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8 Juni 2009

Bukavu (DR Kongo): Offener Brief der Gemeinschaft Sant’Egidio an die kongolesischen Autoritäten der Stadt über die Solidarität mit den Bedürftigen

 
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Nach der Verhaftung von 85 armen Menschen – darunter dreißig Minderjährige und zwei Behinderte – hat die Gemeinschaft von Bukavu aus Gründen des Anstands einen offenen Brief an die Autoritäten geschickt, damit sie Anstrengungen für eine humanere Stadt unternehmen und die Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber den Bedürftigen fördern.

Offener Brief an die Autoritäten von Bukavu

Im Radio Okapi haben wir am 26. Mai 2009 von der Verhaftung von 85 Personen durch die Polizei erfahren, von denen 29 Minderjährige und 56 Erwachsene mit zwei Körperbehinderten waren.

Die Anklage gegen diese Personen wurde nie ganz geklärt: Verwahrlosung, schlechte Kleidung, vermutete kriminelle Neigung. In einem Rechtsstaat – und wir glauben fest daran, dass die DR Kongo ein Rechtsstaat ist – darf eine Person nur von der Justiz verfolgt werden, wenn ein Verbrechen begangen und verübt wurde.

Daher bereitet uns die Tatsache Sorge, dass es sich hierbei einerseits um einen deutlichen Verstoß der Polizeigewalt handelt, die die Sicherheit der Bürger ohne Eigeninteressen garantieren müsste (manche berichten, dass Geldforderungen an diejenigen gestellt wurden, die rechtmäßig Informationen über ihre gefangenen Familienangehörigen erhalten wollten), andererseits beobachten wir mit Sorge, dass in unserer Stadt eine Kultur wächst, die Arme und Benachteiligte der Stadt kriminalisiert.

Wie in vielen anderen Teilen der Welt hat sich die Gemeinschaft Sant’Egidio auch in Bukavu (es ist ein vom Heiligen Stuhl anerkannter öffentlicher Verein von Laien in der Katholischen Kirche) entschieden, den Armen nahe zu sein im Gedenken an die Worte Jesu aus dem 25. Kapitel im Matthäusevangelium „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,35-36). Daher haben wir angefangen, die Armen kennen zu lernen, ihre Namen und Geschichten zu erfahren, die – wie wir meinen – denen der 85 unbekannten Gefangenen vom vergangenen 26. Mai sehr ähneln.

Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass die Armen keine potentiellen Verbrecher sind, niemand ist so, sondern die sozialen Lebensbedingungen und die oft leidvollen menschlichen Ereignisse im Zusammenhang mit den Kriegsgeschehnissen der letzten Jahre in unserem Land bringen Männer, Frauen und Kinder dazu, manchmal verzweifelte und zum Teil gewalttätige Gesten gegen Güter und Personen zu tun. Doch dem tritt man nicht mit einem weiteren Krieg gegen die Armen entgegen, um die Sicherheit in der Stadt zu garantieren. Wir haben schon genug Krieg außerhalb der Wohnsiedlungen, wir glauben ehrlich nicht, dass wir ihn auch noch in Bukavu brauchen.

Daher sei es uns erlaubt, den Vertretern der öffentlichen Verwaltung ein altes Sprichwort vorzuschlagen, das besagt, Vorbeugen ist besser als Heilen. Vorbeugung wird nicht durch willkürliche Verhaftungen betrieben. Die Armen sind nicht die Ursache für Missstände, sondern das Ergebnis einer verbreiteten Ungerechtigkeit. Wie man ein Haus nicht säubert, indem man den Schmutz unter den Teppich kehrt, so kann man die Probleme einer Stadt nicht lösen, indem man die Armen ins Gefängnis schickt... Außerdem glauben wir, dass im kleinen und schon überfüllten Gefängnis von Bukavu nicht genug Platz dazu wäre.

Unsere Vorbeugung ist eine Politik der Solidarität, die Straßen und Schulen baut, die den Jugendlichen der Stadt hilft, Ausgrenzung und Anonymität zu überwinden. Wir haben erfahren, dass Personen, die ihre Identität nachweisen können, entlassen werden; darüber freuen wir uns, doch wir fragen uns auch, in welchen Zustand sich das Einwohnermeldeamt unserer Stadt befindet und wie viele Kinder in unserer Provinz heute nicht angemeldet sind und „unsichtbar“ bleiben, ohne Rechte sind und dadurch kriminellen Organisationen und bewaffneten Gruppen ausgeliefert sind.

Wir möchten hier keine sterile Anzeige erstatten. Schon im vergangenen Monat haben wir uns für die Befreiung von 13 Straßenkindern eingesetzt, die unter ähnlichen Bedingungen wie bei dieser neueren und größeren „Razzia“ verhaftet wurden. Heute leben diese Kinder nicht mehr auf der Straße, durch den Einsatz der Gemeinschaft leben sie in einem angemieteten Haus, in dem sie die Perspektive eines neuen Lebens vor sich sehen. Unsere aktuellen Kräfte erlauben es nicht, noch weitere Dinge zu übernehmen, doch es war der Beweis, dass manchmal ein wenig guter Wille ausreicht. Deshalb appellieren wir an den guten Willen aller, um gemeinsam die Probleme unserer Stadt zu lösen.

Denn wir sind überzeugt, dass die Armen nicht das Problem von Bukavu sind, sondern dass die Probleme der Armen die Probleme der Stadt und damit auch unsere sind. Wenn wir den Armen in einer menschlicheren und solidarischeren Stadt helfen, können wir alle besser leben.

Daher appellieren wir an die Polizei und den gesunden Menschenverstand der zivilen Autoritäten der Stadt, dass sie mit weisen und weitsichtigen Gesten dem Einhalt gebieten, was ein deutlicher Verstoß darstellt, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen und zu versuchen, gemeinsame Lösungen zum Wohl aller herbeizuführen.

Wir weiten diesen Appell auf alle am „Gemeinwohl“ Beteiligten aus: Stadtverwaltung, Provinzparlament, MONUC, Katholische Kirche und die verschiedenen Ordensgemeinschaften, wie auch auf die anderen christlichen Konfessionen und religiösen Vereinigungen und Menschenrechtsorganisationen, damit wir gemeinsam dafür arbeiten, auf konkrete Weise die Missstände vieler Menschen, die heute auf der Straße leben, zu beheben.

Wir erlauben uns, einen Wegeplan vorzuschlagen und den Autoritäten vorzulegen, der einige Prioritäten aufzeigt:
1. Umfrage über die Lage der staatlichen Einwohnermelderegister
2. Zählung der Jugendlichen und Kinder, die außerhalb der Familie leben
3. Einrichtung eines Sozialdienstes mit folgenden Zielen:
         a. umfassende Schulbetreuung
         b. Wiedereingliederung in die Ursprungsfamilien, wo es möglich ist,
             und Identifizierung von Minderjährigen ohne                  
             Familienbeziehungen und Aufnahme in entsprechende Zentren in
             Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.

Schließlich wollen wir die Arbeit der Polizeikräfte und unserer Militärs absolut nicht kritisieren. Es ist uns bewusst, dass sie immer unter großen Schwierigkeiten und mit beschränkten wirtschaftlichen Mitteln arbeiten müssen. Wir achten und bewundern ihren Einsatz für das Gemeinwohl. Wir möchten jedoch der Aufmerksamkeit aller den Vorschlag unterbreiten, ein gemeinsames Arbeitsfeld zu suchen, um bei der Humanisierung unserer Stadt zusammenzuarbeiten.

Gemeinschaft Sant’Egidio von Bukavu


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