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28 August 2010

Pressemitteilung: Nach der Tragödie des kleinen Mario, einem Romakind, das verbrannt ist. Menschlichkeit und Legalität sollen miteinander verbunden werden, um wirkliche Lösungen zu finden. Die Vorschläge der Gemeinschaft Sant'Egidio

 
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LEBENSWERTE ANSIEDLUNG, SCHULISCHE INTEGRATION FÜR ALLE ZIGEUNERKINDER UND ARBEITSEINGLIEDERUNG

Der Tod des kleinen dreijährigen Mario, der in einer heißen Sommernacht in Rom verbrannte, weil Kerzen die Ratten fernhalten sollten, ist eine unannehmbare Tragödie. Man darf nicht mit drei Jahren sterben. Man darf niemals auf diese Weise sterben. Es ist eine Alarmglocke für eine Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten schwer tut, wirkliche Lösungen für eine dauerhafte Notlage zu finden, die nur begrenzte Ausmaße besitzt und für die es wirklich nicht unmöglich ist, Antworten zu finden.

In Italien leben ca. 150.000 Zigeuner, fast die Hälfte sind Italiener, die andere Hälfte Rumänen, die übrigen stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Schon für diese letzteren wäre eine Lösung des Problems möglich. Sie leben schon seit drei Generationen in Italien und können nicht abgeschoben werden, besitzen jedoch keine Papiere, um im Land zu bleiben, weil sich ihr Land aufgelöst hat und sie keine Dokumente mehr haben bzw. die Dokumente ungültig geworden sind. Die in Italien Geborenen können sogar gar kein Dokument bekommen. Eine menschliche und dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung würde mehrere Tausend Menschen in die Legalität zurückholen.

Die Zigeuner in Europa und Italien sind unabhängig von der Nationalität ein Volk, das zur Hälfte aus Kindern und Jugendlichen besteht. Ihre Lebenserwartung ist um drei Jahrzehnte niedriger als bei den übrigen Italienern: schon diese Zahl drückt aus, das die Zigeuner in Italien - ob gute oder böse, Arme, die sich bemühen, im Rahmen der Gesetze zu leben, oder sich mit Tricks durchs Leben schlagen - unter den minimalen Grenzen der Menschlichkeit leben. Ratten und Müllkippen als Begleitung, oft abgebrochene Schullaufbahn, durch Auflösungen von Lagern behinderter Schulbesuch, keine Hygiene nach den Maßstäben "der ersten Welt", sich selbst überlassene Gebiete, die der Erpressung und Kontrolle von mächtigeren und organisierteren Clans überlassen werden, sodass es auch für die Besten immer schwer ist, die Ausgrenzung zu durchbrechen. Ein Leben wie im Slum, und "Slumdog Millionäre" gibt es wenige, oft nur im Film.

Hunderttausende Zigeuner wurden Opfer der Vernichtungslager, wurden jedoch niemals mit einem Land, einem Schuldgefühl und Sympathie vom Rest der Bevölkerung entschädigt. In unseren Gesellschaften sind zum Glück Antikörper gewachsen, die bei Anzeichen eines neu aufkommenden Antisemitismus Reaktionen auslösen. Doch ohne Antikörper setzt sich der Antiziganismus hartnäckig in Krisenzeiten in den Gedanken fest und weist die Zigeuner als feste Ziele von Unmut, sozialen Missständen, Wirtschaftskrise und Angst aus, während der soziale Zusammenhalt abnimmt. Aufsehenerregende Vorgehensweisen in anderen Ländern helfen auch nicht, die vielleicht technisch die Rechte achten, aber ein schwerwiegendes kulturelles Signal aussenden: Man ermutigt dazu, jemandem die Schuld der Krise zu geben und Lösungen zu suchen, die den anderen immer ausgrenzen. Das gibt für den Augenblick Sicherheit, fördert jedoch Intoleranz, soziale Spaltung und auf lange Sicht einen Verfall der Menschlichkeit. Auf Dauer kann es teuer zu stehen kommen, für Frankreich, Italien, Europa.

Nach dem Mitleid erhebt sich wie immer der Ruf nach Recht und Ordnung, "die Schraube muss angezogen" werden. Für die "normalen" Bürger scheinen dies Lösungen zu sein, doch sie leisten überhaupt keinen Beitrag zur Frage, wie man die Integration der Zigeuner in der europäischen und italienischen Gesellschaft fördern kann.

Viele von unterschiedlichen Regierungen in Italien versuchte Lösungen haben ihre Wirksamkeit verloren, weil positive Vorschriften wie über den Schulbesuch nicht mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen einhergingen, mit kulturellen Initiativen zur Stärkung der Sympathie und der Vermittlung zwischen Anwohnern und Neuzugezogenen oder mit Initiativen zur Schaffung anfangs legaler Ansiedlungen, die dann jahrelang sich selbst überlassen wurden, ähnlich oder noch schlimmer als in manchen schwierigen Stadtvierteln Süditaliens.

Die Gemeinschaft Sant'Egidio ruft auf, die überhitzte Atmosphäre abzukühlen, durch die weiterhin eine wirkliche Lösungssuche verhindert, dagegen eine karikaturhafte Spaltung zwischen "Guten" und "Bösen" vorgenommen wird. Man kann aber intelligente und konstruktive dauerhafte Initiativen zur Integration von minderjährigen Roma als reale und nicht vorübergehende Antwort umsetzen, um ein soziales Problem von geringer zahlenmäßiger Dimension aber von großen und übertriebenen Gefühlswallungen einer Lösung zuzuführen.
Es ist eine Gelegenheit, um eine Zeit der Legalisierung und auch der Menschlichkeit und Intelligenz einzuleiten. Bei jeder Investition auf diesem Gebiet muss die soziale Integration im Mittelpunkt stehen.

Mit einigen Grundregeln:
-    Keine Auflösung von rechtswidrigen oder verfallenen Ansiedlungen darf ohne eine entsprechende bessere Lösung geschehen: Entweder werden dabei Familien zerstreut und es gehen Kontakte zu einzelnen Personen verloren oder es entstehen bald verschiedenste neue rechtswidrige und noch schwerer zu kontrollierende Ansiedlungen mit zusätzlichen Problemen für die öffentliche Ordnung und die Fortsetzung von Wegen der schulischen Eingliederung.

-    Legale oder angemessene Ansiedlungen sollten verbessert und registriert und nicht nur mit Einrichtungen der Grundversorgung ausgestattet werden (möglichst sollte eine angemessene Unterkunft angestrebt werden); im Umfeld sollten kulturelle Initiativen und Eingliederungsinitiativen durchgeführt werden, damit ein Bündnis und kein Gegensatz zwischen "Roma" und Anwohnern entsteht.

-    Das Bemühen um eine allgemeine Beschulung von Romakindern sollte verstärkt werden, dazu sollte es Stipendien für Minderjährige und minimale Unterstützung für die Familien geben mit schulischen Hilfen, mit Auszeichnungen für die Besten in bestimmten Projekten, die wie alle Integrationsinitiativen und Förderungen der Lebensqualität von der Europäischen Union unterstützt werden. Die Gemeinschaft Sant'Egidio hat dabei schon Erfahrungen gesammelt und kann auf gute Ergebnisse verweisen, die dem niedrigen Schulbesuch und dem verbreiteten Schulabbruch entgegenlaufen.

-    Arbeitseingliederung auf der Grundlage von individuellen und Gruppenprojekten im Rahmen der verschiedenen Produktionsbereiche des Landes und in Absprache mit den Unternehmen, deren Umsetzung von no-profit-Gruppen und in den verschiedenen lokalen Bereichen des Lebens der Roma tätigen Ehrenamtlichen unterstützt und begleitet werden.


Die gleichzeitige und dauerhafte Durchführung von Initiativen auf verschiedenen Ebenen ist wesentlich für deren Gelingen. Das ergibt den Vorteil, dass die Sozialausgaben auf diesem Gebiet nicht mehr zu häufigen Notfallhilfen werden und "erfolglos" bleiben, sondern zur strukturellen Hilfen der Bekämpfung chronischer Armut und Ausgrenzung der jungen Generationen werden.
 
Die Zigeunerfrage kann auf diese Weise immer mehr eine Angelegenheit der Vergangenheit werden und letztlich zu einem zivilisatorischen Wachstum für die gesamte nationale Gesellschaft führen.

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