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13 April 2013 | DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO

Die Gemeinschaft Sant'Egidio in Kinshasa und Lubumbashi (DR Kongo):

ein kleines Volk ohne Angst vor Güte und Zuneigung

 
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Mit der ganzen Kirche haben die Gemeinschaften Sant'Egidio das Osterfest gefeiert. Diese liturgische Zeit weist auf die Herausforderungen des Bösen gegenüber der menschlichen Existenz hin, aber auch auf die großen Energien des Guten, über die auch arme und schwache Jünger verfügen. Das gilt für alle Lebensverhältnis, aber vielleicht insbesondere in einigen Regionen Afrikas wie in der Demokratischen Republik Kongo.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gemeinschaften in diesem riesigen Land, das fast so groß ist wie ganz Westeuropa, sind oft schwierig, weil das Leben hart und voller Gewalt ist. Das gilt nicht nur für den Nordosten in der Region der Großen Seen, wo Rebellenmilizen und kriegerische Banden das Leben von Millionen schutzloser Zivilisten in Schach halten, sondern auch für die "ruhigen" Provinzen im Westen und Süden.

Sowohl im übervölkerten und chaotischen Kinshasa als auch in den unsicheren anderen kongolesischen Städten bildet die Spiritualität von Sant'Egidio und das Evangelium des Dienstes und der Unentgeltlichkeit der Gemeinschaft eine menschliche und friedliche Alternative zu einem Schicksal, das viele in den Sog einer unmenschlichen und gewalttätigen Lebensweise hineinzieht.

Das Gesetz des Stärkeren oder der Überlebenskampf beherrschen viele Lebensbereiche im Kongo. Bei diesem Kampf ist man Nutznießer oder Opfer oder beides. Da es im Land kein effektives institutionelles System gibt und der Staat praktisch auf das Gewaltmonopol verzichtet hat, besteht immer mehr die Gefahr, dass sich ein ungebremster und erbarmungsloser sozialer Darwinismus breitmacht.

Das ist den Bewohnern des Landes sehr bewusst, vor allem in den Großstädten. Kinshasa wurde einstmals Kin la belle (die Schöne), genannt, heute ist es "la poubelle" (der Abfalleimer), wie es in einem bitteren und im ganzen Land verbreiteten Wortspiel heißt. Es gibt sieben Regeln, um im "Dschungel" der Hauptstadt zu überleben, diese Regeln befolgt der aufgeklärt Kinois (Bewohner von Kinshasa), während der Yuma, der ehrenhafte doch törichte Mensch, sie nicht kennt. Ein ausdrückliches Gebot lautet Mwana muninga mawa te (in Lingala: Hab mit niemanden Mitleid, Junge!) Es ist eine harte und erbarmungslose Botschaft, eben das Gesetz des Dschungels, die in verschiedenen Formen und bei unterschiedlichen Anlässen wiederholt wird.

Diese Botschaft wird beispielsweise durch den Film "Viva Riva!" des Kongolesen Djo Tunda wa Munga verbreitet. Er spielt in Kinshasa, das im Trailer mit "jeder Tag ist Kampf" und "alles wird verkauft" beschrieben wird. Der Film erzählt die Geschichte eines schlauen, ehrgeizigen und gewalttätigen Jugendlichen, der Riva heißt, nach Jahren im Ausland in seine Heimatstadt zurückkehrt und auf alle Kosten ein schönes Leben führen möchte. Diese Botschaft verbreiten die Jugendbanden, die von Überfällen leben, die nicht selten mit Mord verbunden sind, um etwas Geld, Handys oder Uhren zu stehlen. Die Mitglieder der Kuluna, so werden diese Banden genannt, verbreiten Schrecken auf den Straßen der kongolesischen Hauptstadt, führen die Ohnmacht der Polizei vor Augen und verschaffen sich Raum in den Informationsmedien. Jeune Afrique (Homepage vom 20.2.2013) hat einige Mitglieder der "Kuluna ‚Die Löwen'" interviewt. Diese nach paramilitärischen Verhalten erzogenen Jugendlichen mit hartem Auftreten in den Beziehungen rechtfertigen ihr Handeln als Antwort auf eine noch größere Gewalt: "Wir sind, wie wir sind, weil der Staat uns verlassen hat. Viele besitzen nichts... Was soll man da tun? Was tust du, wenn du die triffst, denen es gut geht? … Kobotola!", so antworten alle schreiend, "ihnen etwas wegnehmen".

Diese Worte verdeutlichen nicht nur den Zustand einer Welt, in der die Gewalt zu einem endlosen Teufelskreis geworden ist, sondern auch eine Faszination ausübt, um wenigstens einmal ein Akteur und nicht Opfer zu sein in diesem perversen Getriebe. Ebenfalls zeigen sie die Macht des Geldes im kollektiven Denken nicht nur im Kongo. Es verwandelt sich von einem Handelsmittel in einen Mythos und Götzen, für den jegliches Opfer gerechtfertigt ist. In diesem Zusammenhang muss an das Opfer von Floribert Bwana Chui erinnert werden, ein Mitglied der Gemeinschaft Sant'Egidio von Goma und Angestellter des Office Congolais de Contrôle mit der Aufgabe der Gesundheitsüberwachung an der Grenze. Er wurde im Juli 2007 barbarisch ermordet, weil er sich weigerte, sich einem Korruptionsversuch zu beugen.

Das Leben im Kongo hat sich in den Jahren nach 2007 rasant gewandelt. Vor allem in manchen Provinzen ist der Staat nicht mehr auf Knien vor bewaffneten Banden. Einige Infrastrukturen werden erkennbar, die wichtigen Regionen liegen in der Nähe von Kinshasa oder Katanga-Lubumbashi. Diese Provinzhauptstadt ist ein Bild für den Kongo im Übergang, in dem die Bodenschätze nicht mehr nach der Logik von sich bekämpfenden Milizen ausgebeutet werden, sondern im Rahmen der neoliberalen Globalisierung und dem massiven Auftreten Chinas. Gelder zirkulieren viel häufiger, eine kleine städtische Mittelschicht lebt gut, große Schichten der Bevölkerung fangen an, vom Ausweg aus dem Teufelskreis der Armut zu träumen. Doch alles geschieht parallel zu einer zunehmenden Gewalt und im Kontext von schwierigen Beziehungen unter den Einzelnen und Gruppen. 

Manche wollen aber diese Härte nicht akzeptieren. Manche wollen sich nicht an die Gewalt als Methode und Horizont für die Zukunft anpassen. Manche verstehen den Existenzkampf, der die Welt des Kongo zu prägen scheint, nicht als einen Konflikt im Sinn eines allgemeinen homo homini lupus, sondern als einen Einsatz für das Leben, damit alle ein geschütztes und sicheres Leben führen können. 

Das geschieht in Kinshasa im Rahmen der Dienste für die Armen der Gemeinschaften von Sant'Egidio in der kongolesischen Hauptstadt. Diese Dienste sind Orte frei von Gewalt und Materialismus, von der Härte als Gewohnheit und Lebensschicksal. In den fünf Schulen des Friedens der Gemeinschaft in Ligwala, Masina, Mbanza Lemba, im Zentrum für Straßenkinder in Binza oder im Waisenheim Mbudi werden nicht das Gesetz des Dschungels und der Auseinandersetzung gelehrt, sondern die Regeln des Zusammenlebens und des Sprechens. Mit den alten Menschen im Heim von Lingwala und in den Stadtvierteln Bibwa und Lemba werden nicht die Wut dessen gepflegt, der nie genug hat, sondern Zuneigung und Sympathie derer, die viel geben können.

Das geschieht auch in Lubumbashi in den dortigen Schulen des Friedens und im Dienst an den alten Menschen, wie auch in Kikwit (400 km südöstlich von Kinshasa), wo Sant'Egidio regelmäßig das örtliche Gefängnis besucht, in dem überhaupt keine zivilen und menschlichen Standards eingehalten werden: 165 Gefangene leben in zwei Räumen und einem Hof und haben nur eine türkische Toilette und einen Wasserhahn zur Verfügung. Außerdem kommt man nur schwer heraus auch nach Ende der Haftstrafe, denn man muss der Gefängnisverwaltung und den Wachen sehr viel Maniok hinterlassen im Wert von 28 Doller nach dem Marktpreis.

Auch an diesem Ort, wo Härte und Raub zur Institution geworden sind, haben die Mitglieder einer kleinen Gemeinschaft mit ihren Grenzen und armen Mitteln keine Angst, die Gefangenen zu besuchen und ihnen Freundschaft anzubieten, um für einen neuen Kongo einzustehen, der zivilisierter und menschlicher ist, um Jünger eines Herrn zu sein, der selbst gefangen war und gefoltert wurde, und um Herolde einer neuen Zeit der Sympathie, der Höflichkeit, der Liebe und Zuneigung zu sein.

Papst Franziskus hat in der Homilie zum Beginn des Petrusdienstes am 19. März alle Gläubigen dazu aufgerufen: "Alle Männer und Frauen guten Willens möchte ich herzlich bitten: Lasst uns 'Hüter' … sein, Hüter des anderen... lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! … Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!" Darum bemüht sich jede Gemeinschaft von Sant'Egidio überall auf der Welt, ob in mehr oder weniger schwierigem Umfeld wie auch in der Demokratischen Republik Kongo: Männer und Frauen der Güte und Zärtlichkeit zu sein.


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