, umfassender, tiefer sein. Die Vereinigten Staaten und die gesamte westliche Zivilisation, ja die ganze Weltgemeinschaft, die das Ziel des Angriffs waren, müssen über die direkte Abwehr der Gewalt hinaus neue Antworten finden für Frieden und Miteinander in einer globalen Welt. In einer Welt, in der unterschiedliche Kulturen, Religionen, Überzeugungen Platz haben müssen und können.

Manchmal kommt es mir vor, als sei bei der Suche nach diesen großen Antworten das letzte Jahrzehnt ein verlorenes Jahrzehnt gewesen. Wir haben uns wohl allzu sehr in Kriegsszenarien und Kampfesrhetorik bewegt. Wir müssen neu lernen, dass unsere Welt nur zukunftsfähig sein kann in einer Ordnung der Gerechtigkeit und der Solidarität, mit Kräften der Versöhnung, des Friedens und des Miteinanders.

Dieses Weltfriedenstreffen hier in München will dafür Ermutigung und Orientierung sein. Denn unsere Welt kann Schritt für Schritt zum Guten hin verändert werden. Davon lassen wir uns nicht abbringen.

9/11 ist also zehn Jahre danach auch ein Auftrag, eine Sendung, sich nicht der Logik der Rache, der Gewalt und der Feindschaft zu unterwerfen und sich von ihr beherrschen lassen, sondern sich tapfer und mit langem Atem für Frieden, Gerechtigkeit, Begegnung und Versöhnung einzusetzen. Was wäre die Alternative?

Die hier anwesenden Vertreter der Religionen wollen sich in diese Bewegung einreihen. Wir wehren uns entschieden gegen den Missbrauch des Namens Gottes, gegen jede Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung im Namen der Religion. Sich auf Gott zu berufen und unschuldige Menschen zu töten, ist Blasphemie!

Wir wollen durch unser Miteinander hier in München zeigen: Religionen wollen und können Quelle des Friedens, des echten Dialogs und der Versöhnung sein.


München  2011

Botschaft
von Papst
Benedikt XVI


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