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11 Oktober 2008

Aachen: Eucharistiefeier zum 40. Jahrestag der Gemeinschaft Sant’Egidio mit Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff

 
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Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, Aachen
Predigt beim Dankgottesdienst zum 40. Jahr der Gemeinschaft am 11. Oktober 2008
Jes 25, 6-10; Phil 4, 12-14.19f.;  Mt 22, 1-14

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! 
Liebe Freunde der Gemeinschaft Sant‘Egidio! 
Im Evangelium erzahlt Jesus eine Geschichte, die durchsichtig wird auf das, was wir heute feiern. Ein König lädt viele Menschen ein zum Hochzeitsmahl seines Sohnes, ein riesiges Ereignis: das Bankett Gottes mit den Menschen. Und wir denken an das Weihnachtsessen in der wunderbaren Kirche Santa Maria in Trastevere, zu dem die Gemeinschaft Sant‘Egidio die Armen des Viertels und der Stadt Rom einlädt: das große Fest Gottes für seine Freunde, die auch unsere Freunde sind, die Armen.

Viele sind eingeladen. Aber viele sind mit sich selbst beschäftigt, mit ihren Geschäften, mit ihren Äckern und Läden, mit ihren Banktransaktionen, ihren Handys und Computern. Einige werden sogar wütend, wenn man sie in ihrem Kreis stört. Sie schlagen zurück und toten sogar. Der König reagiert heftig und schickt seine Leute an die Hecken und Zäune und befiehlt: “Ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein .. Die Diener holten alle zusammen. Gute und Böse, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen“ (Mt 22, 9 f.).

So beginnt das Fest Gottes mit uns Menschen, sein großes Hochzeitsmahl mit den Armen, den Kindern und Alten, den Bedürftigen und Belasteten. Und beim Weihnachtsessen von Sant‘Egidio und in unserer Eucharistiefeier heute schimmert etwas vom Glanz des himmlischen Hochzeitsmahles durch und wird so für uns heute Nachmittag erfahrbar und lebendig. Wir sind Gottes Gäste. Wir sind seine Freundinnen und Freunde. Gott selbst hat uns eingeladen zum Hochzeitsmahl seine Sohnes Jesus Christus. Deshalb feiern wir dieses Fest: das Bankett Gottes mit uns Menschen.

Was ist der Anlass dieses Festes? 40 Jahre Gemeinschaft Sant‘Egidio. Es war im Jahre 1968, als die Studentenunruhen ausbrachen und das Feuer der revolutionären Stimmung auf die ganze Welt übergriff. Es ging um neue Werte. Das Alte musste weg. Man griff zu Gewalt gegen Sachen. Scheiben gingen zu Bruch, Autos wurden angezündet. Bald kam es zur Gewalt gegen Menschen; Polizeigewalt, gezielte Morde und Terror eskalierten. In Afrika wurde Biafra von Truppen eingeschlossen und Menschen abgeschlachtet. In der Kirche entstand eine heiße, aufsässige Stimmung, als Papst Paul VI. seine Enzykliken über den priesterlichen Zölibat und das banal gesagte „Pillenverbot“ veröffentlichte. Hat die politische Revolution größere Freiheit und sozialeres Handeln gebracht? Hat die sexuelle Freizügigkeit mehr wahre Liebe geschenkt? Haben die neuen Ideen und marxistischen Umtriebe mehr Frieden geschaffen?

1968 sammelte Andrea Riccardi junge Menschen um sich, die eine Revolution anderer Art wollten. Sie hatten das lebendige Evangelium entdeckt und die pastoralen Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils in sich aufgesogen. Sie machten Sozialarbeit in der Peripherie Roms und trafen sich abends zum Nachtgebet in Sant‘Egidio. Sie lebten die Freundschaft mit den Armen, den Kindern, den Alten, wie Jesus sie ihnen vorgelebt hatte. Das war die Revolution der Herzen zur Liebe, zur Freundschaft, zum Gebet. Das Wort Gottes, das Evangelium des Friedens, wurde zum Leitfaden des Lebens. Aus diesem Kern wuchs eine weltweite Gemeinschaft in vielen Ländern der Erde.

Wie war es bei uns? In Würzburg entstand eine deutsche Gemeinschaft, vor allem im studentischen Milieu. In den 80er Jahren haben einige Jugendliche aus Mönchengladbach die Gemeinschaft in Rom kennen gelernt. Nach dem Friedensgebet 2003 begann die Bewegung auch in Aachen. Heute gibt es in vielen Städten auch Deutschlands kleine Zellen des gemeinsamen Gebets, der sozialen Arbeit, der menschlichen Freundschaft.

Die Gemeinschaft hort die Einladung des Herrn im Wort Gottes, in der Feier der Eucharistie, im regelmäßigen Gebet. In Santa Maria in Trastevere, in St. Foillan in Aachen und in Mönchengladbach, in vielen Ländern der Welt, von Mocambique bis Indonesien, von der Elfenbeinküste bis Kuba, in schönen Kirchen wie diesem Dom oder in Hütten und Garagen, in einfachen Zimmern eines Altenheims, in die Freunde der Gemeinschaft gehen, um Freundschaft und menschliche Nähe zu bringen. Gemeinsam wird auf das Evangelium gehört, das das Herz menschlich macht und die Barmherzigkeit Gottes feiert.

Die Gemeinschaft spürt sich gesandt, die Einladung besonders denen zu bringen, die am Rand der Straße leben und nie Einladungen zu Fest und Hochzeiten erhalten. In Mönchengladbach waren Kinder und ihre Familien die ersten Freunde, denen die Gemeinschaft begegnet ist. Die Regenbogenschule wurde eine Schule des Friedens. „Land des Regenbogens“ ist ein Ort, wo die Kinder der Liebe des Evangeliums begegnen und lernen, eine Welt in Frieden, ohne Hass und Trennungen aufzubauen, Vorurteile und Ausgrenzungen zu überwinden, um zu verstehen, dass jeder mithelfen kann, unsere Welt lebenswert zu gestalten und die Menschen für liebenswert zu halten.

Ein Schwerpunkt der Freundschaft mit den Menschen in Deutschland sind die alten Menschen, denen die Fortschritte der Medizin ein längeres Leben bringen, die aber ungeliebt am Rande leben, besonders, wenn sie gebrechlich, krank oder senil werden. Sie werden oft als eine „unnütze Last“ behandelt. Wo sie aber Freundschaft erfahren, da blühen sie auf, da wird ihnen ihr Leben neu lebenswert. Sie erlernen die Weisheit des Alters und beginnen neu das Evangelium zu leben. Sie lehren uns den Wert des Friedens, der Freundschaft und der Begleitung zu verstehen.

Die Armen in unseren Städten haben uns neu die Augen geöffnet für die Armut in der Welt, für die Armen dieser Erde. Die Freundschaft mit den Armen ist ein Wert, den gerade die Bischöflichen Werke in Aachen: MISSIO, MISEREOR, Missionswerk der Kinder, unsere Partnerschaft mit Kolumbien verbreiten sollen. Diese Freundschaft macht uns friedensfähig. Die Comunità di Sant‘Egidio hat Mocambique 1992 den Frieden gebracht, der bis heute anhält. Und die „UNO von Trastevere“ ist heute viel gefragt, Friedensvermittlungen in aller Welt zu übernehmen. Ich danke Euch, dass Ihr jedes Jahr am 1. Januar zum Friedensmarsch nach Aachen kommt und damit die Friedensbotschaft des Heiligen Vaters unterstützt und für den Frieden betet.

Dieser Einsatz für Versöhnung wird auch in den jährlichen Friedensgebetstreffen der großen Religionen deutlich, mit denen Papst Johannes Paul II. die Gemeinschaft nach dem Friedensgebet von Assisi beauftragt hat. Ich bin dankbar, dass wir im Jahre 2003 dieses Friedenstreffen und Friedensgebet zum ersten Mal in Deutschland, in Aachen durchführen durften. Ich erinnere an die ergreifende Schlussszene, wo drei Männer aus dem Irak, ein Sunnit, ein Schiit und Weihbischof Warduni Hand in Hand den Friedensgrus ausgetauscht und die Kerzen entzündet haben.

Ein weiterer Schwerpunkt unseres deutschen Einsatzes in Afrika ist das DREAM-Programm zur Behandlung und Prävention von AIDS. Das größte Problem Afrikas ist diese Krankheit, die Millionen Opfer fordert. Sant‘Egidio hat ein Programm zur Behandlung der Aidskranken entwickelt und führt es in zehn Ländern Afrikas durch. Vor allem sind schwangere HIV-infizierte Frauen Ziel des Programms, damit die Kinder gesund geboren werden. In den vergangenen Jahren sind durch DREAM schon mehrere tausend Kinder von kranken Müttern gesund zur Welt gekommen. Der Kampf gegen AIDS lohnt sich; ich habe es in Maputo gesehen. Ein Viertel der AIDS-Hilfe in Afrika kommt von der katholischen Kirche. Es verwirklicht sich der Traum von einer neuen Zukunft für Afrika die in einer lebendigen Solidarität mit Europa aufgebaut wird. Ich danke unseren deutschen Freundinnen und Freunden, die in Afrika vor Ort beim Programm mitgeholfen haben und Freundschaften mit Menschen dieses vergessenen Kontinents geschlossen haben.

Ein weiterer Traum der Gemeinschaft in den vergangenen zehn Jahren ist die Abschaffung der Todesstrafe. Mehr als fünf Millionen Unterschriften wurden dafür gesammelt und jährlich am 30. November ist der internationale Aktionstag „Städte für das Leben — Städte gegen die Todesstrafe“. Ich danke den Oberbürgermeistern der Städte Aachen und Mönchengladbach, die neben anderen diese Aktion unterstützen und ein Zeichen für Menschlichkeit setzen.

Im Dezember vorigen Jahres hat die UNO Vollversammlung mit großer Mehrheit eine Resolution verabschiedet, die alle Länder der Erde zur Einstellung der Hinrichtungen und zur Abschaffung dieser grausamen und nutzlosen Strafe auffordert. Manche Länder sind diesem Aufruf inzwischen gefolgt. Ich danke Schwester Helen Prejean fur ihren mutigen Einsatz.

Es gäbe noch viel zu berichten über den persönlichen Einsatz unserer Freundinnen und Freunde, z. B. während der Balkankriege in den Flüchtlingslagern, wo sie für Spiel und Spaß der Kinder, aber auch für Schulunterricht gesorgt haben.

Ich meine sagen zu dürfen, dass die Gemeinschaft Sant‘Egidio die Einladung aus dem Gleichnis im Evangelium überall auf der Welt ernst genommen hat und auf die Straßen der Städte und Länder gegangen ist, um Menschen einzuladen zum Fest des Friedens und der Freundschaft, das Jesus veranstaltet. Das Evangelium erwähnt auch, dass man zu diesem Fest das Hochzeitsgewand anlegen muss. Sonst gerät man in tiefe Finsternis. Ohne Hochzeitsgewand kann man am Fest nicht teilnehmen. Dieses Gewand ist die Bereitschaft, sein Herz für die anderen zu öffnen und nicht nur für sich selbst zu leben. Darum bemüht sich die Gemeinschaft und möchte, dass die Freude dieses Festes viele Menschen unserer Welt erreicht.

Liebe Freundinnen und Freunde von Sant‘Egidio! Liebe Schwestern und Brüder! Gott hat uns heute eingeladen zum Hochzeitsmahl seines Sohnes Jesus Christus. Wir dürfen am Bankett Gottes als seine Gäste und Freunde teilnehmen. In Dankbarkeit für das, was Gott uns durch die Gemeinschaft Sant‘Egidio geschenkt hat. In Dankbarkeit für unsere Freundschaft mit den Armen, den Kindern und Alten, den Belasteten und Bedrängten feiern wir Eucharistie, bringen wir den Dank mit Jesus an Gott, den Vater, im Heiligen Geist dar. Amen


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